Hochleistungssport

Olympiazyklus 1984 - 1988

Nach unserer Nichtteilnahme an den Olympischen Spielen in Los Angeles ergab sich die Frage, mit welcher Sicherheit die Sportler damit rechnen konnten, daß sich die DDR an den Spielen 1988 in Seoul beteiligt. Dazu mußte so bald als nur möglich eine eindeutige Antwort gegeben werden.


Wie sollte es nach Los Angeles weitergehen?

Etwas mehr als 30 % unserer Auswahlkader schlossen Ende 1984 ihre Laufbahn als Leistungssportler ab. Diese Zahl bewegte sich annähernd in der gleichen Größenordnung, die wir auch nach den Spielen in München, Montreal und Moskau zu verzeichnen hatten. Durch die gute Nachwuchsförderung waren wir jedesmal in der Lage diese Abgänge auszugleichen und eine große Gruppe von talentierten jungen Sportlern mit Anschlußleistungen in die Olympiavorbereitung einzubeziehen. Aber auch aus anderen Gründen wußten wir, daß unsere Sommersportarten keinesfalls an Leistungsstärke eingebüßt hatten. In den Jahren 1981 bis 1983 platzierten sich die Besten dieser Sportarten in einer Punktewertung der Weltmeisterschaften und -bestenlisten jeweils auf dem zweitem Platz. Die hervorragenden Resultate unserer Wintersportler zu den Spielen in Sarajevo bestärkten uns in der Auffassung, daß unsere Sportler auch in Los Angeles gut abgeschnitten hätten.

Es war vor allem DTSB-Präsident Manfred Ewald, der auf eine rasche Vorentscheidung durch die Partei- und Staatsführung drängte und der durch sein entschiedenes Eintreten für unsere Teilnahme in Seoul gewissermaßen vorab Tatsachen schuf. Die Leitung des DDR-Sports war von Anfang an für die Beteiligung an den Spielen in Seoul. Das motivierte die Sportler sowie alle an der Olympiavorbereitung Beteiligten.

Mit dem Leistungssportbeschluß vom 11. Dezember 1984 wurden inhaltlich und organisatorisch die Weichen für den neuen Zyklus gestellt. Die Erziehung und Ausbildung der Sportler, Training und Wettkampf, die Aus- und Weiterbildung der Trainer sowie die Anforderungen an die Sportwissenschaft nahmen wiederum eine zentrale Stellung ein. (Vgl.: Die weitere Entwicklung des Leistungssports in der DDR im Zeitraum 1984 - 1988 und die Vorbereitung der Olympischen Spiele 1988, Vorlage an das Politbüro der SED vom 11.12.1984, S. 7/8).


Weiterführung unserer Trainings- und Wissenschaftsoffensive

Auf der Leistungssportkonferenz im Januar 1985 wurde diese Grundlinie detailliert erläutert und die 1983 eingeleitete Trainings- und Wissenschaftsoffensive fortgeführt. Neues und Bewährtes galt es wirkungsvoll miteinander zu verbinden. Als inhaltliche Schwerpunkte dieser Entwicklung wurden herausgearbeitet:


Individuelle trainingsmethodische Bestlösungen

Für das Hochleistungstraining wurde daraus die Aufgabe abgeleitet, durch ein hochgradig auf den einzelnen Athleten zugeschnittenes Training, also durch individuelle trainingsmethodische Bestlösungen, in größerer Breite Spitzenleistungen zu erreichen. Dazu sollte die Anzahl der Trainer, die über die erforderlichen fachlichen und pädagogischen Fähigkeiten verfügten, erhöht und neben den langjährig erfolgreichen Sportarten weitere in die Weltspitze geführt werden.

Die Forderung nach einer verstärkten Individualisierung und Differenzierung des Training war keineswegs neu; neu war jedoch die konsequente Beachtung und Umsetzung der individuellen Besonderheiten der Sportler bei der notwendigen komplexen Entwicklung der psychischen, konditionellen, technischen und taktischen Faktoren auf hohem Niveau. Die weltbesten Athleten überzeugten vor allem durch die hohe individuelle und die zugleich komplexe Ausprägung der die Wettkampfleistung bestimmenden physischen, psychischen, technischen und taktischen Leistungsmerkmale. Mit dem Blick auf die für 1988 prognostizierten Olympialeistungen wurde so die optimale individuelle Entwicklung und die komplexe Verbindung dieser Faktoren zu einem Hauptkettenglied im Training. Dabei sollten durch neue, hohe Belastungsdimensionen (in einzelnen Sportarten wurde ein zeitlicher Umfang von 1500 bis 1600 Trainingsstunden angestrebt) größere Zuwachsraten in den grundlegenden Leistungsvoraussetzungen und besonders in den Kraft-, Bewegungspotentialen erzielt werden.

