Veröffentlichte Artikel

Einige Bemerkungen zu den Dopingprozessen gegen Trainer, Sportärzte und Sportfunktionäre der DDR

Prof. Dr. Horst Röder, 15.10.2001


Der Artikel erschien als Sonderdruck der Arbeitsgruppe Sport bei der Gesellschaft zur rechtlichen und humanitären Unterstützung e. V. (GRH, grh-ev.org) im Informationsheft November 2001.

Die Strafverfolgungen und Dopingprozesse gegen Trainer, Sportärzte und Sportfunktionäre der DDR sind seit Anfang Oktober 2000 offiziell abgeschlossen. Die Urteile sind gesprochen, aber die Rechtsgrundlagen dafür sind mehr als fragwürdig und nach DDR-Recht nicht haltbar.

Nach Angaben der Gesellschaft zur rechtlichen und humanitären Unterstützung e. V. wurde in den vergangenen Jahren gegen etwa 1000 Personen aus dem Bereich des ehemaligen Sports der DDR strafrechtlich ermittelt. Es fanden 8 Prozesse statt und mindestens 72 Trainer, Sportärzte oder Sportfunktionäre wurden verurteilt. In den 6 bis 7 Jahre andauernden Ermittlungen wurden schätzungsweise mehre Millionen DM an Steuergeldern verausgabt, nur um den Sport der DDR im Nachhinein an den Pranger zu stellen und um seine Verantwortungsträger als kriminell abzustempeln.

Doch die Dopingspirale dreht sich seitdem im internationalen wie im deutschen Sport ungebremst weiter. Die Anzahl der Dopingfälle – obwohl sie erfahrungsgemäß lediglich die Spitze eines Eisbergs widerspiegelt - erreichte bekanntlich bei den Olympischen Spielen in Sydney ein Rekordergebnis. Dem Nachrichten-Magazin „Der Spiegel“ zufolge stieg die Zahl der positiv getesteten Athleten, bei denen das Steroidhormon Nandrolon nachgewiesen werden konnte, in der Zeit von 1997 zum Jahr 2000 deutlich an. Und ungeachtet vieler offizieller Erklärungen und Erwartungen reißt auch die Kette von Dopingverstößen im deutschen Sport nicht ab. Und während die jüngsten Vorfälle in erstaunlicher Übereinstimmung von Dopingkontrolleuren und Verbandsfunktionären als eine Folge verunreinigter Nahrungsergänzungsmittel klein geredet werden, wird die Anwendung von unterstützenden Mitteln im DDR-Sport ohne Ende und nun auch im Sportausschuß des Bundestages dramatisiert. Ungleichbehandlung, politisches Kalkül und Heuchelei bestimmen noch immer die Dopingdiskussion in Deutschland.

Das alles veranlaßt mich, meine Auffassung in mehreren Punkten zusammen zu fassen und mich insbesondere zu einigen mit den durchgeführten Prozessen aufgeworfenen Fragen zu äußern. Sportpolitische, trainingswissenschaftliche und sportmedizinische Aspekte stehen dabei im Mittelpunkt. In meinen Äußerungen zu juristischen Fragen stütze ich mich weitgehend auf die Ausführungen von Rechtsanwalt Dr. Osterloh vom 9. 6. 2000 vor der 38. Großen Strafkammer des Landgerichtes Berlin.

1. Doping als weltweite Erscheinung des modernen Hochleistungssports

Schon von Beginn an war Doping ein Attribut des sich im 19. Jahrhundert entwickelnden modernen Sports. Anfangs handelte es sich um alle möglichen Aufputschmittel - von Koffein und Nikotin bis zu Strychnin und Heroin - die von einzelnen Sportlern im Wettstreit um immer höhere Leistungen Anwendung fanden. Bis in die sechziger Jahre des vorigen Jahrhunderts überwogen zumeist die sogenannten klassischen Dopingmittel aus der Gruppe der Amphetamine. Anabole Steroide, die in den folgenden Jahrzehnten zu einem hauptsächlich für den Muskelaufbau eingesetzten bevorzugten Mittel wurden, tauchten erstmals in den fünfziger Jahren auf. Berichten nach, verwendeten US-amerikanische Hammerwerfer und Kugelstößer derartige Präparate in Vorbereitung auf die Olympischen Spiele 1956, bei denen sie in den Wurfdisziplinen die Mehrzahl aller Medaillen gewannen. Diese Beispiele machten Schule, zuerst in den Sportländern Westeuropas und später auch in den sozialistischen Ländern.

Bis zum Jahre 1975 noch nicht durch das IOC verboten, erreichte der Einsatz von anabolen Steroiden vor und zu den Olympischen Spielen 1972 in München einen Höhepunkt. Eine Befragung ergab damals, daß 68 Prozent der Olympiateilnehmer in der Leichtathletik Anabolika nahmen. (Vgl.: Dokumentation - Das internationale Doping im Zeitraffer. In: Neue Züricher Zeitung vom 8./9. 8.1998, Seite 39). Man muß davon ausgehen, daß auch nach dem Verbot die Verwendung dieser Mittel in den im Sport führenden Ländern intensiv fortgesetzt wurde. Im Gegenteil: Der Kreis der Sportarten erweiterte sich und erfaßte, wie viele positive Dopingfälle belegen, die Mehrzahl der olympischen Sportarten. Die Anwendung ging bzw. geht dabei weit über den Sport hinaus und erreichte - über das Bodybuilding und durch Modetrends begünstigt - später Millionen. Allein für die USA schätzte man, daß 1988 etwa 500 000 Teenager, darunter ein Großteil von weiblichen Minderjährigen, regelmäßig Anabolika nahmen. (Vgl. : Ebenda).

Mit den Olympischen Spielen 1988 trat die internationale Entwicklung des Dopings nach meinem Ermessen in eine neue Phase ein. Völlig unabhängig vom Sport der DDR und seinem Ende drehte sich die Dopingspirale weiter und erreichte eine neue Dimension. Neben den bislang gebräuchlichen anabolen Steroiden fanden mit dem Wachstumhormon (HGH) und Erythropoietin (EPO) neuartige Mittel Anwendung, die durch die zu dieser Zeit bekannten Kontrollmethoden nicht nachweisbar waren. Vor allem EPO beeinflußte die internationale Leistungsentwicklung maßgeblich. Nach einem Jahrzehnt mit relativ geringen Zuwachsraten explodierten die Weltrekorde in den meßbaren Ausdauerdisziplinen förmlich. In den 90-er Jahren kamen ständig neue, noch nicht kontrollierbare Pharmaka hinzu - Hemopure, Aranesp, MFG. (Vgl.: Doping- Einfach die Spritze ins Bein. In: Der Spiegel, Nr. 33/2000,Seite 157-158; Degen, R.: Die Spritzensportler In: Berliner Morgenpost vom 28.9.2000). Und es ist kein Ende dieser Entwicklung abzusehen. Insider wie der Leiter des dänischen Anti-Doping-Verbandes, Professor Saltin, befürchten in wenigen Jahren "Doping durch künstliche Genveränderung". (Vgl.: Der Spiegel, Nr. 33/2000, Seite 158).Der heutige bezahlte Hochleistungssport ist offensichtlich fest im Griff der Geisel Doping.

