Eine Zwischenbilanz: Zehn Jahre www.sport-ddr-roeder.de

Kein Grund zum Feiern, aber doch bemerkenswert: Im Juni dieses Jahres wurde unsere Webseite 10 Jahre alt. Und jetzt – vor wenigen Tagen – überschritten die Besuchszahlen die 100 000! Als ich damals, im Frühjahr 2001 an die Vorbereitung der Homepage ging, hatte ich keinerlei Vorstellungen welchen Zuspruch eine derartige Internetseite zum Sport und Leistungssport der DDR haben würde. Nach zwei Jahren hatten gerade erst 6000 Interessenten diese Adresse angeklickt. Eigentlich wäre zu erwarten gewesen, dass die Zahl der Besucher über die Jahre eher ab- als zunimmt, wurde doch der zeitliche Abstand zu den Erfolgen unserer Athleten, wie zum Beispiel bei den Olympischen Spielen 1988 in Seoul, immer größer. Doch das Gegenteil geschah. Im Jahr 2010 zählte der Counter die Rekordzahl von 22 000 Besuchen. Auch wenn man bei diesem Anstieg die stürmische Verbreitung des Internet als eine der Ursachen in Rechnung stellt, das Interesse an dieser Seite hielt und hält über Jahre relativ konstant an. Dafür spricht auch die wachsende Zahl der Leute, die mich per E-Mail anschrieben, ihre Meinung äußerten, Fragen stellten oder um Literaturhinweise oder Interviews baten. Die übergroße Mehrzahl bewertete die Website positiv und anerkannte besonders die Darstellung des Hochleistungs- und Nachwuchsleistungssports in der DDR als hocheffizientes komplexes System mit ihm eigenen Funktionen und Strukturen. Nur ganz wenige Personen, die mir E-Mails schrieben, verhielten sich grundsätzlich ablehnend, ja, aus politischen Gründen, feindselig.

Was waren die Beweggründe für die Einrichtung einer Website über den Sport der DDR?

Bekanntlich setzte mit der Zeit der Wende eine extreme Verleumdung und Kriminalisierung des Sports der DDR ein. Politik und Medien gebrauchten dafür permanent Stasi- und Dopingvorwürfe, um Sport und Sportler zu diskriminieren. Die in der DDR über Jahrzehnte gewachsene hohe Anerkennung der Leistungen der besten Athleten und des Sports insgesamt, die auch nach der Wende in der Bevölkerung vielfach fortwirkte, missfiel der neuen politischen Klasse. Die Anwendung von Dopingmitteln, die gegen die Regeln des Sports verstieß, aber damals in keinem Land der Welt einen Straftatbestand darstellte, wurde als ein Teil der Regierungskriminalität in der DDR erklärt und ungeachtet aller Verjährungsfristen lange Jahre nach dem Ende der DDR juristisch verfolgt. Die in ähnlicher oder gleicher Weise mit Dopingvorwürfen belasteten Funktionäre, Ärzte und Trainer der alten Bundesrepublik blieben bis heute unangetastet. Im Zusammenspiel von Politik, Medien und Justiz entstand ein Zerrbild des DDR-Sports aus Halbwahrheiten und Wahrheiten, aus Lügen und Erfindungen. Es war in keiner Weise jener lebendige Sport in Breite und Spitze, in Stadt und Land, von Jung und Alt, den ich selbst als Sportler betrieben, erlebt und aktiv in verschiedenen Führungsaufgaben mitgestaltet habe. Es wuchs die feste Absicht: Dem musste widersprochen werden. Als einer der Vizepräsidenten des DTSB, lange Jahre auch zuständig für den Hochleistungs- und Nachwuchsleistungssport, betrachtete ich es als Aufgabe, die Wahrheit über den Leistungssport, seinen Weg in die Weltspitze, seine Grundlagen und Triebkräfte darzustellen und all jene – Sportler, Trainer, Wissenschaftler, Mediziner, Techniker, Helfer und Leiter - zu würdigen, die dafür ihr Bestes gegeben haben. Was konnte man dafür tun? Der Weg in die Öffentlichkeit war uns weitgehend verbaut. Und wenn Interviews oder Veröffentlichungen möglich waren, musste man damit rechnen, dass sie beschnitten, verbogen oder durch inakzeptable Forderungen verhindert wurden. So wuchs die Idee, das Internet, dieses damals noch junge elektronischen Medium, zu nutzen. Hier vermochte man sich ohne Beschränkungen oder den Einfluss von Verlagen und Lektoren und auch ohne größeren finanziellen Aufwand zu äußern. Im Gegensatz zu einer Buchveröffentlichung versprach ich mir durch die Nutzung des Internets eine sehr viel breitere, ja globale Öffentlichkeit. Meine Erwartungen erwiesen sich als richtig.

