"Erfahrungsaustausch - ja, aber ohne Vorurteile"

Beide deutsche Sportsysteme gehören unvoreingenommen auf den Prüfstand.

Interview in der Tageszeitung Neues Deutschland vom 21.12.2000

Die "Sportler des Jahres 2000" kommen alle aus dem Osten - und das zehn Jahre nach dem Ende des DDR-Sports. Sehen Sie das mit Genugtuung oder mit Überraschung?

Natürlich habe ich das mit Genugtuung aufgenommen, denn diese Athleten sind duch die Schule des DDR-Sports gegangen. Da ich weiß, dass viele daran mitgewirkt haben, vor allem natürlich ihre Trainer, Ärzte, Physiotherapeuten, KJS-Lehrer und andere, bin ich schon ein wenig stolz, dass sie über so einen langen Zeitraum Weltspitzenleistung bringen.

Das widerspiegelt demnach aber auch, dass es viele Erfahrungen und wissenschaftliche Erkenntnisse aus dem DDR-Leistungssport gibt, die heute noch Erfolge hervorbringen.

Das ist richtig. Gerade deshalb bestand 1990 die berechtigte Hoffnung, dass dieses Kapital für die künftige Entwicklung des deutschen Sports gut und verantwortungsbewusst genutzt würde.

Prof. Dr. Horst Roeder
Dr. Horst Roeder (67), promovierter Sportwissenschaftler, Professor an der DHfK,
ab 1974 DTSB-Vizepräsident (Wissenschaft, Trainingswesen, Nachwuchsleistungssport).
Ab 1987 Chef für die Sommersportarten.
Nach 1990 arbeitslos, 1992 bis 1996 am Institut für Gesundheitsförderung Berlin-Charlottenburg.
Einst Zehnkämpfer, heute Rentner in Berlin und verwitwet
ND-Foto: B.Lange

Ist der gern gebrauchte Begriff vom "DDR-Sporterbe", das nach nunmehr zehn Jahren aufgebraucht zu sein scheint, nicht augenwischerei?

Frei von politisch-ideologischen Vorbehalten und objektiv betrachtet kann man durchaus davon sprechen, dass der DDR-Leistungssport ein bedeutendes Erbe hinterlassen hat. Es reicht nach meinem Ermessen vom Erfahrungsschatz der Sportler, Trainer und Leiter über den Fundus an wissenschaftlichen Erkenntnissen in der Trainingsmethodik, der Leistungsphysiologie, Sportpsychologie und anderen Wissenschaftsdisziplinen bis hin zu jenen wesentlichen Strukturelementen und Organisationsformen wie die Trainingsstützpunkte, Kinder- und Jugendsportschulen, Sportclubs und DTSB-Sportschulen. Der Leistungssport war im natürlich im gesellschaftlichen System der DDR fest verwurzelt. Deshalb sind solche Elemente wie das Fördersystem mit seinen drei Stufen, die Spartakiadebewegung, die KJS oder auch das System der "Einheitlichen Sichtung und Auswahl" heute auch nicht kopierbar oder wiederholbar.

Warum eigentlich nicht?

Ich denke, man muss hier unterscheiden: Es gibt wesentliche Elemente des DDR-Leistungssports, die nicht kopierbar sind, weil sie unter bestimmten gesellschaftlichen Verhältnissen entstanden und vor allem auch zur Wirkung gekommen waren. Aber es gibt natürlich genauso Felder, die durchaus übertragbar gewesen wären, wo es auch heute noch nach zehn Jahren lohnenswert wäre, sich die Erkenntnisse der Trainer und Wissenschafler aus der DDR genauer anzuschauen.

Was würden Sie da punktuell besonders nennen wollen?

Insbesondere die Trainingsmethodik, die Planung und die Auswertung des Trainings, die Leistungsdiagnostik, Steuerung und Regelung des Trainings, Eignungsmerkmale im Leistungssport oder auch Erfahrungen und inhaltliche Ansätze der komplexen sportartspezifischen Forschung. Auch die Entwicklung von Wettkampf-, Mess- und Trainingsgeräten gehört dazu. Auf all diesen Gebieten ergäbe sich meines Erachtens nach eine Fülle von Ableitungen.

DSB und NOK reden in der Olympia-Auswertung einer konzentrierten Nachwuchsförderung das Wort, streben Sportschulen bundesweit und flächendeckend an. Ist allein damit den Problemen des Spitzensports beizukommen?

Langfristig gesehen ist die Nachwuchsarbeit für den Leistungssport jedes Landes von außerordentlicher Bedeutung. In Bezug auf die DDR wird der Nachwuchsleistungssport oft auf die anerkannt sehr effektiven Kinder- und Jugendsportschulen reduziert. Sie zeichneten sich bekanntlich durch eine nahtlose Verflechtung von sportlicher und schulischer Ausbildung, durch ihre Bindung an einen oder mehrere Sportclubs sowie durch die enge Gemeinschaftsarbeit von Lehrern und Trainern aus. Vor allem aber lebten die KJS von der Nachwuchsarbeit der 1. Förderstufe und ihrer Trainingszentren. Diese Förderstufe gibt es seit 1990 nicht mehr. Sie ist unwiederbringlich untergegangen und kann auch nicht erneuert werden.