Dafür gibt es nach meiner Auffassung wesentliche Gründe. Sie wirken in Gegenwart und Zukunft und nähren die weit verbreitete Befürchtung, daß Doping auch weiterhin den Hochleistungssport begleitet und durchdringt,


Solange diese global für den Leistungssport zutreffenden Ursachen und Triebkräfte für die Anwendung verbotener leistungssteigernder Mittel und Methoden im internationalen Sport nicht einzudämmen und zu beseitigen sind, wird die Gefahr des Dopings weiter bestehen.

Vor diesem Hintergrund mußte auch der Versuch einer einseitigen Aufarbeitung und Verurteilung des Sports der ehemaligen DDR objektiv an seine Grenzen stoßen. Angesichts der mit dem Doping verbundenen komplexen Zusammenhänge war die Justiz überfordert. Im Gegenteil, da die Justiz alle derartigen Zusammenhänge bewußt ausschloß, gerieten die gegen den Sport der DDR geführten Ermittlungen, Strafverfahren und Prozesse von Anfang an in den Verdacht, politisch motiviert zu sein und eine politische Funktion wahrzunehmen.

2. Unterstützende Mittel im Leistungssport der DDR

Nach der Implosion der DDR und dem damit verbundenen Ende der gesetzlich geregelten Geheimhaltungspflicht gab es auch im Sport keine zwingenden Gründe dafür, zu verschweigen, daß im Leistungssport der DDR unter bestimmten Voraussetzungen einzelne, auf der Dopingliste des IOC stehende Pharmaka angewendet wurden.

Auch im Sport vieler anderer Länder fanden über Jahre und Jahrzehnte hinweg solche Mittel wie beispielsweise anabole Steroide in verschiedenen Sportarten eine breite Anwendung. Im Leistungssport der DDR geschah dies` zeitlich weitaus später als in solchen Ländern wie den USA oder der BRD.

In den Anklageschriften und Prozessen wurde der Vorwurf erhoben, daß solche Substanzen im DDR-Sport im Rahmen einer zentral ausgearbeiteten Konzeption und als sogenannte unterstützende Mittel getarnt verwendet wurden. Der Inhalt dieses Begriffes, die hauptsächliche Zielsetzung und die Bedingungen, unter denen unterstützende Mittel im DDR-Leistungssport zum Einsatz gelangten, wurden von den Anklägern weder genau ergründet noch – so scheint mir - verstanden.

Im Leistungssport der DDR fand der Begriff „unterstützende Mittel“ (u M) in Vorbereitung auf die Olympischen Spiele 1968 eine zunehmende Verbreitung. Die seit 1965 gewonnenen positiven Erfahrungen mit dem Höhentraining regten dazu an, ähnliche, die Wirkung des Trainings unterstützende Einflüsse zu erproben bzw. zu erforschen. Wissenschaftlicher und praktischer Ausgangspunkt dafür war das Bemühen, die Belastungsverträglichkeit der im Hochleistungsbereich trainierenden Sportler zu verbessern und - damit verbunden - ihre Wiederherstellung zu beschleunigen. Neben dem Training im Mittelgebirge oder in Sonderfällen in der Barokammer kamen dafür in den folgenden Jahren auch Klimalehrgänge, das Training in Strömungskanälen (im Schwimmen und Kanurennsport), spezielle Trainings- und Hilfsgeräte, autogenes und ideomotorisches Training, sportartspezifische Ernährungs- und Substitutionsprogramme, Elektrostimulation und pharmakologische Wirkstoffe, welche die Belastungs- und Wiederherstellungsprozesse positiv beeinflußten, in Frage. Alle diese Maßnahmen, Mittel und Methoden nannten wir – wegen ihrer das Training als leistungsentwickelnden Kernprozess unterstützenden Funktion – unterstützende Mittel. Das hatte anfangs keinerlei Gründe, etwas verbergen oder geheim halten zu wollen. Alle diese Mittel und Methoden waren in den sechziger bzw. siebziger Jahren international bekannt und damals im Sport auch nicht verboten.

Im Bereich der Sportmedizin wurde der Terminus "unterstützende Mittel" auch in einem engerem Sinne angewandt. Er umfaßte aber auch hier nicht nur anabole Steroide, sondern auch energiereiche Elektrolytlösungen, Vitamine und Mineralien zur Substitution sowie weitere Pharmaka. Keines dieser Medikamente bzw. Substanzen stand damals bei ihrer Einführung auf Verbotslisten im Sport!

Allen diesen Mitteln und Methoden – außerhalb wie innerhalb der Sportmedizin – war eigen, daß sie durch äußere, auf den menschlichen Körper und seine Funktionssysteme gerichteten zusätzlichen Einflüsse die Wirksamkeit des Trainings erhöhen bzw. die Wiederherstellung des Organismus nach höchsten Trainingsbelastungen unterstützen sollten.

Sie hatten in ihrem Wirkungsansatz wenig mit Doping im klassischen Sinne zu tun, das ja ursprünglich auf die unmittelbare Steigerung der Wettkampfleistung selbst gerichtet war. Ihre Wirkungsrichtung war nach unseren Zielvorstellungen stets primär das Training.

Der auf das Training bezogene Einsatz von unterstützenden Mitteln (z. B. das Training im Strömungskanal) ermöglichte maximale Trainingsreize und führte teilweise in Grenzbereiche der Belastbarkeit. Das erforderte die Steuerung und Kontrolle durch den Trainer, den Arzt und teilweise auch durch technische Kräfte. Für sie galt die Verpflichtung, Überbelastungen oder gar gesundheitliche Gefährdungen auszuschließen, denn der Schutz der Gesundheit der Athleten galt grundsätzlich als oberstes Gebot.

Durch sportwissenschaftlich und sportmedizinisch fundierte Konzepte wurde dabei die Anwendung unterstützender Mittel, gleich ob es sich um ein Training in der Barokammer, um Ernährungsprogramme oder um pharmakologische Mittel handelte, methodisch vorgegeben und möglichst exakt dosiert.