Aus welchen Ländern und Orten kamen die Besucher der Webseite?

Internetsuchdienste, wie zum Beispiel Google, bieten für die einzelnen Webseiten umfangreiche Analysen an. Sie geben Auskunft über die Herkunft der Besucher sowohl nach Kontinenten, Ländern und Orten und informieren über die Zeitdauer der Nutzung einer Webseite und vieles anderes mehr. Als Grundlage für unsere Analyse entschieden wir uns für den Zeitraum eines Jahres und zwar vom Oktober 2010 bis Oktober 2011. In dieser Zeit wurde unsere Webseite fast 19 000-mal angeklickt. Die Besucher kamen aus 82 Ländern oder – auf Städte und Orte bezogen - aus 1 479 Orten. Diese Zahlen überraschten auch uns. Sie bestätigen unsere im vorangehenden Abschnitt beschrieben Erwartung, dass wir mit einem Internetauftritt weit über Deutschland hinaus sportinteressierte Menschen erreichen würden. Natürlich kamen die meisten Besucher aus Deutschland (16 361 Besuche) sowie den anderen deutschsprachigen Ländern - Österreich (651), Schweiz (492). Dann folgten Polen, Frankreich und – durchaus erstaunlich – mit 94 Besuchen die USA. Und noch erstaunlicher: Die durchschnittliche Verweildauer der amerikanischen Besucher auf unserer Homepage betrug über 30 Minuten! Großbritannien, der Ausrichter der Spiele 2012, kam mit 83 Besuchen unmittelbar nach den Interessenten aus den USA.

Was die Verteilung auf Städte bzw. Orte anbetrifft, so führt Berlin mit 2 785 Besuchen vor München (1130), Leipzig (690), Hannover (546), Hamburg (450), Stuttgart (414), Dresden (348), Frankfurt/Main (332), Karlsruhe (317), Erfurt (297), Köln (255). Aus meiner Sicht bemerkenswert: Der relativ hohe Anteil von Besuchern aus den alten Bundesländern! Bei den ausländischen Städten/Orten fallen besonders Wien (165), Zürich (73), Warschau (56), Paris (26), Moskau (24), Luxemburg, Lausanne auf, aber auch Interessenten aus Dubai (10), Dublin, Buenos Aires (5), Los Angeles, Santiago de Chile und Ulan Bator (3) sind zu finden. Hinzu kommen viele Sportinteressierte aus Orten, von denen man nicht weiß, ob sie auf den uns zugänglichen Landkarten überhaupt verzeichnet sind. Weiter erfährt man bei „Google Analytics“, dass die Besucher insgesamt 57 Sprachen verwendeten, dass über 70 Prozent Erstbesucher waren, dass die höchste Zahl pro Tag bei 101 und der Mittelwert über alle Tage des ausgewählten Jahres bei 51 Besuchen lag. Toll, dieses Internet! Nachdenklich macht jedoch die Transparenz, der wir und unsere Aktivitäten in der Welt von heute unterliegen!

Abschließend zu diesem Teil noch einige Zahlen aus der eigenen Statistik über den Anstieg der Interessenten in den zurückliegenden zehn Jahren. Von Juni 2001, dem Monat der Eröffnung der Webseite, bis zum 31.12.2003 wuchs die Zahl auf 9 140. In den Kalenderjahren 2004 bis 2007 stiegen die Zahlen jährlich zwischen 4 400 und 5 800, so dass am Jahresende 2007 29 723 Besuche registriert wurden. Ab 2008 vergrößerte sich der Zuspruch ganz erheblich: 2008 plus 11 247, 2009 plus 18 734, 2010 plus 22 574. Sicherlich geht man nicht fehl, wenn man diesen sprunghaften Anstieg mit den Olympischen Spielen 2008 in Peking, aber auch mit den neuen Kapiteln, die wir in diesen Jahren in die Homepage stellten, verbindet.

