Hochleistungssport

Olympiazyklus 1964 - 1968

Die Leitung des Sports und DTSB-Präsident Manfred Ewald persönlich maßen der Auswertung der Olympischen Spiele in Innsbruck und Tokio größte Bedeutung zu. Bei beiden Spielen war ich Mitglied der Beobachterdelegationen, die unter der Leitung von Dr. Schuster standen. Mit ihm und einer Reihe von Experten aus verschiedenen Sportarten war ich für die wissenschaftliche Analyse der gewonnenen Ergebnisse zuständig.


Eine neue Etappe in der Entwicklung des Leistungssports

Unserer Auffassung nach setzten die Olympischen Spiele 1964 in vieler Hinsicht neue Maßstäbe. Sie leiteten "eine qualitativ neue Etappe in der Entwicklung des Leistungssports ein" (vergl. Vorlage an das Politbüro der SED vom 10.8.1965 "Weitere Entwicklung des Leistungssports bis 1972, Seite 1). Wir gingen davon aus, dass diese Etappe u. a. durch den sich verstärkenden Wettbewerb zwischen den sozialistischen und kapitalistischen Ländern im Sport, durch einen insgesamt erhöhten ideellen und materiellen Aufwand sowie durch eine weitere Aufwertung des Sports und des Leistungssports in der Welt gekennzeichnet sein würde. Das wiederum, so unsere Schlußfolgerung, würde in den folgenden Jahren zu einer stürmischen Weiterentwicklung der sportlichen Leistungen führen. Wie bereits im Zeitraum vor 1964 mußte damit gerechnet werden

Daraus leiteten wir die entsprechenden Folgerungen für die politisch-ideologische, die wissenschaftlich-methodische und leitungsorganisatorische Tätigkeit im Leistungssport der DDR ab. So wurde die Auswertung der Olympischen Spiele im breitem Umfang dafür genutzt, bei allen Sportlern, Trainern, Funktionären und Wissenschaftlern die Einsicht über die erkennbaren Tendenzen und über die daraus persönlich abzuleitenden Maßstäbe und Ziele zu vertiefen. Nach meinem Ermessen wurde damals begonnen, den Blick über die vorrangig durch die Auseinandersetzungen mit dem Sport der BRD geprägten Ziele hinaus auf den sich dynamisch verändernden Welthöchststand zu richten. Das - so schien mir - war der Beginn einer neuen Sichtweise. Sie drückte sich unter anderem auch darin aus, daß in den für 1968 und später gefaßten Beschlüssen die Leistungsziele hinsichtlich des Vergleiches mit dem Sport der BRD nicht mehr die gleiche Vorrangigkeit besaßen.

Der Kampf um Weltspitzenleistungen rückte immer mehr in den Vordergrund!


Nachwuchssport von strategischer Bedeutung

Von strategischer Wichtigkeit erwiesen sich die Schlußfolgerungen, die in Auswertung der Spiele für den Nachwuchssport gezogen wurden. Wir sahen in der zahlenmäßigen Verbreiterung und inhaltlichen Verbesserung des Nachwuchssports ein Hauptkettenglied der weiteren Leistungssteigerung in den nächsten Jahren (vergl. Röder, H. und Schuster, H.: Zusammenfassende Einschätzung der Ergebnisse und Schlußfolgerungen zu den XVIII. Olympischen Spielen in Tokio. In: Theorie und Praxis des Leistungssports, Heft 10, 1965, Seite 26). Diese These fand ihren Niederschlag in wichtigen Beschlüssen und Maßnahmen. Bereits im Januar 1965 bestätigte das Politbüro der SED eine gemeinsam vom DTSB und dem Ministerium für Volksbildung vorbereitete Vorlage über die Entwicklung der Kinder- und Jugendsportschulen (KJS) zu Spezialschulen des sportlichen Nachwuchses. In ihr wurde u. a. festgeschrieben, daß Unterricht und Erziehung an den Schulen so zu koordinieren und zu gestalten sind, dass sie den Anforderungen des Leistungssports entsprechen. Im Leistungssportbeschluß vom 10.8.1965 schließlich wurde einer verstärkten Talentsichtung in den Kreisen und Bezirken der DDR sowie der Bildung von Trainingszentren (TZ), in denen die gesichteten, talentierten Kinder und Jugendlichen erfaßt und auf die Aufnahme in die KJS vorbereitet werden sollten, zugestimmt. Die Sportverbände wurden verpflichtet, dafür die Ausbildungsprogramme zur Verfügung zu stellen, während die Vorstände des DTSB in den Kreisen und Bezirken künftig die Verantwortung für deren Umsetzung, für die Gewinnung und Ausbildung der Übungsleiter sowie für die Verbreiterung der Basis des Nachwuchssports in ihren Territorien übernahmen. Mit diesen weit in die Zukunft gerichteten Beschlüssen wurden über die Jahre 1968 und 1972 hinaus die Weichen für den Aufbau einer 1. und 2. Förderstufe des Nachwuchssports gestellt. Erste Fortschritte zeichneten sich in nahezu allen Verbänden, Bezirken und Kreisen bereits bis 1968/69 ab.