In der praktischen Umsetzung bestätigte sich immer wieder, daß die angestrebte höhere individuelle Belastungs- und Leistungsfähigkeit auf das engste an das Niveau der allgemeinen und speziellen Leistungsvoraussetzungen gebunden war. Die Verbesserung der Belastbarkeit des einzelnen Athleten mit allgemeinen und semispezifischen Trainingsmitteln erwies sich oft als limitierende Voraussetzung für ein verstärktes spezielles und wettkampfnahes Training.


Techniktraining mit Computerunterstützung

Diese Verflechtungen bestanden erst recht im technischen und technisch-taktischen Training, zwischen Lern- und Voraussetzungstraining. In der Vergangenheit hatten wir teilweise die besonderen Anforderungen und Bedingungen, die dem Erlernen von neuen Bewegungstechniken, von wettkampfbestimmenden Elementen und Höchstschwierigkeiten zugrundelagen, unterschätzt. Jetzt wurde immer deutlicher, daß die Aneignung der prognoseorientierten individuellen Bewegungsleistungen nur über eine entschiedene Verbesserung der Lehr- und Lernmethodik erreichbar war. Die Entwicklung der Informatik, der Mikroelektronik und der Mikrorechentechnik schufen dafür in den achtziger Jahren neue, weitreichende Möglichkeiten. Unsere Spezialisten im DTSB und in der Leistungssportforschung befaßten sich damit, doch die zu dieser Zeit in der DDR verfügbare Informations- und Rechentechnik setzte ihnen Grenzen. Als ich im Juni 1985 mit einer Studiendelegation in China weilte, zeigte man uns in Shanghai unter anderen auch eine computergestützte Bildauswertung von Sprüngen des damaligen chinesischen Weltrekordlers im Hochsprung. Das war für uns ein weiterer wichtiger Anstoß, die Anstrengungen auf diesem zukunftsträchtigen Arbeitsfeld zu intensivieren. In relativ kurzer Zeit konnte der Import von einigen leistungsstarken Personalcomputern und Videosystemen realisiert werden. Auf dieser Basis entstanden 1986/87 erste Beispiellösungen im Geräteturnen. Weitere Sportarten (technisch-akrobatische Sportarten, Kampf- und Spielsportarten) folgten bzw. sollten folgen.

Als Leiter einer Studiendelegation 1985 in China
Als Leiter einer Studiendelegation 1985 in China

Wir standen am Anfang eines computergestützten, parameterorientierten Trainings. Es erlaubte neuartige Informationsflüsse als Sofortinformation für die Steuerung des Trainings zu nutzen. Es ermöglichte die Arbeit mit Soll-Ist-Vergleichen und unterstützte das Finden von methodischen Bestlösungen für den einzelnen Sportler. Zugleich erweiterte diese Art des Trainings die schöpferische Mitwirkung der Athleten und bereicherte ihr sporttheoretisches Wissen. Langfristig betrachtet, eröffnete sich damit für fast alle Sportarten eine neue Phase des Trainings!


Aufbau von Meß- und Untersuchungsbasen

Im Kontext zu diesen sich abzeichnenden Veränderungen entstanden auch neue geräte- und meßtechnische Anforderungen an die Leistungsdiagnostik. Die Ideen zum Auf- bzw. Ausbau von Meß- und Untersuchungsbasen für eine Reihe von Sportarten an den Wissenschaftseinrichtungen und an den zentralen Trainingsstätten des DTSB nahmen konkrete Gestalt an. Ein entsprechendes Forderungsprogramm sollte bis 1988 verwirklicht werden. Für die individuelle Trainings- und Leistungsdiagnostik der Olympiakandidaten wurden aus den KLD-Programmen der Sportverbände komprimierte Untersuchungsprogramme für eine dezentrale Leistungsdiagnostik in den Sportclubs abgeleitet. Das wiederum förderte die Initiativen der Clubs ihrerseits Meßplätze aufzubauen. Die Forderungen nach modernen Trainings- und Wettkampfgeräten, nach Meß- und Untersuchungstechnik wuchsen in diesem Olympiazyklus rasant. Neue sportartspezifische Trainingsgeräte, Meß- und Analyseverfahren hielten Einzug in den Vorbereitungsprozess und verbesserten das Training und die -bedingungen in nahezu jeder Sportart.