Welche Kapitel der Homepage bevorzugten die Nutzer besonders?

Google ermittelt in seinem Analyseangebot auch die so genannten „beliebtesten Webseiten“ oder anders gesagt, die Anzahl der Seitenaufrufe je Kapitel und Kapitelabschnitt. Die für den Jahreszeitraum Oktober 2010 bis Oktober 2011 auf diese Art gewonnen Ergebnisse enthielten teilweise Überraschendes. Das Kapitel zum Nachwuchsleistungssport erreichte die höchste Anzahl von Seitenaufrufen (über 10 700) und platzierte sich damit vor der des Hochleistungssports (ca. 9 000). Eine relativ hohe Anzahl von Aufrufen galten auch dem Kapitel Funktionen und Ziele des Leistungssports in der DDR (über 5 100). Den vierten Platz nahm das Kapitel über den Trainer (4 850 Aufrufe) ein, gefolgt von den Darlegungen zur Sportwissenschaft und zur Leistungssportforschung in der DDR (3 250). Der Komplex „Fragen und Antworten“ kam auf mehr Seitenaufrufe als unsere Betrachtung über die Olympischen Spiele in Peking (1250). Offensichtlich hatte sich dieses Thema drei Jahre nach diesen eindrucksvollen Spielen langsam erschöpft.

Die vorliegenden Analysedaten ermöglichen auch eine differenzierte Einordnung der in den einzelnen Kapiteln enthaltenen Abschnitte. So fällt auf, dass im Kapitel Hochleistungssport der Olympiazyklus 1968 – 1972 mit den Aussagen zu den Olympischen Spielen in München mehr als 3 400-mal aufgerufen wurde. Das ist fast das Zehnfache der Aufrufe für die Olympiazyklen 1976 – 1980 und 1984 – 1988. Im Kapitel Nachwuchssport mit seinen insgesamt fünf Teilabschnitten interessierten vor allem die Ausführungen über den organisatorischen Aufbau der 1. und 2. Förderstufe, über das Wettkampfsystem und über Sichtung, Auswahl und Normensystem am stärksten. Im Kapitel über Trainer und Trainerwesen konzentrierte sich - den Seitenaufrufen nach – die Aufmerksamkeit vorrangig auf die Abschnitte über die gesellschaftliche Stellung des Trainers in der DDR sowie auf die weitere Spezialisierung der Trainertätigkeit in den achtziger Jahren. Zum Kapitel Sportwissenschaft fiel auf, dass sich die Nutzer besonders für die Kurzbeschreibungen der an der Leistungssportforschung beteiligten Wissenschaftseinrichtungen, aber auch für die wissenschaftspolitischen und wissenschaftsmethodologischen Grundlagen der Sportwissenschaft in der DDR interessierten. Unsere Annahme, dass nicht wenige der mit der Sportlehrerausbildung und der Forschung im Sport befassten Hochschullehrer in den alten wie in den neuen Bundesländern unsere Homepage wiederholt besuchten, ist nicht unberechtigt. Sie lässt sich belegen, wenn man beispielsweise die Liste der von den Nutzern unserer Webseite verwendeten Betriebssysteme einsieht. Daraus ist zu erkennen, dass im Jahresabschnitt 2010/11 in 88 Fällen das Betriebssystem der Universität Leipzig, in 22 Fällen das der Uni Potsdam, in 19 das der Sporthochschule in Köln sowie das der Technischen Universität in Chemnitz-Zwickau und elfmal das der Humboldt-Universität Berlin verwendet wurde. Die Übersicht endet mit dem Rechenzentrum der Hochschule der Bundeswehr in München, also auch sie ein mehr oder minder eifriger Nutzer unserer Webseite über den Sport und Leistungssport in der DDR.