Sportwissenschaft als Triebkraft für sportliche Leistungen

Die in den 60-er Jahren in der DDR geführte Diskussion über die Rolle und die Produktivkraft der Wissenschaft wirkte sich in vieler Hinsicht auch positiv für den Sport und die Sportwissenschaft aus. Die Sportwissenschaft sollte zunehmend zu einem bestimmenden Faktor, zu einer "Haupttriebkraft", bei der Entwicklung sportlicher Leistungen werden. Sie sollte nicht nur im Nachhinein die Ursachen für die in der Praxis vollzogenen Fortschritte analysieren, sondern zunehmend durch eigene konstruktive Beiträge die künftige Leistungssteigerung vorantreiben. Der dafür benötigte wissenschaftliche Vorlauf erforderte sowohl eine gezielte Forschung zu übergreifenden Projekten als auch eine wirksame sportartspezifische Forschung.

Zugleich mußten die Sportverbände in die Lage versetzt werden eigene wissenschaftliche Entwicklungsaufgaben wahrzunehmen. Dazu wurde beschlossen, in den Jahren 1965/66 in einer Reihe von Sportverbänden Wissenschaftliche Zentren (WZ) aufzubauen, deren Anleitung in Grundsatzfragen durch die Hauptabteilung Trainingswesen/Wissenschaft wahrgenommen wurde. Mit den WZ erhielten die Verbände personell die Voraussetzungen, die es ihnen ermöglichten, die umfangreiche Planungstätigkeit, die Trainings- und Leistungsanalyse und die Weiterbildung der Trainer auf ein höheres Niveau zu heben. Zugleich konnten sie die Gemeinschaftsarbeit mit ihren Wissenschaftspartnern, die sportartspezifische Forschung und die Entwicklung von Wettkampf-, Trainings- und Messgeräten wirkungsvoller unterstützen. Die darauffolgenden Jahre bestätigten die Richtigkeit unseres Vorgehens. Die WZ wurden zu wissenschaftlich-methodischen "Stabsorganen" ihrer Verbandsleitungen und - ungeachtet einzelner Abstimmungs- und Kompetenzstreitigkeiten - zu Kooperationspartnern für die Forschungs- und Lehrinstitute.

Etwa parallel zu den WZ entstand eine weitere Organisationsform wissenschaftlich-methodischer Arbeit im Leistungssport - die Arbeitskreise. Angeregt durch die vor 1964 gewonnenen Erfahrungen erwies es sich als zweckmäßig die erfahrensten Trainingsmethodiker sowohl des DTSB als auch des Forschungsinstitutes und der DHFK, erweitert durch einzelne Sportärzte und -psychologen, auf der Ebene von Sportartengruppen zusammenzuführen. In einer Vorlage an die LSK unterbreitete ich im Dezember 65 den Vorschlag, überinstituonell fünf Arbeitskreise für die Ausdauer-, Kraft-/Schnellkraft-, Spiel-, Kampf, und technische Sportarten zu bilden. Diese Gremien sollten der LSK und dem damaligen Rat für Leistungssportforschung unterstellt und im einzelnem von dem zuständigen Sektorenleiter der Abteilung Trainingsmethodik oder dem jeweiligen Bereichsleiter des Forschungsinstitutes geleitet werden.

Von den vorgesehenen Aufgaben erwiesen sich im Verlauf der Arbeit drei als besonders bedeutsam: Die Beratung der Trainingsprogramme und -pläne der entsprechenden Sportarten, die Organisation des Erfahrungsaustausches und die regelmäßige Durchführung von wissenschaftlichen Seminaren sowie die Mitwirkung bei der Ausarbeitung und Umsetzung von Hauptrichtungen der Trainings- und Wettkampfsysteme in der Sportartengruppe. Im Verlaufe ihrer Tätigkeit profilierten sich die Arbeitskreise in den 70-er und 80-er Jahren zu anerkannten fachlichen Beratungs- und Leitungsgremien ihrer Sportartengruppen. Sie trugen ganz erheblich dazu bei, daß in der Trainingswissenschaft zwischen der sportartspezifischen und der übergreifenden wissenschaftlichen Arbeits- und Verallgemeinerungsebene eine weitere Struktur auf der Ebene der Sportartengruppen entstand, die sich für unser praktisches wie theoretisches Wirken als außerordentlich produktiv erwies. Uns war zu dieser Zeit kein vergleichbares Beispiel aus der Sportwissenschaft anderer Länder bekannt und es ist mehr als bedauerlich, daß diese spezifischen Erfahrungen des DDR-Sports meines Wissens auch heute im deutschen Sport keine Beachtung finden.