Erweiterung der Wettkampfsysteme

Besonders seit 1980 hatte sich die Zahl der internationalen Wettbewerbe erheblich vergrößert. Die hauptsächliche Ursache dafür lag in der in einem hohen Tempo voranschreitenden Kommerzialisierung des Leistungssports. Durch Startgelder, Siegprämien und weitere Anreize vermarktete Wettkämpfe schossen wie Pilze aus dem Boden. Allein zwischen 1981 und 1984 erhöhte sich die Anzahl der Weltmeisterschaften und Weltpokalwettbewerbe im Erwachsenen- und Juniorenbereich von 24 auf 33. Der Leistungssport der DDR konnte und wollte sich dieser Entwicklung nicht verschließen. Wir stellten sie in Rechnung, ohne dabei in die Gefahr zu laufen unser über mehrere Jahrzehnte gewachsenes hocheffizientes Trainings- und Wettkampfsystem zu gefährden. In ihm stellten, auf ein Jahr bezogen, das Training, einzelne Wettkampfhöhepunkte und die unmittelbare Wettkampfvorbereitung darauf die wichtigsten Elemente dar. Andere Wettkämpfe wurden zumeist als hochspezifische Belastungsform genutzt und optimal in die gesamte Trainings- und Wettkampfplanung eingeordnet.

Die extreme Zunahme internationaler Wettbewerbe stellte also für uns - verknüpft mit den auch für den DDR-Sport zunehmend wichtiger werdenden finanziellen Einnahmemöglichkeiten - eine interessante Herausforderung dar, auf die wir konstruktiv reagieren wollten. Dafür boten sich verschiedenartige Lösungswege an.

Die in der Leichtathletik, im Sportschwimmen, im Skisprung und anderen Sportarten gewonnenen positiven Erfahrungen mit einer doppelten Periodisierung wurden zunehmend auch von anderen Sportarten übernommen und erfolgreich angewandt. Zwischen der Hallen- und der Freiluftsaison (oder den Winter- und Sommerwettkämpfen) wurde die zyklische Gestaltung des Jahrestrainings so verändert, daß eine zwar zeitlich verkürzte aber ausreichende Vorbereitungsperiode und eine komprimierte Wettkampfperiode mit einer UWV des Höhepunktes gewährleistet werden konnten.

Ebenso bewährten sich Wettkampfserien, die in Vorbereitung von Wettkampfhöhepunkten als auch unmittelbar danach in zeitlich dichter Aufeinanderfolge durchgeführt wurden. Sie erfüllten zugleich spezielle Trainingsaufgaben und schränkten Reise- und Aufenthaltszeiten ein.

Schließlich gewannen unsere Trainer (besonders im Wintersport) auch gute Erfahrungen mit dem sogenannten Zwischenwettkampftraining, die sich verallgemeinert auch auf andere Disziplinen übertragen ließen. In vielfältiger Weise wurden neue Erkenntnisse und sportartspezifische Lösungen in der rhythmischen Gestaltung von Belastung und Erholung und von Trainings- und Wettkampfphasen gewonnen. Im Hochleistungstraining bildeten die mikrozyklischen Phasen einen Schwerpunkt, im Anschluß- und Aufbautraining standen dagegen Mesozyklen im Vordergrund.

Selbstverständlich diente die intensivere Wettkampftätigkeit auch dazu, die Wettkampferfahrungen der Sportler und Mannschaften zu erweitern und um solche psychischen Eigenschaften wie Konzentrationsvermögen, Risikobereitschaft, Siegeswillen, Selbstvertrauen und Beharrlichkeit im Durchsetzen der eigenen Kampfkonzeptionen u. a. weiter auszuprägen. (Vgl. Eichler, K.: Wissen und kämpfen - trainieren und siegen für die DDR. In: Theorie und Praxis des Leistungssports 24 (1986) 8/9, S. 18-22).