Gleiche Bestrebungen und Arbeitspraktiken vollzogen sich nachweislich in den meisten der im Leistungssport führenden Länder. In den 70-er und 80-ger Jahren erreichten die Trainings- und Wettkampfbelastungen im internationalen Leistungssport in quantitativer und qualitativer Hinsicht ein Ausmaß, das eine komplexe Unterstützung der Belastungsverträglichkeit und der Wiederherstellungsprozesse des zunehmend in Grenzbereichen trainierenden Athleten objektiv erforderlich machte. Das gilt auch heute voll und ganz. Ein Spitzenathlet im Straßenradsport, der 6 bis 7 Stunden täglich auf hohem Belastungsniveau trainiert und eine Wochenbelastung von 50 Stunden erreicht, vermag das nur auf der Grundlage eines komplexen sportmethodischen und –medizinischen Vorbereitungs- und Regenerationsprogramms, das vielfältige Maßnahmen einschließlich des Schutzes vor Erkältungen und Erkrankungen sowie der Substitution durch spezielle Nahrungs- und Arzneimittel einschließt. Wer diese Situation im Hochleistungssport nicht wahrhaben will, verschließt die Augen vor der Wirklichkeit. Er toleriert oder unterstützt letztlich die weit verbreitete Heuchelei, die auf der einen Seite jeden neuen Rekord und jeden finanziell hoch dotierten Sieg bejubelt und auf der andern Seite nicht wahrhaben will, daß dabei die Grenzen der natürlichen menschlichen Leistungsfähigkeit längst in vieler Weise überschritten werden.

3. Fehlende internationale Chancengleichheit, ein zweifelhaftes Dopingkontrollsystem und die Gefahr eines unkontrollierten, illegalen Dopings

Am Beispiel der gegen den DDR-Sport geführten Ermittlungen, Anklagebegründungen und Prozesse zeigte sich, daß die Justiz weder in der Lage noch willens war, die Dopingproblematik in ihren internationalen, sporthistorischen und sportwissenschaftlichen Dimensionen zu erfassen. Beweisaufnahme und Urteilsfindung erfolgten ahistorisch und ohne die erforderliche komplexe Sicht. Eine derartige eingeengte Betrachtung und Beurteilung verbaute naturgemäß den Zugang zur Wahrheit. Sie verstärkten bei den Angeklagten letztlich die auch Auffassung, daß auf dieser Basis jede Verteidigung ergebnislos bleiben würde.

Nicht nur in den beiden zentralen Prozessen im Sport - dem Pilotprozeß gegen Trainer und Sportärzte des Sportclubs Dynamo Berlin im Sportschwimmen und dem Prozeß gegen den ehemaligen Präsidenten des DTSB Manfred Ewald und den Sportmediziner Dr. Manfred Höppner - sondern auch in den weiteren Strafverfahren war deutlich zu erkennen, daß man der Erörterung der mit dem Doping in den 70-er und 80-er Jahren verknüpften Zusammenhänge auswich und sich formaljuristisch immer wieder auf den konstruierten Vorwurf vorsätzlicher Körperverletzung zurückzuziehen versuchte.

Das veranlaßt uns, ausführlicher auf die Gründe einzugehen, die ab 1974 in einem streng begrenzten Rahmen zu einem ärztlich kontrollierten Einsatz von ausgewählten anabolen Substanzen im Spitzenbereich einer Reihe von Sportarten führten.

Zu Beginn der 70-er Jahre hatten Doping und besonders die Anwendung anaboler Steroide im internationalen Leistungssport in einer wachsenden Anzahl von Sportarten ein derartiges Ausmaß erreicht, daß die Chancengleichheit des Sports der DDR im internationalen Wettbewerb ernsthaft in Frage gestellt war. Wir waren uns unserer überlegenen Auswahl-, Trainings- und Förderkonzeptionen bewußt. Sie bildeten die solide Grundlage für die Erfolge der Sportler der DDR. (Vgl.: Röder,H.: Von Olympiade zu Olympiade In: Internet-Homepage www.sport-ddr-roeder.de). Doch konnten man auf Dauer fortschreitende Nachteile für unsere Sportler hinnehmen? Einzelne Athleten, Trainer, Wissenschaftler und Sportmediziner verwiesen auf andere Länder und drängten auf Entscheidungen. Wie sollte es unter diesen zunehmend ungleichen Voraussetzungen weitergehen?

Experten aus dem Sportmedizinischen Dienst und aus dem Forschungsinstitut schätzten damals die Lage wie folgt ein:

"In zunehmendem Maße werden in allen Ländern pharmakologische Mittel zur Leistungssteigerung angewandt. Es handelt sich dabei um Präparate, die in den hormonellen Regulationsmechanismus eingreifen, die den Energiestoffwechsel sowie die physischen und psychischen Wiederherstellungsprozesse fördern. Die dazu notwendigen Grundlagen wurden aus den verschiedenen Bereichen der klinischen Medizin entnommen. In zahlreichen Ländern, insbesondere den USA, der BRD, Großbritannien, Schweden und der UdSSR, befassen sich einzelne Mediziner mit Forschungen zur Anwendung von Pharmaka im Leistungssport. Die praktische Anwendung von Pharmaka zur Leistungssteigerung erfolgt gegenwärtig gezielt in den USA, der BRD, Frankreich, Großbritannien, Italien, Schweden, Finnland und den europäischen sozialistischen Ländern."

(Vgl.: Entwurfsfassung einer „Vorlage an den Vorsitzenden der Leistungssportkommission der DDR“ vom 24.6.1974, Seite 1).

Was den Leistungssport der BRD anbetrifft, so ist nachgewiesen, daß bereits seit den frühen 60-er Jahren Anabolika in wissenschaftlichen Untersuchungen und in der Praxis einzelner Sportarten eingesetzt wurden. Aus vielen Beispielen ist eines besonders bemerkenswert: Schon 1968 untersuchte der Sportmediziner Steinbach bei 125 Jungen im Alter von 17 bis 19 Jahren die Wirkung von Anabolika auf das Krafttraining dieser zumeist minderjährigen Sportler. In dem von den Autoren Budzich, Wuschech und Huhn 1999 veröffentlichten historischen Überblick "Doping in der BRD" wird ein nahezu lückenloses Bild der Dopinggeschichte im Sport der "alten" BRD gegeben. Das es sich dabei keineswegs um Einzelfälle oder, wie es gern verniedlichend heißt, um sogenannte "Insellösungen" handelte, enthüllte die ehemalige BRD-Leichtathletin und entschiedene Dopinggegnerin Brigitte Berendonk bereits Jahre zuvor in ihrem Buch "Doping". Dort heißt es u.a.:

Die für den Sport Verantwortlichen hatten in kurzer Zeit ein komplexes, neues System des illegalen Anabolikadopings geschaffen, an dem auch wieder Sportmediziner diskret rezeptierend mitwirkten.....Spätestens seit 1977 aber waren auch die Fronten klar: Der deutsche Sport und der deutsche Staat hatten sich für die Betrüger und gegen die Betrogenen entschieden. Unter den Politikern und Funktionären war keiner, der sich konsequent gegen das verschwiegene Doping eingesetzt hätte."