Es ist mir an dieser Stelle ein Bedürfnis, die zumeist über einen langen Zeitraum tätigen Mitglieder der Arbeitskreisleitungen wie Dr. Hans-Günther Rabe, Dr. Helmut Zänsler, Prof. Helga Pfeifer, Prof. Dr. Manfred Reiß, Dr. Dieter Deiß, Professor Heinrich Gundlach, Werner Leuschner, Prof. Günther Stiehler, Dr. Horst Fiedler, Heinz Wagner, Helmut Buchröder und Prof. Gottfried Stark namentlich zu nennen und damit zugleich die schöpferische Arbeit aller Mitglieder zu würdigen.

Ich wies schon darauf hin, daß die Durchführung von wissenschaftlichen Seminaren zu den Aufgaben der Arbeitskreise gehörte. Der Bezeichnung Seminare könnte zu Trugschlüssen führen, denn in Wirklichkeit handelte es sich bei diesen Seminaren um große Veranstaltungen an denen, je nach Sportartengruppe zwischen 100 und 400 Trainer, Wissenschaftler, Sportmediziner und Funktionäre teilnahmen. Allein zwischen 1962 und 67 führten wir 16 solcher Seminare durch. Das veranschaulicht die mit diesen wissenschaftlichen Veranstaltungen verbundenen Dimensionen. Die Seminare dauerten in der Regel zwei Tage. Einem zumeist durch den Arbeitskreis kollektiv erarbeiteten Hauptreferat folgte eine umfangreiche, inhaltlich vorbereitete Diskussion an der sich neben Wissenschaftlern viele Verbands-, Auswahl- und Heimtrainer beteiligten. Die Tagungen endeten mit einem Schlußwort in dem, außer der üblichen abschließenden Wertung, inhaltliche Empfehlungen und deren Umsetzung in der Praxis erläutert wurden.

Im Olympiazyklus 1964-68 führten wir erstmalig in jeder Sportartengruppe zwei Seminare durch. Das erste diente im Jahr nach den Spielen der Olympiaauswertung sowie der mehrjährigen Gestaltung des Ausbildungs- und Erziehungsprozesses. Das zweite befaßte sich 1967 mit einer Bewertung der zwischenzeitlich erzielten Fortschritte und mit der unmittelbaren Vorbereitung der bevorstehenden Olympischen Spiele selbst.

Inhaltlich orientierten sich die Seminare an solchen übergreifenden Schwerpunkten wie der Gestaltung mehrjähriger Trainingskonzeptionen für die einzelnen Kadergruppen, der Vergrößerung des Nutzeffektes der Trainingsbelastung und der Erholungsgestaltung, der komplexen Entwicklung von Bewegungseigenschaften und -fertigkeiten, der Individualisierung des Trainings und der Veränderung der Wettkampfsysteme. Die spezifischen Aspekte der Sportartengruppen und Sportarten standen dabei im Mittelpunkt.


Mexiko-Stadt und die Höhenanpassung

Radsportler mit Sauerstoffatemgerät
Radsportler mit Sauerstoffatemgerät

Zwangsläufig erhielt in Hinblick auf die Sommerspiele in Mexiko-Stadt die Problematik der Akklimatisation an die speziellen Bedingungen dieses Olympiaortes einen herausragenden Stellenwert. Neben den besonderen Klimafaktoren und der Zeitverschiebung von - 7 Stunden warf besonders die Höhenlage (2200 -2300 m über Meeresspiegel) viele für den Leistungssport neue Fragen auf. Zwar gab es Veröffentlichungen zu dieser Problematik, jedoch gingen die Auffassungen darin oft weit auseinander. Nicht nur uns, sondern nahezu allen teilnehmenden Ländern stellten sich solche Fragen: Welchen Einfluß hatte die Höhenlage und das Höhenklima auf die sportliche Leistungsfähigkeit? Wie gestaltete sich die Dauer und der Verlauf der Anpassung? Mit welchen Maßnahmen, Mitteln und Methoden ließen sich die ungewohnten Klimaunterschiede kompensieren und die Anpassung verkürzen?