E-Mails – eine wichtige Ergänzung der vorliegenden statistischen Daten

Fast noch bedeutsamer als die bisher aufgeführten Zahlen waren bzw. sind die Reaktionen der Besucher auf unsere Webseite. In den zurückliegenden zehn Jahren erhielten wir dazu mehr als 480 E-Mails. Es waren vor allem junge Leute die sich zu Wort meldeten, ist doch das Internet vor allem ihr Medium. Ältere Interessenten, soweit sich das aus den E-Mails erkennen ließ, meldeten sich weitaus weniger als erwartet. Besonders Schüler aus Gymnasien, Sportstudenten, Doktoranten stellten ihre Fragen, baten um Antworten, äußerten sich zustimmend oder kritisch zu den Inhalten oder der Aufmachung der Homepage. Manchmal entwickelten sich daraus mehrfache E-Mail-Kontakte, inhaltliche Diskussionen, die relativ viel Zeit in Anspruch nahmen, aber uns auch viel Freude bereiteten. Auch relativ viele Interessierte aus dem Ausland schrieben uns an. Die Bandbreite der gestellten Fragen war groß. Sie reichte von den Funktionen des Leistungssportes in der DDR über mentales Training, die Barokammer an der Sportschule Kienbaum, die Sichtung und Auswahl von sportlichen Talenten, die Kinder- und Jugendspartakiaden, die Finanzierung der Sportgemeinschaften bis hin zu Literaturangaben und Fotowünschen. Das Kapitel „Fragen und Antworten“ gibt dazu einen Überblick. Wir stellten uns dem Anspruch, möglichst jede an uns gerichtete sachliche Frage zu beantworten. Das war oft mit viel Arbeit verbunden! Neu für uns war die Tatsache, dass es in den Gymnasien üblich ist, von den Schülern Belegarbeiten schreiben oder so genannte Präsentationen ausarbeiten zu lassen. Wir waren überrascht, wie viele Schüler und Lehrer Themen zum DDR-Sport wählten. Und das bis heute, mehr als 20 Jahre nach dem Ende der DDR und ihres erfolgreichen Sports. Manche der Themen waren, besonders wenn es um einen Vergleich zwischen dem Sport der DDR und dem der BRD ging, sehr anspruchsvoll. Meistens waren sie sehr interessant und spannend. Drei Themen seien hier exemplarisch genannt:

- Im Juni 2008 erhielt ich von vier Thüringer Abiturschülern per E-Mail ein Konzept für ihr Seminarthema „Biathlon – Thüringer auf dem Vormarsch“. Die Konzeption enthielt solche Teilthemen wie „Biathlon wirtschaftlicher Aufschwung für eine ganze Region“ oder „Sportgymnasium Oberhof – akribische Arbeit auf dem Weg zur Jugendförderung“. Wir konnten den Autoren ergänzende Hinweise geben und machten ihnen viel Mut bei der Bearbeitung eines Themas „mit viel Potential“.

- Eine Schweizer Radsportlerin bat um Unterstützung bei ihrer Maturaarbeit, in der sie sich mit der „Wiedervereinigung der deutschen Radsportverbände des Ostens und des Westens“ befasste. Kein einfaches Vorhaben! Wir beantworteten nicht nur ihre Fragen, sondern gaben ihr auch eine ganze Reihe von Hinweisen aus der Sicht unserer Erfahrungen. In der uns später übersandten 20-seitigen Arbeit fanden wir manche – wenn auch nicht alle - unserer Anregungen berücksichtigt.

- Anfang dieses Jahres bekamen wir per E-Mail Kontakt mit einer jungen Handballerin aus Berlin. Sie und ein weiterer Mitschüler hatten im Rahmen ihrer Abiturprüfungen einen Vortrag übernommen, in dem sie am Beispiel des Boykotts der Olympischen Spiele 1980 und 1984 die „Instrumentierung des Sports zur Durchsetzung politischer Ziele“ erörtern wollten. Wir unterstützten sie durch die Beantwortung ihres Fragenspiegels und bei der Gewinnung weiterer Zeitzeugen. Der uns übermittelte Vortrag wies solide Recherchen und inhaltlich ein hohes Niveau auf.