Das Resümee von Berendonk:

"Doping überall und schlimmer als je zuvor."

(Vgl.: Berendonk, B.: Doping – Von der Forschung zum Betrug. Hamburg: Rowohlt Taschenbuch Verlag 1992, S. 45 und 47).

Aus den Darlegungen von Berendonk läßt sich der Schluß ziehen: Alles, was man dem Sport der DDR in Hinblick auf Doping anzulasten versuchte, das alles gab es im Sport der „alten“ BRD. Es vollzog sich in der BRD und in anderen Ländern zumeist mit einem zeitlichen Vorsprung von mehreren Jahren und war somit Anlaß, zur Wahrung von Chancengleichheit im internationalen Sport Entwicklungen nachzuvollziehen, die unserer sozialistischen Grundauffassung vom Sport und Leistungssport eigentlich fremd waren.

Eine andere, wesentliche Ursache bestand in der zunehmenden Gefahr einer illegalen Beschaffung von Anabolika aus dem Ausland oder auch im Inland selbst. In den Wurfdisziplinen der Leichtathletik oder dem Gewichtheben wurden Beispiele bekannt, wo Athleten ohne Wissen des Trainers oder ihres Arztes sich anabole Steroide selbst beschafften. Ich erinnere mich, daß einzelne Sportler oder Trainer von Auslandswettkämpfen Packungen von Medikamenten oder Ampullen mitbrachten, deren Inhalt auf Anabolika hinwies.

Die Gefahr von Selbstversuchen und eines unkontrollierten Anabolikaeinsatzes war damals auch in der DDR real gegeben. Zurecht wies Dr. Höppner in seiner Prozeßerklärung darauf hin, daß es ihm „um eine sachgerechte, medizinisch kontrollierte Anwendung von unterstützenden Mitteln“ ging und daß er verhindern wollte, daß es zu einer „ausufernden Selbstbehandlung“ kam. (Vgl.: Neues Deutschland vom 6./7.5.2000, S.23).

Ein wirksames internationales Doping-Kontrollsystem, das alle Sportarten und Länder erfaßte, bestand Anfang der 70-er Jahre nicht. Die Kontrollmaßnahmen des IOC und einiger Internationaler Sportverbände beschränkten sich zu dieser Zeit auf ausgewählte Wettkämpfe. Die Kontrollmethodik erwies sich als lücken- und oftmals fehlerhaft. Die Sportleitung der DDR setzte sich von Anfang an für Kontrollen ein, die auf gesicherten wissenschaftlichen Methoden basierten und alle Sportler und Länder gleichermaßen und gleichberechtigt erfaßten. Sie unterbreitete dafür in den Internationalen Sportorganisationen und Sportverbänden nachweislich in den Folgejahren viele die Kontrollmethoden verbessernde Vorschläge. Doch ungeachtet aller Bemühungen der verschiedensten Länder und Organisationen erwies es sich damals in der Praxis als nicht durchsetzbar, ein internationales Kontrollsystem einzurichten, daß auf olympischer Ebene allen Sportlern ein Höchstmaß an Chancengleichheit und Kontrollsicherheit gewährleistete. Diese Situation verlangte entsprechende Entscheidungen und beeinflußte das weitere Vorgehen.

Die Sportleitung in der DDR entschied sich schließlich für ein Vorgehen in zwei Richtungen:

Auf der einen Seite galt es den Kampf um die Eindämmung des Dopings auf internationaler Ebene verstärkt fortzuführen und ein weltweit wirksames, wissenschaftlich fundiertes Kontrollsystem in allen (olympischen) Sportarten einzuführen. Davon war man in den 70-er Jahren noch weit entfernt und jeder Fortschritt in diese Richtung erwies sich als sehr schwierig und äußerst langwierig.

Auf der anderen Seite erschien es erforderlich, daß – solange dieses Kontrollsystem noch nicht bestand bzw. nicht effektiv wirkte – im Interesse der Chancengleichheit unterstützende Mittel weiter erforscht und wissenschaftlich-medizinisch kontrolliert eingesetzt werden.

Die Anwendung dieser Mittel wurde auf einen exakt begrenzten Kreis von Sportlern beschränkt, die aus den Kadern der Auswahlmannschaften (Kaderkreise 1 – 3) ausgewählt wurden. Das waren in der Regel erwachsene Sportler. Lediglich für die Auswahlsportler in den Sportarten mit einem generell niedrigen Höchstleistungsalter wie zum Beispiel dem Sportschwimmen gab es die Ausnahme, daß solche, durch ein mehrjähriges Training bereits zur Leistungsspitze gehörenden jungen Sportler unter Berücksichtigung ihres biologischen Reifegrades bereits ab dem 16. Lebensjahr einbezogen werden durften. Jede Anwendung von Anabolika bei jüngeren Sportlern war grundsätzlich verboten. Dieses Verbot galt dem Schutz der Gesundheit dieser jungen Sportler. Dieser Schutz stand im Leistungssport der DDR im Mittelpunkt, galt als verpflichtendes Ziel und als Voraussetzung für die leistungssportliche Entwicklung.

Es gab aber auch weitere Argumente für ein striktes Verbot der Anwendung derartiger Substanzen bei Nachwuchssportlern. Im Rahmen des langfristigen Leistungsaufbaus junger Sportler waren in den ersten Trainingsetappen die vorgesehenen Belastungsanforderungen in Umfang und Intensität noch relativ niedrig, so daß sich die Anwendung auch aus diesen Gründen verbot. Die Entwicklungspotentiale der jungen Athleten sollten ausschließlich über das Training ausgeschöpft und alle zusätzlichen das Training unterstützenden Mittel und Methoden ausgeschlossen werden. Trainer und Sportärzte waren angewiesen, diese Linie ausnahmslos einzuhalten.

Auf Grund der heute vorliegenden Informationen und Prozeßaussagen muß hier kritisch eingeräumt werden, daß es in einzelnen Fällen offensichtlich Abweichungen und Verstöße gegen diese Bestimmungen gegeben hat, indem auch jüngere Sportler, die nicht zu den festgelegten Kaderkreisen gehörten, entgegen den Festlegungen zentraler Konzeptionen illegal derartige Präparate erhielten.