Die Vorbereitung auf die Olympischen Spiele 1988 bewies einmal mehr, daß der Leistungssport der DDR mit seinem bewährten Trainings- und Wettkampfsystem auch immer wieder in der Lage war, auf neue Entwicklungen und Herausforderungen flexibel, konstruktiv und letztlich erfolgreich zu reagieren. Das ständige Messen der eigenen Tätigkeit am Welthöchststand und der Versuch ihn erfolgreich mitzubestimmen, waren ohne schöpferische Arbeit, ohne schnelles Reagieren und ohne konsequentes Umsetzen undenkbar.


Verantwortlich für den Sommersport

Im Kapitel 8 habe ich bereits die besonderen Umstände geschildert, die im Frühjahr 1987 dazu führten, daß ich die Verantwortung für die Vorbereitung der Sommersportarten auf die Olympischen Spiele in Seoul übernahm. Damit traten inhaltliche Aufgaben zwangsläufig in den Hintergrund. Die operative Führung der olympischen Vorbereitung rückte in den Mittelpunkt meiner Arbeit.

Identitätskarte des Chef de Mission
Identitätskarte des Chef de Mission

Es verging kaum eine Woche in der ich nicht vor Auswahlmannschaften der verschiedenen Sportverbände auftrat und mit den Athleten und ihren Trainern die sportpolitischen und sportlichen Aufgaben in Hinblick auf Seoul besprach. An den Wochenenden standen Wettkampfbesuche auf dem Programm. Regelmäßige Zusammenkünfte mit den Verantwortlichen in den Verbänden, ergänzt durch sogenannte Olympiaberatungen mit den Verbands- und Clubleitungen und viele Einzelgespräche mit Sportlern, Trainern und Leitern vor Ort, bestimmten Arbeit und Arbeitsstil. Es war mein Anliegen, stets einen aktuellen Überblick über den Verlauf der Olympiavorbereitung in den Sportverbänden und Sportclubs zu haben und - falls erforderlich - durch Entscheidungen ohne Zeitverzug Hilfe zu geben. Eine andere wichtige Aufgabe bestand darin, Sportler und Trainer zu motivieren und zu einer optimistischen, kämpferischen Stimmung für ein erfolgreiches Abschneiden unserer Olympiamannschaft in Seoul beizutragen. In dieser Hinsicht stellte die feierliche Berufung der Olympiakandidaten auf einer mehrtägigen Zusammenkunft im November 1987 in Templin einen Höhepunkt dar. Wir hatten dazu auch die Ehepartner der Athleten und Trainer eingeladen, sodass wir nahezu 1000 Teilnehmer waren. Neben der Berufung der Sportler fanden Vorträge, Beratungen in den Teilmannschaften, persönliche Gespräche sowie Film- und Tanzveranstaltungen statt. Es war das erste Zusammentreffen der künftigen Olympiamannschaft. Kein Zweifel, daß sie das Zusammengehörigkeitsgefühl über die einzelnen Sportarten hinweg, die weitere Trainingsbereitschaft und die Vorfreude auf das große Ereignis Seoul stark beförderte. Man spürte - jeder Sportler hatte sich hohe persönliche Ziele gestellt. Als Leiter teilte ich den Ehrgeiz der Athleten. Und ich verhehle es nicht: Ich setzte es mir in den Kopf, mit diesem Olympiakollektiv an die hervorragenden Leistungen der Mannschaft von 1976 anzuknüpfen und wiederum einen zweiten Rangplatz vor dem USA-Team zu erreichen.


Freud und Leid eines Chef de Mission

Als das Nationale Olympische Komitee der DDR die endgültige Nominierung der Olympiamannschaft, die mit 284 Athleten in 16 Sportarten an den Start gehen sollte, bekannt gab, weilte ich bereits in Seoul. Bei den zurückliegenden Olympischen Spielen hatte es sich bewährt, vor der Anreise der Mannschaft ein Vorkommando mit dem Chef de Mission an der Spitze in die Olympiastadt zu entsenden. Auf diese Weise wurden die erforderlichen Kontakte mit den Organisatoren hergestellt, die Unterkünfte vorbereitet, die Arzt- und Massageräume eingerichtet, die Trainingszeiten für die ersten Tage gesichert und alles getan, um den Aufenthalt der Mannschaft im Olympischen Dorf so angenehm und so zweckmäßig als nur möglich zu gestalten. Damit war viel Kleinarbeit verbunden und oftmals reichte die Tageszeit dafür nicht aus.