Würden Sie das bitte etwas näher erläutern. Welchen Umfang hatte das in der DDR, welche Verflechtung gab es?

Wenn man vom Jahr 1988/89 ausgeht, so gab es damals in der DDR rund 1700 Trainingszentren mit etwa 1900 Trainern. Sie haben jährlich 2500 sportlich befähigte Nachwuchsathleten in die Kinder- und Jugendsportschulen delegiert. Mehr noch: Diese jungen Athleten wurden über drei bis vier Jahre - teilweise mit einem wöchentlichen Trainingsumfang bis zu zehn Stunden - auf die Anforderungen der Kinder- und Jugensportschulen entsprechend eines in den Verbänden durchgehenden Programms der Trainings- und Leistungsentwicklung vorbereitet.

Wenn das nun alles fehlt - heißt das im Klartext eigentlich nicht, dass die heutigen Eliteschulen unter leistungssportlichen Gesichtspunkten letztlich gar keinen richtigen Sinn machen?

Nein, das heißt es nicht. Nimmt man jedoch die Praxis der jetzt noch bestehenden KJS, so muss man feststellen, dass sportinteressierte Mädchen und Jungen mit ganz unterschiedlichen Leistungs- und Trainingsvorraussetzungen aufgenommen werden. Die Aufgaben des Grundlagentrainings, die im DDR-Sport durch die KJS vorgelagerten Trainingszentren wahrgenommen wurden, müssen zeitlich verzögert von den Trainern und Übungsleitern der Vereine bzw. der ehemaligen Sportclubs geleistet werden. Neben den Abstrichen im Niveau kommt es nahezu unvermeidlich zu ienem deutlich späteren Übergang der Nachwuchssportler zum Abschluss- und Hochleistungstraining. Das hat besonders für alle Sportarten mit einem frühen Hochleistungsalter wie Eiskunstlauf, Geräteturnen, Sportschwimmen, Wasserspringen und andere, in denen zu DDR-Zeiten bereits entsprechend vorbereitete Kinder in den 1. und 4. KJS-Klassen aufgenommen wurden, erhebliche Auswirkungen.

Sie haben eingangs von Notwendigkeiten des Spitzensports wie Trainingsmethodik, Systematik und Planung gesprochen. Worin liegen Ihrer Meinung nach die größten Defizite? Was wäre noch immer an DDR-Erfahrung herüber zu bringen?

Nach meinem Ermessen gibt es eine Reihe ehemaliger Spitzentrainer der DDR, die heute als Bundestrainer schöpferisch und erfolgreich Grundsätze und Erfahrungen des DDR-Leistungssport umsetzen. So habe ich hohen Respekt vor der Arbeit solcher Trainer we Reinhard Heß im Skisprung, Frank Ulrich um Biathlon, Achim Franke im Eisschnellauf und Raimund Bethge im Bobsport. Ich glaube, dass es diese Trainer sehr gut verstanden haben, ihr Konzept in Gemeinschaftsarbeit mit den Heimtrainern direkt am Mann und vor Ort durchzusetzen, indem sie mit den Heimtrainern einen ständigen Meinungs- und Erfahrungsaustausch führen und alle am Prozess beteiligten Trainer, Wissenschaftler, Techniker und Ärzte zu effektiv arbeitenden Ausbildungskollektiven zusammenschließen. Meines Erachtens wäre es sehr lohnenswert, die Tätigkeit dieser Bundestrainer zu analysieren und ihre Erfahrungen und ihre Arbeitsweise sinngemäß auf andere, wenn auch oftmals größere und in ihrer Strunktur kompliziertere Sportarten zu übertragen.

Wiedersprechen Sie sich da nicht selbst ein bisschen, nachdem Sie anfange betont hatten, dass man Vieles aus der DDR nicht so einfach übernehmen kann?

Ich sehe keinen Widerspruch. Die Beispiele aus dem Wintersport zeigen, dass es durchaus Felder gibt, die man übertragen kann und die auch von erfolgreichen Trainern des DDR-Sports übertragen worden sind. Allerdings: Das Wollen und die Fähigkeit dazu sind unerlässlich.

Der Ruf heißt neuerdings "Konzentration der Kräfte und der Mittel". Führt das nicht auch zur Ausgrenzung anderer Spportarten?

Meine persönliche Erfahrung aus dem Sport besagen, dass sich Weltspitzenleistung nur durch eine konsequente Konzentration aller Kräfte ermöglichen lassen. Hervorragende Leistungen lassen sich nur erreichen, indem man eine Idee, ein Konzept hat und dieses Konzept auch voll und ganz durchsetzt. Nur so konnte es der DDR-Sport schaffen, mehrere Generationen von Leistungssportlern in die Weltspitze zu führen.