Die damalige Zustimmung zum Einsatz anaboler Steroide bei einem Kreis von ausgewählten Spitzenathleten fußte auch auf der erfolgreichen strukturellen und fachlich-inhaltlichen Entwicklung des Sportmedizinischen Dienstes in der DDR. In dieser spezialisierten staatlichen Einrichtung des Gesundheitswesens waren mehrere Hundert Fachärzte für Sportmedizin tätig. In allen Bezirken bestanden gut ausgestattete Sportärztliche Beratungsstellen mit Bezirks-, Sportclub- bzw. Sektionsärzten. Das schuf zum damaligen Zeitpunkt die erforderlichen fachlichen und organisatorischen Voraussetzungen für einen sportmedizinisch geführten und kontrollierten Einsatz derartiger unterstützender Mittel in Übereinstimmung mit dem vorrangigen Schutz der Gesundheit der betreffenden Sportler.

Durch eine ganze Reihe aufeinander abgestimmter medizinischer Maßnahmen wurde dieser Gesundheitsschutz und die personell und zeitlich begrenzte Anwendung unterstützender Mittel gewährleistet. Dazu gehörten die regelmäßigen medizinischen Grunduntersuchungen im Verlaufe eines Trainingsjahres, die fortlaufenden leistungsdiagnostischen Kontrollen, die Steuerung und Kontrolle der Anwendung von unterstützenden Mitteln durch ausgewählte Sportärzte des SMD, die Tätigkeit der Arbeitsgruppe u.M. und die jährlich auszuarbeitenden Anwendungskonzeptionen sowie die Anleitung und der Erfahrungsaustausch der betreffenden Ärzte.(Vgl. dazu auch: Erbach, G.: Über die sportmedizinische Betreuung durch den Sportmedizinischen Dienst der DDR (SMD)...).

Alle diese Maßnahmen und Aktivitäten bestärkten bei den einbezogenen Ärzten, Trainern und Leitern die Auffassung, daß eventuelle Nebenwirkungen der angewendeten Anabolika ohne Gefährdung der Gesundheit der Sportler frühzeitig erkannt, eingedämmt bzw. ausgeschlossen werden könnten. Diese Haltung bestimmte auch den Umgang mit dieser Problematik durch die sportpolitisch verantwortlichen Leiter. Grundsätzlich teilten wir die von Dr. Höppner in Auswertung der 2. Weltkonferenz zur Bekämpfung des Dopings vertretene Auffassung:

Viele Arzneien auf der Doping-Liste sind keine Gefährdung, wenn sie sachkundig eingesetzt werden in einem qualitativ hochstehenden System der medizinischen Betreuung. Dieses bietet dem Sportler ein Höchstmaß an Sicherheit für seine Gesundheit und für seine Wettkampfteilnahme.

(Vgl.: Interview Dr. Höppner: In: Deutsches Sportecho vom 20/21.10.1989, S. 3).

In ähnlicher Weise äußerte sich auch Professor. Dr. Häcker, ehemaliger Bereichsleiter für Sportmedizin und Biowissenschaften am Leipziger Forschungsinstitut für Körperkultur und Sport. Er schrieb 1991 in einem Bericht an die "Unabhängige Dopingkommission im deutschen Sport" u. a.:

"Es sind keine Fälle bekannt, daß aufgrund der Befolgung unserer Empfehlungen gesundheitliche Störungen oder Spätschäden ...aufgetreten sind."

(Zitiert nach Leipziger Volkszeitung vom 13.9.1991, S. 6).

Dem gegenwärtigen Erkenntnis- und Informationsstand entsprechend, muß jedoch eingeräumt werden, daß die mit der Anwendung von Anabolika verbundenen Risiken zur damaligen Zeit offensichtlich unterschätzt wurden. Das bezieht sich meiner Einschätzung nach nicht nur auf die möglichen Nebenwirkungen der angewendeten Medikamente, die damals im Leistungssport der DDR nicht oder nur unzureichend bekannt waren, sondern auch auf die Möglichkeit, daß gegen zentrale Anwendungskonzeptionen in einer nicht ausreichend kontrollierbaren Grauzone in verschiedener Weise verstoßen werden konnte. Damit entstand die Gefahr von überhöhten Dosierungen bzw. der Einbeziehung von Sportlern, die nicht zu den entsprechenden Kaderkreisen gehörten.

4. Verurteilungen ohne zweifelsfreien Nachweis eines Kausalzusammenhanges und mit dem Wissensstand von heute

Naturgemäß nahm die Frage nach den möglichen Nebenwirkungen bzw. nach dem ursächlichem Zusammenhang zwischen der Einnahme der betreffenden anabolen Substanzen und den bei einzelnen Sportlerinnen und Sportlern nachweisbaren gesundheitlichen Schäden in den Prozessen einen wichtigen Platz ein.

Eine Reihe von ehemaligen Schwimmerinnen wurde bekanntlich daraufhin untersucht, ob sich bei ihnen nach einer vor vielen Jahren erfolgten Einnahme dieser Mittel gesundheitliche Spätschäden feststellen ließen. Nebenklägerinnen traten als Zeugen auf, da sie vermuteten oder annahmen, daß ihre heutigen gesundheitlichen Probleme mit diesen Medikamenten zusammenhängen könnten.

Anerkannte Gynäkologen und Toxikologen fertigten umfangreiche Gutachten an, in denen sie generell und im Einzelfall keinen wissenschaftlich zweifelsfreien Kausalzusammenhang nachweisen konnten. So konnten bei den untersuchten ehemaligen Schwimmerinnen laut Gutachten keine Wachstumsretardierungen, Störungen der Fruchtbarkeit oder Hinweise auf Herzerkrankungen gefunden werden. Andere, zum Teil vorübergehende körperliche Veränderungen wurden von den Gutachtern als „wahrscheinliche“ Folgen einer früheren Anabolikaeinnahme bewertet. (Vgl. Gesamtgutachten Prof. Dr. H. Lübbert und Prof. N. H. Rietbrock, Blatt 16 – 17). Auch im Prozeß gegen Manfred Ewald und Dr. Manfred Höppner gelangte der Gutachter zu dem Urteil, daß man sich aus medizinischer Sicht lediglich auf den „Verdacht eines Zusammenhangs mit der Vergabe von Anabolika“ stützen könne. (Vgl.: Gutachten des Rechtsmediziners Dr. Malcher vom 22.6.2000).

Alle Ermittlungen, Befunde und die von den Experten vorgetragenen Gutachten gingen über mögliche oder wahrscheinliche Verknüpfungen nicht hinaus, „ohne dass, ein gerichtsfester, kausaler Zusammenhang mit der Anabolika-Einnahme herzustellen war“. (Vgl.: Berliner Morgenpost vom 19.7.2000, Seite 4).