Dem Chef de Mission oblag nicht nur die Führung der Mannschaft nach innen, sondern auch ihre Vertretung nach außen gegenüber dem Organisationskomitee der Spiele und gegenüber der Leitung des Olympischen Dorfes, der Heimstatt unserer Mannschaft für etwa drei Wochen. Besuche beim Bürgermeister des Dorfes und bei seinen wichtigsten Vertretern, der Empfang von Mitarbeitern und Gästen, die Führung der Mannschaft beim Begrüßungs- und Flaggenzeremoniell und bei der Eröffnung der Spiele und vieles andere gehörten zu seinen Pflichten. Oft waren Interviewwünsche und auch Pressekonferenzen wahrzunehmen, so auch vor Beginn der Spiele in Seoul. Mehrere Dutzend Journalisten aus den unterschiedlichsten Ländern nahmen mich über eine Stunde ins Kreuzfeuer ihrer Fragen. Immer wieder wollten sie wissen, wie viele Goldmedaillen unsere Sportler wohl erringen und ob wir die Mannschaften der USA oder gar der Sowjetunion besiegen würden. Alle meine Argumente, daß wir mit einer vergleichsweise geringeren Zahl von Athleten in nur 158 der insgesamt 237 ausgeschriebenen Disziplinen an den Start gehen würden, während die USA-Mannschaft aus 611 gemeldeten Sportlern bestand, nutzten wenig. Eine andere Zahl beeindruckte offensichtlich und zu Recht mehr. 93 Prozent aller Schulkinder konnten nach Abschluß der 3. Klasse in der DDR schwimmen. Wo gab es das noch? Mir erschien dieser Fakt viel wichtiger als alle Medaillenspekulationen vor den Spielen, sagte er doch Wichtiges über unsere Grundlagen und über den olympischen Alltag im Sport und im Schulsport aus. Am nächstem Tag wurde diese Aussage in einigen Zeitungen Seouls wiedergegeben und interpretiert.

Artikel aus einer Seouler Tageszeitung über die DDR-Olympiamannschaft
Artikel aus einer Seouler Tageszeitung über die DDR-Olympiamannschaft

Bei der Führung der Mannschaft nach innen stützte sich der Chef de Mission vor allem auf die Leiter der einzelnen Mannschaftsteile. Es waren in der Regel die Generalsekretäre der jeweiligen Sportverbände, erfahrene Sportfunktionäre wie beispielsweise Horst Ahlgrimm (Rudern), Kurt Fleischmann (Kanu), Ingo Hülsberg (Radsport), Dr. Heinz Kadow (Leichtathletik), Egon Müller (Sportschwimmen) oder Horst Gülle (Gewichtheben), um nur einige zu nennen. Sie kannten jeden „ihrer“ Sportler bestens und beherrschten alle sportpolitischen und technisch-organisatorischen Fragen ihrer Sportarten bis ins` Detail. Mit ihnen und den verantwortlichen Mitarbeiten des Mannschaftsbüros kamen wir täglich zu Arbeitsbesprechungen zusammen. Nach Möglichkeit mischte ich mich in ihre Arbeit nicht ein. Wenn es doch einmal, wie in Seoul mit den Sportschützen oder der Volleyball-Frauenmannschaft geschah, so ging es mir vor allem darum, ihnen nach einigen Mißerfolgen erneut Mut zu machen oder wie es im Sport heißt, ihnen „den Kopf frei zu machen“, damit sie ihr oft bewiesenes wirklichen Leistungsvermögen im olympischen Wettbewerb voll entfalten. Aus eigenem Erleben als Leistungssportler wußte ich um diese psychisch-mentale Problematik. In dem Zusammenhang fällt mir im Rückblick ein Erlebnis mit dem Rostocker 5000-m-Läufer Hansjörg Kunze ein, auf dessen episodische Wiedergabe ich nicht verzichten möchte. Hansjörg wollte nach seinem schwachen und mit Beschwerden verbundenen Vorlauf in Seoul auf die dennoch erreichte Endkampfteilnahme verzichten, obwohl die Mannschaftsärzte keine gesundheitlichen Einschränkungen festzustellen vermochten. Er war unser einziger Starter im 5000-m-Lauf und ich kannte seine aufwendige, fleißige Vorbereitung in Lehrgängen und Höhentrainingslagern. Also lud ich ihn und den Mannschaftsleiter zu einem Gespräch ein und „riet“ ihm sehr ernsthaft, seine Endkampfchance wahrzunehmen. Im Finallauf war er gut drauf und holte sich im hartem Kampf die Bronzemedaille. Ich glaube, ich habe mich fast ebenso wie er über seinen Erfolg und über unsere Entscheidung gefreut.