Natürlich gab es nicht nur positive, sondern auch andersartige Erfahrungen. Hier die Wiedergabe eines Meinungsaustausches mit einem Abiturienten, dessen Heimatort uns nicht bekannt ist.

Hallo Herr Dr. Röder

Mein Name ist Kai D. und ich bin Schüler der 13 Klasse. Ich schreibe in kürze mein Abitur und natürlich beinhaltet dies auch eine Präsentationsprüfung. So kam es, dass ich im Laufe meiner recherchen auf ihre Seite gestoßen bin. Denn mein Thema lautet: "Der politische Sport und das Doping in der DDR- Rechtfertigungsversuche aus der Sicht eines DDR- Sportfunktionärs" Da ich auf ihrer Homepage die Spalte mit den E- Mail anfragen gesehen habe, dachte ich mir sie wären ein sehr guter Interviewpartner für mich und mein Thema. Die Prüfung findet mitte Juni statt. Wenn (sie) nun also Interesse hätten sich zu diesem Thema zu äußern, dann bitte ich Sie um eine Antwort. Sollte sie diese mit JA beantworten so schicke ich ihnen die Fragen per E-Mail zu. Ich bedanke mich rechtherzlich und hoffe auf eine Antwort von ihnen

Mit freundlichen Grüßen Kai D.

Hallo, Herr D….,

Ihre E-Mail vom 21. April habe ich mit Interesse zur Kenntnis genommen. Für gewöhnlich beantworte ich gerne Anfragen von Besuchern meiner Homepage zum Sport und Leistungssport in der DDR. Dabei betrachte ich es als Voraussetzung, dass die Themen- bzw. Fragestellung sachlich und korrekt und nicht politisch-ideologisch vorgefasst oder gar feindselig vorgeprägt ist. Für Antworten auf Formulierungen wie "der politische Sport .....in der DDR" oder "Rechtfertigungsversuche aus der Sicht eines DDR-Sportfunktionärs" stehe ich Ihnen nicht zur Verfügung. Schade, dass für Sie als junger Mensch, der den in vieler Hinsicht erfolgreicheren und international hoch anerkannten Sport in der DDR selbst nie erlebt hat, die Urteile darüber bereits feststehen!

"Ein Urteil lässt sich widerlegen, doch niemals ein Vorurteil."
Ebner-Eschenbach

Mehr als ein Disput mit Fachkollegen per Internet

Die Beantwortung von Anfragen junger Leute war uns sehr wichtig und machte uns Spaß. Als Zeitzeuge der Entwicklung des DDR-Sports über mehr als drei Jahrzehnte sehen wir darin eine wichtige Aufgabe, gewissermaßen eine Verpflichtung. Das galt und gilt auch bezüglich unserer Internetkontakte mit Fachkollegen des In- und Auslandes. Immerhin etwas mehr als 7 % aller E-Mails zu unserer Webseite kamen aus dem Ausland. Auch hier stehen Vertreter aus Österreich und der Schweiz an der Spitze, gefolgt von Japan, Holland, Dänemark, Polen, Ukraine, Indien, USA und - fast etwas exotisch - auch aus Venezuela. In diesem letzteren Fall handelt es sich um einen in Deutschland ausgebildeten Sportlehrer, der schon vor Jahren Deutschland verließ und nach Venezuela ging, wo er jetzt als Trainer und Funktionär im Sport tätig ist. Er ist sehr interessiert an trainingswissenschaftlichen Erkenntnissen der DDR, speziell im Kampfsport und meldet sich über E-Mail in größeren Zeitabständen bei uns. Seit Jahren bestehen auch mit japanischen Fachleuten wissenschaftliche Kontakte. Bereits 2004 orderte Professor Katsumi eine CD der Homepage. 2006 kam es dann zu einem längeren Gespräch in Leipzig. Im gleichen Jahr hatte ich in Berlin auch ein Interview mit einem Journalisten der drittgrößten japanischen Tageszeitung.