Bei einer derartigen Beweislage hätte jedes neutrale Gericht die Anklage fallen lassen müssen. Nicht aber im Pilotprozeß gegen Trainer und Sportärzte des Sportclubs Dynamo Berlin im Sportschwimmen. Die 38. Große Strafkammer deutete das Gutachten der Professoren Lübbert und Rietbrock in einer ganzen Reihe von Aussagen im Sinne ihrer Intentionen.

In einem Brief vom 23.12.1998 an den Vorsitzenden Richter Bräutigam beschwerte sich deshalb Professor Rietbrock entschieden über diese Vorgehensweise. Er schrieb: „Das Gericht hat Feststellungen im Urteil getroffen, die im Widerspruch zum Sachverständigen-Gutachten stehen“. In sechs Punkten belegte Professor Rietbrock seine Auffassung und unterstellte dem Gericht dabei „Vermutungen“, die „jeglicher fachwissenschaftlichen Grundlage“ entbehren. (Vgl.: Brief vom 23. 12.1998, Seite 4).

Die Aussagen Rietbrocks zum Cholesterin-Stoffwechsel auf der Seite 2 seines Briefes machen seine Vorwürfe besonders deutlich, veranschaulichen sie doch, wie das Gericht selbst wissenschaftliche Erkenntnisse, die erst 1985 bzw. 1994 international bekannt wurden (also viele Jahre nach den, den Angeklagten unterstellten Handlungen) für eine Urteilsbegründung umfunktionierte.

Abschließend äußert Professor Rietbrock in seinem Schreiben:

„Sie werden jetzt verstehen, daß mir diese unzulänglichen Ausführungen für die Verurteilung der Angeklagten Dr. Bienus, Gläser und Dr. Pansold nicht stichhaltig erscheinen und ich den Eingriff in den weiblichen Organismus mit Androgenen in diesen Fällen als unerhebliche Gesundheitsschädigung ansehe. Bei allen 9 Zeuginnen blieb zudem die mögliche Gesundheitsschädigung damals ohne weitere Spätfolgen“ (Seite 4).

Richter Bräutigam tat die Vorwürfe und Berichtigungen des namhaften Gutachters mit der Bemerkung ab: „Es ist für uns mehr bewiesen, als Sie doch annehmen!“ (Vgl.: Seite 1 des Rietbrockbriefes).

Mit einer solchen Haltung fällte das Gericht am Ende des Prozesses die Urteile, obwohl nach den medizinischen Gutachten bei den untersuchten ehemaligen Schwimmerinnen in Verbindung mit der vor Jahren erfolgten Einnahme von Anabolika keine gesundheitlichen Spätschäden nachgewiesen werden konnten und obwohl durch den Gutachter eindeutig bestätigt wurde, daß die Beschuldigten zum Zeitpunkt der ihnen unterstellten Taten keine Kenntnis über bestimmte Nebenwirkungen der eingesetzten Arzneimittel haben konnten, da sie erst Jahre später erforscht und veröffentlicht wurden. Es ist schon mehr als eigenartig, wenn das Gericht angebliche Straftaten in den 70-er und 80-er Jahren mit dem medizinischen Wisssensstand von heute bewertete und zugleich die Informationen des Herstellers der betreffenden Medikamente aus dem Jahre 1974 negierte.

In der entsprechenden Ärzte- und Apothekerinformation des Herstellers VEB Jenapharm heißt es bereits im ersten Satz:

"Die in Turinabol-Präparaten enthaltenen Testosteron-Derivate sind Anabolika, die ohne nennenswerte androgene Nebenwirkungen die Proteinsynthese anregen."

Und an anderer Stelle:

"Eine Therapie mit anabolen Steroiden ist angezeigt bei allen Krankheiten und Funktionszuständen, die mit vermehrten Eiweißumsatz bzw. –abbau einhergehen, wobei die Stimulation der Eiweißsynthese gewöhnlich mit Appetits- und Gewichtszunahme, Besserung des Allgemeinbefindens und Steigerung der physischen und psychischen Leistungsfähigkeit verbunden ist."

(Vgl.: VEB Jenapharm: Information für Ärzte und Apotheker zum Medikament Turinabol , Ausfertigung 1974, Seite 1 und 4).

Aus den damaligen Kenntnissen heraus schien der Einsatz dieser Präparate - die bis 1975/76 auch nicht als Dopingmittel im Sport galten - zur Erhöhung der Belastbarkeit im Training und zur schnelleren Wiederherstellung trainierender Sportler medizinisch vertretbar.

Heute, nach 20 und mehr Jahren, ist der medizinischen Erkenntnisstand zu den Wirkungen und Nebenwirkungen derartiger Mittel naturgemäß weitaus fortgeschrittener. Ihre Nebenwirkungen und Risiken für die Gesundheit sind weitgehend erforscht. Die damals angewendeten Turinabol-Präparate sind heute nicht mehr als Medikamente zugelassen und inzwischen aus dem Handel genommen worden. Das alles rechtfertigt jedoch in keiner Weise, daß das Gericht die Anwendung dieser Mittel allein aus (s)einer heutigen Sicht, ohne Berücksichtigung des damals im DDR-Sport real vorhandenen Kenntnisstandes sowie unter bewußter Ausklammerung der seinerzeit im internationalen Leistungssport konkret bestehenden Situation beurteilte und Sportärzte, Trainer und Sportfunktionäre der vorsätzlichen Körperverletzung von Sportlern bezichtigte.

5. War der Einsatz von unterstützenden Mitteln durch Fachärzte für Sportmedizin unter bestimmten Voraussetzungen medizinisch berechtigt?

Im sogenannten Pilotprozeß gegen Trainer und Ärzte des SC Dynamo Berlin im Sportschwimmen gingen Richter und Staatsanwalt davon aus, daß die angeklagten Sportärzte die als unterstützende Mittel ausgewiesenen Anabolika nur zu therapeutischen Zwecken, also lediglich bei Vorliegen einer entsprechenden Krankheit eines Sportlers, hätten anwenden dürfen. Dazu postulierte die Strafkammer, daß sowohl das Recht der DDR als auch das der BRD „zur Straflosigkeit einer medizinischen Behandlung dasselbe voraussetzen: Ihre medizinische Indikation.“ (Vgl.: Begründung des Urteils zu den Angeklagten Gläser und Dr. Bienus vom 31.8.1998, Seite 153).

Nach dieser Rechtsposition wäre es den angeklagten Ärzten grundsätzlich nicht erlaubt gewesen, derartige Medikamente bei gesunden Sportlern zur Belastungssteigerung oder zur Wiederherstellungsbeschleunigung einzusetzen.