Freud und Leid eines Chef de Mission, der auch zugibt, daß es nicht nur glückhafte sondern gewiß auch problematische Entscheidungen gegeben hat und der weiß, daß in einer Olympiamannschaft Siege und Niederlagen, Freude und Enttäuschung eng beieinander liegen.

Zu den vielen guten Ritualen und Traditionen der DDR-Olympiamannschaften gehörte auch die traditionelle Zusammenkunft mit jenen Olympiateilnehmern, deren Wettkampferwartungen sich nicht so wie selbst erhofft, erfüllt hatten. Die Gründe dafür waren sehr unterschiedlich. Sie reichten von der verfehlten Qualifikation zum Vorkampf oder des Finales über das unglückliche Ausscheiden durch Verletzung bis hin zum Verlust einer schon sicher geglaubten Medaille. In Seoul luden Rudi Hellmann als Vizepräsident des NOK und ich 27 Athleten zu einem Essen außerhalb des Olympischen Dorfes ein. Frei von der Betriebsamkeit des Dorfes entstanden eine angenehme Atmosphäre und Zeit für freundschaftliche Gespräche und für einen optimistischen Ausblick.

Im Bildband des Sportverlags über die Spiele in Seoul fand ich ein Zitat aus der damals von mir gehaltenen kurzen Begrüßungsrede, das ich hier gern wiederholen möchte:

"Eine Mannschaft kann nicht nur aus Siegern bestehen, und unser Respekt gilt immer auch denen, die nach großem Kampf Besseren unterlagen. Wir wissen, wie bitter es ist, wenn sich langgehegte Träume nicht erfüllen, konsequentes Training über Jahre in der Stunde der Entscheidung ohne den großen Erfolg bleibt. In unserem Land, in unserer Gesellschaftsordnung zählt nicht nur der Sieger!" (Spiele der XXIV. Olympiade Seoul 1988, Sportverlag Berlin 1988, S. 256).

Einmarsch Seoul
Einmarsch Seoul

Ein harter Zweikampf mit der USA-Mannschaft

über das glanzvolle Abschneiden unserer Sportler und Mannschaft ist seinerzeit viel geschrieben und gesprochen worden. Jedes zweite Mannschaftsmitglied errang eine Medaille. Insgesamt waren es 102! Ein eindrucksvoller Beleg für die Leistungsfähigkeit und die -bereitschaft der Sportlerinnen und Sportler sowie für die Wirksamkeit unseres Vorbereitungssystems.

Der sportliche Wettstreit mit dem USA-Team wurde erwartungsgemäß hart und spannend bis zum Abschluß der Spiele. An den letzten beiden Wettkampftagen waren unsere Sportler nur noch in wenigen Disziplinen an den Wettkämpfen beteiligt, während die US-amerikanischen Athleten in allen noch ausstehenden Sportarten starteten. So schmolz unser Vorsprung mehr und mehr. Am Ende betrug er nur noch eine Goldmedaille. Die Olympiasiege von Henry Maske und Andreas Zülow im Boxen, von Jürgen Schult im Diskuswerfen und im Kajak-vierer der Frauen mit Birgit Fischer als Schlagfrau gaben den Ausschlag. Unsere Mannschaft behielt die Nase vorn!

Ich zog aus diesem spannungsgeladenen Endkampf unter anderen die Schlußfolgerung, daß sich der DDR-Sport im nächsten Olympiazyklus auf eine größere Anzahl von Sportarten und Disziplinen orientieren muß, will er auch weiterhin seine Position unter den drei leistungsstärksten Sportländern der Welt behaupten. Das fand in bestimmtem Maße seinen Niederschlag in den neuen Beschluß über die Entwicklung des Leistungssports bis 1992.

Den Kopf voller Ideen über die nächsten Schritte unserer erfolgreichen Entwicklung traten wir die Heimreise an.

Wer konnte ahnen, daß die Spiele in Seoul die letzten sein würden, an denen eine Olympiamannschaft der DDR beteiligt war?