Um diese und andere Fragen rechtzeitig zu klären, entsandten wir bereit im Oktober 1965 eine erste Studiendelegation, der auch ich angehörte, nach Mexiko. 1966 und 67 folgten weitere Delegationen und Wettkampfmannschaften. Die dabei sowie durch Barokammer-Untersuchungen in der DDR gewonnenen Erkenntnisse und Erfahrungen wurden 1967 auf einem zentralem Seminar verallgemeinert. Vor allem für die große Zahl der Ausdauerdisziplinen mußten praktische Lösungen gefunden und gewährleistet werden. Für sie erwiesen sich im Olympiajahr 1 bis 2 dreiwöchige Höhentrainingslager und eine Vorakklimatisation vor Abreise nach Mexiko im europäischem Raum als unbedingt notwendig. Spätestens ein Jahr vor den Spielen mußte dieses vorgesehene Modell erprobt werden, wollten wir das olympische Jahr verlässlich gestalten. Aber auch für die anderen Sportarten mußten spezifische Varianten erarbeitet, erprobt und praktisch gesichert werden. Schwierige, bereits 1965 begonnene Verhandlungen auf der Ebene der Regierungen und Sportleitungen führten schließlich dazu, daß gemeinsam mit Bulgarien auf dem Belmeken in 2000 Meter Höhe in kürzester Zeit ein Trainingszentrum errichtet und - in vieler Hinsicht noch provisorisch - ab Juli 1967 für Sportschwimmen und Leichtathletik genutzt werden konnte. Später kamen noch andere Sportarten - Kampf- und Spielsportarten, Eisschnelllauf, Biathlon u.a. - hinzu. Dieses Zentrum wurde zu einem Beispiel der Sportfreundschaft und einer engen wirtschaftlichen Kooperation zwischen der DDR und Bulgarien. Es diente über 20 Jahre als eine gemeinsam genutzte Basis für ein wissenschaftlich gesteuertes Höhentraining.

Trainingszentrum in Belmeken
Trainingszentrum in Belmeken

Auch der sowjetische Sport kam uns damals mit seinen Trainingsmöglichkeiten im Kaukasus zu Hilfe. In Vorbereitung auf Mexiko führten wir 1967/68 einige Trainingslehrgänge in der unweit der armenischen Hauptstadt Jerewan gelegenen Sportbasis Zachkadzor durch.

Alle diese Maßnahmen trugen dazu bei, daß unsere Sportler in Mexiko-Stadt gut vorbereitet an den Start gehen konnten.


Olympische Spiele in Mexiko-Stadt und in Grenoble

In den Jahren 1966 und 1967 war den Sportlern der DDR in einer Reihe von Sportarten der Durchbruch in die Weltspitze gelungen. Bei den Welt- und Europameisterschaften erzielten sie im Rudern, Sportschwimmen, Turnen, in der Leichtathletik, im Schlittensport, Eiskunstlauf u. a. hervorragende Resultate.

Die Olympischen Spiele in Mexiko und in Grenoble bestätigten diesen Aufschwung. Erstmals mit selbständigen Olympiamannschaften teilnehmend, wurde in Mexiko sensationell der 3. und in Grenoble - bedingt durch die erzwungene Disqualifikation unserer Rennrodlerinnen - der 8. Rang in einer Länderwertung belegt.

Bei beiden Spielen war ich als Leiter unserer Beobachtergruppe tätig. In dieser Funktion erlebte und beobachte ich nicht nur die Wettkämpfe der Besten der Welt wie zum Beispiel Bob Beamon bei seinem Weitsprung von 8,90 Metern in eine neue Leistungsdimension oder die in Schwimmtechnik und Nervenstärke beindruckenden Olympiasiege des 17-jährigen Roland Mathes oder die von harten politischen und sportlichen Auseinandersetzungen bestimmten Wettbewerbe im Schlittensport.

Mit Sonderaufgaben betraut, reiste ich von Grenoble aus nach Paris um dort bei Sony erstmals eine Videoanlage zu besichtigen und für unseren Sport zu ordern. Und bei einem Besuch in der Schweizerischen Turn- und Sportschule in Magglingen besorgte ich auf offiziellem Weg ein kleines Stück der dort gerade neu verlegten Kunststofflaufbahn, um es zu Hause prüfen zu lassen. Interessante Aufgaben, die mir in Erinnerung blieben. Übrigens: Wenige Jahre später produzierte das Chemiewerk in Schwarzheide einen genauso guten synthetischen Sportbodenbelag, mit dem eine Reihe von Sportanlagen in der DDR ausgestattet werden konnten.