Diese vom Gericht nachhaltig vertretene Behauptung stützt sich wahrscheinlich auf überholte Lehrmeinungen der Schulmedizin in der BRD. Sie entspricht jedoch nicht den in der DDR gültigen gesetzlichen Bestimmungen für die Tätigkeit der Ärzte im Sportmedizinischen Dienst.

Man braucht nur eine der vielen Zeitungen oder Zeitschriften aufzuschlagen, um dutzendfach Arzneimittel aller Art für prophylaktische, therapeutische und regenerative Zwecke zu finden, für deren Bestellung und Anwendung weder eine Krankheit noch eine durch einen Arzt festgestellte Indikation vorliegen muß. Bekanntlich nehmen heute viele Frauen Schwangerschafts-verhütungsmittel oder in den Wechseljahren Hormonpräparate (deren Wirkungen und Nebenwirkungen wissenschaftlich umstritten sind), ohne daß ein krankheitswertiger Zustand besteht. Mit sogenannten Anti - Aging -Therapien, bei denen zum Teil Testosteron und Wachstumshormone Anwendung finden, wird in den USA und zunehmend auch in Europa versucht, natürliche Alterungsprozesse aufzuhalten. Und vermeintlich hyperaktive Kinder erhalten in der BRD, obwohl sie nicht krank sind, zur Ruhigstellung Psychopharmaka von Ärzten verschrieben. (Vgl. dazu: ARD-Fernsehsendung "Report" vom 3.9.2001).

Aber auch das Arzneimittelgesetz der BRD erlaubt nach der in ihm enthaltenen Definition des Arzneimittelbegriffs eindeutig eine weitergehende Anwendung von Medikamenten über Krankheiten oder krankhafte Beschwerden hinaus. Es heißt dort:

"Arzneimittel sind Stoffe und Zubereitungen aus Stoffen, die dazu bestimmt sind, durch Anwendung am oder im menschlichen oder tierischen Körper Krankheiten, Leiden, Körperschäden oder krankhafte Beschwerden zu heilen, zu lindern, zu verhüten oder zu erkennen, die Beschaffenheit, den Zustand oder die Funktionen des Körpers oder seelische Zustände erkennen zu lassen, vom menschlichen oder tierischen Körper erzeugte Wirkstoffe oder Körperflüssigkeiten zu ersetzen, Krankheitserreger, Parasiten oder körperfremde Stoffe abzuwehren, zu beseitigen oder unschädlich zu machen oder die Beschaffenheit, den Zustand oder die Funktionen des Körpers oder seelischer Zustände zu beeinflussen".

(Arzneimittelgesetz in der Fassung vom 24.8.1976 zuletzt geändert durch das Fünfte Gesetz zur Änderung des Arzneimittelgesetzes von 1993, § 2/1, zitiert nach Ortwein, I.: Kleines Lexikon des deutschen Gesundheitswesens, Piper München 1993, Seite 25-26).

Diese sehr breite Fassung des Arzneimittelbegriffes stützt in mehreren Punkten (1.,3. und 5.) die Auffassung, daß eine vom Arzt indizierte Anwendung von Medikamenten auch beim gesunden Menschen und erst Recht bei einem körperlich hoch belasteten, trainierenden Sportler berechtigt sein kann.

Eine derartige Grundposition lag auch dem Gesundheitswesen der DDR und insbesondere der Tätigkeit der im Sportmedizinischen Dienst wirkenden Sportärzte zugrunde. In der DDR war die Sportmedizin eine staatlich anerkannte, medizinische Fachdisziplin mit einem eigenständigen Profil. Ihre Aufgaben waren u. a. in einem bereits seit 1963 gültigen Statut, in dem die „sportmedizinische Betreuung der Leistungssportler der Sportverbände des Deutschen Turn- und Sportbundes“ als eine wichtige Aufgabe definierte wurde, sowie in weiteren staatlichen Vereinbarungen zwischen dem Ministerium für Gesundheitswesen, dem Staatssekretariat für Körperkultur und Sport, dem DTSB und der Gesellschaft für Sport und Technik geregelt. Diese gesetzlichen Bestimmungen legten eindeutig fest, daß Sportmedizin und Sportmediziner „Einfluß auf die Leistungsfähigkeit und Belastbarkeit der Sporttreibenden zu nehmen“ haben und das Ziel verfolgen, „mit spezifischen Mitteln direkt auf die Leistungsfähigkeit und Belastbarkeit einzuwirken“. (Vgl.: Hannemann, D., Kabisch, D., Schüler, K.-P.: Aufgaben und Ziele bei der weiteren Entwicklung der sportmedizinischen Betreuung in der DDR, Zeitschrift Medizin und Sport Heft 7, 1980, Seite 195).

Im System des staatlichen Gesundheitswesens in der DDR hatten die Sportmedizin und der Sportmedizinische Dienst eine besondere Aufgabenstellung. Sie war in hohem Maße auf die Prävention, auf die Belastungs- und Leistungsfähigkeit und auf die Regeneration trainierender Sportler gerichtet. Ihr Gegenstand war nicht vordergründig der kranke Mensch und seine Heilung, sondern der gesunde, sportliche Leistungen anstrebende Athlet. Die im Prozeß der Leistungssteigerung realisierte teilweise extreme Ausschöpfung der biologischen Funktionssysteme bedurfte und bedarf der fachlich kompetenten Betreuung, Steuerung und Kontrolle durch den Sportmediziner als Facharzt. Daraus leitete sich für den Sportarzt in der DDR eine spezifische, gesetzlich definierte Indikationsberechtigung ab, die er verantwortungsbewußt gegenüber dem Sportler wahrzunehmen hatte. Das hauptsächliche Kriterium für das Handeln des Sportarztes war vor allem der Schutz der Gesundheit des trainierenden und sich in Training und Wettkampf hoch belastenden Sportlers und nicht primär das Vorhandensein eines krankhaften Zustandes. Der Facharzt für Sportmedizin hatte in der DDR präventive, leistungsfördernde und wiederherstellende Aufgaben zu lösen. Die Heilbehandlung erkrankter Sportler war in der Regel das Anliegen von Ärzten anderer Fachrichtungen.

6. Zu einigen juristischen Aspekten der Prozesse und Strafverfahren.

Nach dem Einigungsvertrag übernahm die BRD als Staat die Befugnis "nach Rechtsordnung und Rechtspraxis der DDR von ihr tatsächlich als Straftaten verfolgte Handlungen zu verfolgen".