Was den Gedankenaustausch per Internet zu Hochschullehrern und anderen Sportfachkräften in Deutschland anbetrifft, so ist an erster Stelle eine Gruppe profilierter Wissenschaftler der DHfK in Leipzig zu nennen. Im Zusammenhang mit unserer Homepage waren sie in den vergangenen Jahren bei weitem nicht nur Leser oder Fragesteller, sondern auch hilfreiche Berater bei der Abfassung verschiedener Kapitel. Mein Dank dafür gilt im besonderen Maße Prof. Dr. Gerhard Lehmann, in den 80-er Jahren Rektor unserer Sporthochschule in Leipzig, Prof. Dr. Fred Gras, einem der führenden Sportsoziologen sowie Dr. Norbert Rogalski und Dr. Lothar Kalb. Unsere Verbindungen waren bzw. sind teilweise recht intensiv und gehen oft weit über das Themenfeld der Webseite hinaus. Das gilt auch voll und ganz für meine ehemaligen Kollegen aus dem Bundesvorstand des DTSB, den Olympiasieger Dr. Thomas Köhler und seine Frau Irene, für den langjährigen Leiter der Abteilung Planung und Koordinierung, Helmuth Horatschke sowie für den fachkundigen Spezialisten zu allen Fragen des Kinder- und Jugendsports und des Nachwuchsleistungssports, Dr. Ullrich Wille. An dieser Stelle ist es mir ein besonderes Anliegen, Prof. Dr. Günter Erbach für seine oftmaligen Denkanstöße, die er uns in den vergangenen Jahren vermittelte, herzlich Dank zu sagen.

Was die Verbindungen zu den sportwissenschaftlichen Einrichtungen in Deutschland, einschließlich der Deutschen Sporthochschule in Köln anbelangt, so blieben sie weitestgehend formal. In den Jahren 2001 und 2002 wurden die Direktoren einer größeren Anzahl von Instituten in West und Ost von uns über die neue Webseite informiert. Außer höflichen Antworten und den Verweis auf eine Bekanntgabe unserer Webadresse in den betreffenden Institutsbereichen und Bibliotheken, kam es selten zu weiteren Kontakten. Ausnahmen bestätigten auch hier die Regel, zum Beispiel – Sportwissenschaftler aus Göttingen, Koblenz/Remagen und Erfurt.

Leider waren auch die Reaktionen auf unsere Homepage seitens der Sportler, Trainer und Sportfunktionäre gering. Per E-Mail meldeten sich etwa 30 ehemalige Sportler, Trainer und Sportfunktionäre zu Wort, an der Spitze der leider viel zu früh verstorbene verdienstvolle Radsporttrainer Wolfram Lindner. Unter den Athletinnen und Athleten befanden sich auch einzelne erfolgreiche Sportler bei Olympischen Spielen, Welt- und Europameisterschaften. Von einem ehemaligen Sportler bekamen wir den wichtigen Hinweis, dass unsere Darlegungen zu wenig die Sicht der Sportler berücksichtigen würden. Das System selbst stünde zu sehr im Mittelpunkt, vor allem in den ersten zwei Kapiteln. Kritische Hinweise und tatkräftige Unterstützung bei der Faktensammlung erhielten wir auch von Dr. Emil Stolle, lange Jahre Vorsitzender des erfolgreichen Sportclubs DHfK Leipzig. Beim selbstkritischen Nachdenken über die Gründe für die relativ geringen Wortmeldungen aus dem Kreise der Athleten, Trainer und Sportfunktionäre ist sicherlich zu bedenken, dass viele der älteren Kollegen über keinen privaten Internetzugang verfügen, um sich ein eigenes Bild über unsere Webseite zu verschaffen. Außerdem bot sich ihnen die Möglichkeit, uns ihre Auffassung bei gemeinsamen Zusammenkünften direkt mitzuteilen. Nicht wenige haben das auf diesem Wege getan. Andere wiederum haben ihre Meinung zurückgehalten, vielleicht auch weil sie nicht damit einverstanden waren, dass wir unsere Erfahrungen und Erkenntnisse so offen und so detailliert publizierten. Wir hielten es für richtiger, unser erfolgreiches Sportsystem offensiv und weltweit zu verbreiten und es mit den modernen Möglichkeiten des Internets gegen Entstellungen und Verleumdungen zu verteidigen!