Hat es am politischen Willen oder am Wollen gefehlt, dass im vereinten deutschen Sport letztlich die Chance vertan wurde, ein sinnvolles DDR-Erbe mit dem Fundus des altbundesdeutschen Sports - in welcher Form auch immer - zu koppeln?

Ja, meines Erachtens hat es vor allem an den nötigen Willen dafür gefehlt. Es hätte durchaus die Möglichkeit und - wie die Entwicklung zeigt - auch die Notwendigkeit bestanden, die Sportsysteme beider Seiten unvoreingenommen auf den Prüfstand zu stellen und den Erfahrungsschatz hier wie dort genau zu analysieren und zu prüfen, was davon übernehmbar und fortentwickelbar gewesen wäre. Das gilt ungeachtet meiner Auffassung, dass wichtige Teile nicht einfach kopier- und übernehmbar gewesen wären.

Was waren aus Ihrer Sicht die Gründe, die das am meisten behindert haben?

Es war poliisch nicht gewollt, ohne Zweifel. Vor allem durch die immer wiederkehrenden Argumente, dass das DDR-Sportsystem durch Doping und die Zusammenarbeit mit der Staatssicherheit belastet gewesen sei, hat man den Blick nicht frei bekommen. Weder für das Ganze noch für das Detail.

Nun ist allerdings auch Doping in der DDR nicht einfach vom Tisch zu wischen...

Nach meiner Auffassung lässt sich dieser Komplex im Rahmen dieses Interviews durch ein oder zwei Fragen weder umreißen, geschweige denn beantworten. Ich möchte mich zu einem späteren Zeittpunkt und schriftlich dazu äußern, zumal ich dabei bin, meine Erinnerungen und Erfahrungen niederzuschreiben. Die lassen übrigens einmal mehr deutlich werden, dass die Ursachen für die Erfolge des DDR-Leistungssports nicht in "unterstützenden Mitteln", sondern in der systematischen, wissenschaftlichen fundamentierten Tätigkeit einer großen Gemeinschaft von Sportlern, Trainern, Spezialisten und Leitern begründet waren.

Viele DDR-Trainer gingen unter anderem auch wegen der Vorwürfe und Anfeindungen ins Ausland

Leider war das so. In diesem Zusammenhang gefällt es mir nicht, wenn bisweilen behauptet wird, dass mainche Trainer ins Ausland gegangen sind, weil sie dort vielleicht mehr Geld bekommen. Ich bin überzeugt: Sie wären lieber hier geblieben und hätten ihr Wissen, ihre Erfahrung im neuen deutschen Sport eingebracht.

Ist die im ND-Interview vom 8. Dezember vom DSB-Vizepräsidenten Ullrich Feldhoff geäußerte Auffassung, dass man die "besten Kräfte Deutschlands an einen Tisch" bringen müsse, zehn Jahre nach der Wende zwar ein später, aber vielleicht noch nicht zu später Ruf?

Die vom DSB-Vizepräsident Feldhoff vor wenigen Tagen im ND geäußerte Ansicht, dass es unklug wäre, wenn man nicht die besten Sportexperten Deutschlands an einen Tisch brächte, halte ich für sehr bemerkenswert. Ich setze dabei vorraus, dass Herr Feldhoff damit alle im Sport und Leistungssport fachlich kompetenten Kräfte ohne jedwede Ausgrenzung meint. Erfahrungsaustausch - ja, aber ohne Vorurteile.

Fühlen Sie sich auch irgendwie persönlich von dem Feldhoff-Angebot angesprochen?

Was mich anbetrifft, so ist es nicht meine Art, mich in die Ecke zu stellen und mir und anderen einzureden, dass mich die Zukunft des Sports in diesem größer gewordenen Deutschland nicht mehr interessiert und bewegt. Dazu waren und sind meine Begeisterung und Leidenschaft für den Sport, dem ich von Kindheit an verbunden bin, zu groß. Vor allem aber geht es um den Sport unserer Kinder und Enkelkinder, gleich ob in den alten oder neuen Bundesländern. Es geht dort wie hier um einen wirkungsvollen Schulsport, um den auch in der Zukunft uneingeschränkten Zugang von Kindern und Jugendlichen zum Sport und zu möglichst allen Sportarten, unabhängig vom Geldbeutel der Eltern. Und es geht auch um eine optimale Förderung all derjenigen, die sich für den Wettkampf- und Leistungssport begeistern und sich in ihm erproben wollen. Dabei erachte ich es für richtig, es nicht allein anderen, Außenstehenden, zu überlassen, über den Sport der DDR zu urteilen und richten. Als Mitgestalter und Zeitzeuge möchte ich selbst zu Wort kommen und darstellen, was wir für den Sport und den Leistungssport in der DDR getan und geleistet haben.

Gespräch: Michael Müller und Jürgen Holz

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