Doping im Sport war jedoch nach den Gesetzen der DDR (wie auch nach den Gesetzen der früheren BRD) kein Straftatbestand. Bis zum 2. Oktober 1990 bestand dafür keinerlei Strafanspruch der DDR und dementsprechend danach auch keiner des vereinten Deutschlands. Um dennoch eine Rechtsgrundlage für eine mögliche Strafverfolgung und Verurteilung von Trainern, Sportärzten und Sportfunktionären zu schaffen, mußte das anzuwendende DDR-Recht und speziell das in Frage kommende Arzneimittelgesetz ausgehebelt und eine juristische Konstruktion für Körperverletzung gefunden werden. Und da fahrlässige Körperverletzung als nur leichtes Delikt keine ausreichend harte und öffentlichkeitswirksame Bestrafung der unter Regierungskriminalität geführten Ermittlungen und Prozesse zuließ, mußte eine Anklage auf vorsätzliche Körperverletzung, möglichst von minderjährigen Sportlern entwickelt werden.

Mit dem Paragraphen 115 des Strafgesetzbuches der DDR, der sich mit Körperverletzungsdelikten befaßt, schien man eine dafür geeignete juristische Basis gefunden zu haben. Doch damit entstand rückwirkend eine Strafbarkeit, die gegen das im internationalen und im deutschen Recht bestehende Rückwirkungsverbot verstieß. Dieses Verbot untersagt eine strafrechtliche Verfolgung auf rückwirkend geänderter gesetzlicher Grundlage als sie zum Zeitpunkt der unterstellten Tat gültig war. Schon aus diesem Grunde erwies sich der Rückgriff auf den § 115 als unzulässig. Außerdem war nach diesem Paragraphen vorsätzliche Körperverletzung in der DDR dann gegeben,

"wenn sich der Täter bewußt für die Vornahme von Handlungen entschied, die eine krankhafte Veränderung des Körpers eines anderen Menschen nach sich zog oder wenn er sich bei seiner Handlung bewußt damit abfand, daß sein Tätigwerden zu einer krankhaften Veränderung des Körpers des anderen führt."

(Vgl.: Osterloh, F.: Antrag vor der 38. Strafkammer des Landgerichts Berlin am 9.6.2000, S. 15).

An dieser Stelle kommt selbst einem des Sports unkundigen Außenstehenden der Gedanke, daß es wohl absurd ist, einem Trainer, Sportarzt oder Sportbetreuer zu unterstellen, daß sie „ihre“ Sportler vorsätzlich verletzen oder gesundheitlich schädigen wollen. Vor allem der Trainer und auch der Sportarzt sind für jeden Sportler solch wichtige Bezugs- und Vertrauenspersonen zu denen sich enge Bindungen aufbauen und mit denen er über einen möglichst langen Zeitraum in gemeinsamer Arbeit sportliche Höchstleistungen erreichen will. Ihnen bewußt gewollte Körperverletzung zu unterstellen, ist unsinnig und absolut kontraproduktiv. Wenn ein Staatsanwalt oder ein Richter dieses tun, so müssen sie sich gefallen lassen, daß man ihnen nachsagt, daß sie entweder vom Sport keine Ahnung haben oder daß sie eine bestimmte vorgefaßte Absicht mit denen ihnen möglichen Mitteln des Rechts und der damit verbundenen Macht durchzusetzen versuchen. Es ist schon sehr bemerkenswert, daß sich weder Staatsanwalt noch Richter zu dieser überaus wichtigen Frage der Motivation in den Anklageschriften, in ihren Plädoyers oder Urteilsbegründungen konkret äußerten.

Nach DDR-Recht erfordert die Anklage vorsätzlicher Körperverletzung weiterhin den zweifelsfreien Nachweis eines kausalen Zusammenhangs zwischen dem verabreichten Arzneimittel und dem eingetretenen Körperschaden. Dieser Ursache-Folge-Zusammenhang ist nicht nur allgemein, sondern auch in jedem einzelnen Fall wissenschaftlich und juristisch zweifelsfrei zu erbringen. Ich bin bereits an anderer Stelle auf die in den medizinischen Gutachten zu den beiden zentralen Prozessen enthaltenen Aussagen eingegangen. Sie veranlaßten den Staatsanwalt und den Vorsitzenden Richter im Pilotprozeß 1998 offensichtlich zu einem erstaunlichen Paradigmenwechsel. Nicht mehr der Kausalnachweis sollte entscheidend sein, sondern bereits die vom Arzt oder vom Trainer befürwortete Einnahme von Anabolika erfüllte, zumindest bei minderjährigen Sportlerinnen, den zur Verurteilung ausreichenden Straftatbestand! Auch das widersprach der im DDR-Recht gültigen Praxis. Es zeigte sich einmal mehr, in welcher schwierigen rechtlichen Lage sich die Anklage befand.

Auch der gegen die Sportfunktionäre erhobene Vorwurf der Beihilfe zur vorsätzlichen Körperverletzung hätte nach dem Recht der DDR eines anderen Nachweises bedurft. Beihilfe verlangte nach dem Recht der DDR stets die vorsätzliche Unterstützung eines „zur Tat bereits entschlossenen Täters“ durch „intellektuelle Unterstützungen oder Handlungen, d. h. eine bestimmte tätige Unterstützung...“. (Vgl.: Osterloh, F.: Ebenda, S. 19). Um die angeklagten Funktionäre verurteilen zu können, konstruierten die Gerichte nach BRD-Recht eine sogenannte Verantwortungs- und Handlungskette. Man unterstellte den Leitern eine Beihilfe zur Beihilfe anderer usw. Auch dieses juristische Konstrukt war nach dem Recht der DDR unstatthaft.

Die Verteidiger der Angeklagten wiesen in den Prozessen und Vernehmungen übereinstimmend nach, daß alle im Zusammenhang mit den Dopingvorwürfen gegen Trainer, Ärzte und Funktionäre des DDR-Sports durchgeführten Strafverfahren nach dem Strafrecht der DDR keine Rechtsgrundlage hatten. Das laut Einigungsvertrag anzuwendende Recht der DDR wurde außer Kraft gesetzt bzw. im Sinne des heute gültigen Rechts der BRD gebeugt, so daß eine Verurteilung wegen angeblich vorsätzlicher Körperverletzung von Sportlern oder der Beihilfe dazu möglich wurde. Um eine derartige Verurteilung begründen zu können, fanden gültige Rechtsgrundsätze der BRD, wie das Rückwirkungsverbot, das Verfassungsgebot der Gleichbehandlung und die Regelung der Verjährung keine Berücksichtigung. Das alles verdeutlicht die politischen Dimensionen dieser Prozesse und Strafverfahren. Ihr Ziel bestand ganz offensichtlich darin, den DDR-Sport mit den Mitteln der Justiz nachträglich zu diffamieren und zu verurteilen sowie einen Teil seiner Verantwortungsträger zu kriminalisieren.