Auch hier soll an einigen ausgewählten Beispielen die Vielfalt der diskutierten Probleme verdeutlicht werden:

Im Ergebnis einer Diskussion mit den Schülern seiner Klasse, von denen einzelne unsere Homepage eingesehen hatten, erhielt ich im Herbst 2005 eine im Stil und Inhalt aufgebrachte und nicht gerade höfliche E-Mail eines Sportlehrers aus Potsdam. Er unterstellte mir eine „Verklärung“ des Sports der DDR und griff im Kontext damit unsere Sportleitung und auch mich persönlich unter anderem wegen des Boykotts der Olympischen Spiele 1984 in Los Angeles an. In meiner Antwort habe ich mich bemüht, den Meinungsaustausch zu versachlichen und die Argumente für den damaligen Boykott (Verschärfung der Beziehungen zwischen Sowjetunion und USA, Verzögerung der vom IOC geforderten Sicherheitsgarantien durch die US-Regierung, Solidarität mit dem sowjetischen Sportlern nach langem gemeinsamen Kampf um internationale Anerkennung des DDR-Sports u. a.) in den großen internationalen Zusammenhang zu stellen. Im weiteren Verlauf wurde ein Teil unserer Argumente zunehmend akzeptiert und am Ende verständigten wir uns darauf, dass der Sportlehrer unsere Diskussion mit der Klasse bespricht und auswertet.

Den wohl längsten und aufwendigsten Meinungsaustausch gab es 2009 mit einem Professor einer in Rheinland-Pfalz gelegenen Fachhochschule. Neben einer ganzen Reihe von einzelnen Beispielen und Vorwürfen, die ich mit Geduld zu entkräften versuchte oder auch akzeptieren musste, bestand sein hauptsächliches Anliegen darin nachzuweisen, dass der von mir vorgenommene Leistungsvergleich zwischen dem Sport beider deutscher Staaten unzulässig sei, da die gesellschaftlichen Prämissen und philosophischen Kategorien auf Grund ihrer Unterschiedlichkeit einen derartigen Vergleich nicht zuließen. (Er stützte sich dabei auf den Sozialphilosophen Karl Popper, Begründer des kritischen Rationalismus, der u. a. die gesellschaftliche Praxis als Kriterium der Erkenntnis ausschließt sowie Theorie und Erfahrung völlig trennt.) Ich hielt dem entgegen, dass man seit nunmehr 20 Jahren Tag für Tag verfolgen konnte, dass durch Politik und Medien derartige Vergleiche (z. B. zur Wirtschaft und Arbeitsproduktivität, zu Demokratie und persönlichen Freiheitsrechten usw.) bewusst gezogen würden, um die Überlegenheit des kapitalistischen Gesellschaftssystems der BRD unter Beweis zu stellen. Warum also nicht auch umgekehrt? Warum nicht auf dem Gebiet des Leistungssports, auf dem der Sport der DDR insgesamt und in vielen Sportarten dem westdeutschen weit überlegen war? Es kann nicht sein, was nicht sein darf? Anstatt Popper bevorzugte ich Karl Marx und seine These, dass das Kriterium der Wahrheit die Praxis ist! Natürlich konnten wir diesbezüglich keine Übereinstimmung finden. Aber in zweierlei Hinsicht stimmte mein Gegenüber mir am Ende der Debatte zu: Der DDR-Leistungssport war eines der leistungsfähigsten Sportsysteme der Welt und sein reiches praktisches und wissenschaftliches Erbe hätte man seitens der alten BRD besser nützen können und müssen!

Als letztes Beispiel sei ein Meinungs- und Erfahrungsaustausch mit dem Leiter eines Olympiastützpunktes am Beginn des Olympiajahres 2008 angeführt. In einem Artikel im Internet wies er nachhaltig auf die Funktion der Olympiastützpunkte, vor allem als „Dienstleistungszentren“ hin. Mir erschien diese Sichtweise zu einseitig, nicht komplex genug. In einer E-Mail legte ich unsere Erfahrungen aus der Olympiavorbereitung 1988 dar, die sich nicht nur auf die Sicherung eines optimalen Bedingungsgefüges für Training, Leistungsdiagnostik und Wettkampf beschränkte, sondern gleichwichtig den möglichst engen persönlichen Kontakt der wichtigsten Führungskräfte (z. B eines Sportclubs) zu den chancenreichsten Olympiakandidaten und deren Trainer einschloss. Die Sicherung eines hocheffektiven Trainings sowie der dafür notwendigen subjektiven und objektiven Bedingungen standen im Zentrum unserer Olympiavorbereitung. Der Austausch mehrerer E-Mails reichte nicht aus, um das Thema ausführlich zu beraten. Wir vereinbarten ein Gespräch miteinander, in dem bestehende Missverständnisse sehr schnell ausgeräumt und eine weitgehende Übereinstimmung der Auffassungen und Erfahrungen festgestellt wurde.

Die hier wiedergegebenen Beispiele veranschaulichen die Vorzüge, aber auch die Grenzen des Kommunikationsmittels E-Mail. Man überwindet mit ihm Raum und Zeit, übersendet Massen von Daten und Dokumenten, gewinnt Zugang zu bislang unbekannten Menschen. Gewaltige Vorteile! Doch bei allen Vorzügen vermag es dieses Mittel - besonders bei der Klärung strittiger Probleme oder bei komplizierten inhaltlichen Debatten - nicht, das sachliche und auch emotional geführte Gespräch zu ersetzen.

Ausblick: Wie weiter mit unserer Webseite?

Abschließend einige Bemerkungen zur weiteren Arbeit an und mit unserer Seite. Aus dem Kreis der Nutzer gab es den Hinweis, in einem neuen Kapitel mehr zum Fußballsport in der DDR zu sagen. Dazu fühle ich mich nicht imstande! Ohne Zweifel wäre es sehr verdienstvoll, die Geschichte der einzelnen Sportarten von 1945 bis zum Ende des DTSB aufzuzeichnen. Ein Aufruf an die Vertreter der Sportverbände! Mein Anliegen war und bleibt es, das über viele Jahre erfolgreiche System des DDR-Leistungssports und seine tragenden Säulen zu beschreiben. Fünf Kapitel sind geschrieben. Aus meiner Sicht fehlen noch zwei wichtige Komplexe. Von Bedeutung wäre eine zusammenfassende Darstellung der sozialen Förderung und Betreuung der Leistungssportler der DDR durch Staat und Gesellschaft. Dieser Aspekt wird im Rückblick in seiner Bedeutung und Wirkung auf unser System und die Motivation der Sportler oft unterschätzt. In den letzten Jahren wurde bereits Wichtiges dazu publiziert. Im Heft 18/2004 der vom Spotless - Verlag herausgegebenen „Beiträge zur Sportgeschichte“ finden Interessierte einen Artikel von Dr. Christian Oppelt, dem letzten Leiter des Büros zur Förderung des Sports im Staatssekretariat für Körperkultur und Sport, über „Die soziale Absicherung der Leistungssportler in der DDR“ (siehe auch www.sportgeschichte.net). Ebenso verweise ich auf das 2010 erschienene Buch des zweifachen Olympiasiegers und ehemaligen Vizepräsidenten des DTSB, Dr. Thomas Köhler, „Zwei Seiten der Medaille“ (ISBN 978-3-355-01779-4), der in einem Kapitel des Buches ausführlich über die materielle und ideelle Anerkennung der Leistungssportler in der DDR informiert. Damit erübrigt sich ein gesonderter Abschnitt in unserer Homepage. Offen bleibt noch die Frage nach einem Kapitel, das man in etwa „Leitung, Planung und Strukturen im Leistungssport der DDR“ bezeichnen könnte. Keine leichte Aufgabe, viele Fragen und noch mehr Arbeit. Und nebenbei: Die Olympischen Spiele 2012 in London stehen ja auch vor der Tür! Alles zu viel für einen, der auf die Achtzig zugeht! So gesehen war das Wort „Zwischenbilanz“ wohl doch zu optimistisch. Na, schauen wir mal?