Hochleistungssport

Nachwort

Mit der politischen und wirtschaftlichen Implosion der DDR brach zwangsläufig auch der Leistungssport zusammen. Er war in seinen wesentlichen Strukturen und in seinen politisch-ideologischen Zielen fest im gesellschaftlichen System verwurzelt. Zugleich stellte der Leistungssport innerhalb dieser Gesellschaft ein sehr spezifisches und relativ eigenständiges Teil- oder Subsystem dar, das in der Einheit von systemimmanenten und -neutralen Elementen über mehrere Jahrzehnte Tausende von talentierten jungen Sportlern dieses Landes zu sportlichen Spitzenleistungen führte. Auf diesem gesellschaftlichen Teilgebiet erreichte die DDR in vielen Sportarten nachweislich Weltniveau. Hier war die DDR - wie Volker Kluge sehr treffend bemerkte - "das Land der Sieger". (Kluge, V.: Das große Lexikon der DDR-Sportler Berlin: Schwarzkopf & Schwarzkopf Verlag 2000, S. 5).

Der Leistungssport der DDR hinterließ einen umfangreichen Schatz an Erfahrungen und Erkenntnissen. Sein Erbe vermittelt auch heute noch viele Anregungen und Lehren, die es wissenschaftlich aufzuarbeiten und zu bewerten gilt.

Dieser Leistungssport war Ende der achtziger Jahre keineswegs marode. Und es gab auch keine sich „exponentiell verschärfende Leistungs- und Sinnkrise des DDR-Leistungssports“ wie es manche "Sporthistoriker" heute in der Öffentlichkeit zu beweisen versuchen. (Vgl.: Spitzer,G./ Teichler, H.-J./Reinartz, K. (Hrsg.): Schlüsseldokumente zum DDR-Sport, Aachen: Meyer & Meyer Verlag 1998, S. 247, 256 u.259).

Es ist weder historisch noch wissenschaftlich haltbar, die tiefen Ursachen, die zum Untergang der DDR als Staat führten, in eine „Strukturkrise“ des Leistungssports umzudeuten. Die Folgen eines derartigen Vorgehens sind theoretisch wie praktisch außerordentlich verhängnisvoll. Sie verhindern nicht nur auf dem Feld des Sports, sondern nach meinem Ermessen auch auf vielen anderen Gebieten, wie beispielsweise dem der Kultur und der Kunst u.a., eine objektive Bewertung von zeitgeschichtlichen Vorgängen und realen Ergebnissen. Sie führen letztlich zu einer Mißachtung der Leistungen von Menschen und ihrer Biographien.

Der Leistungssport in der DDR ist mit dem Zusammenbruch dieses Staates unwiederholbar untergegangen, aber er ist nicht in und an sich selbst gescheitert!

Wenn es Ende der achtziger Jahren eine Sinnkrise des Leistungssports gab und nach meiner Auffassung auch heute noch gibt, so war und ist es vor allem eine Sinnkrise des modernen internationalen Hochleistungssports. Vor ihm stand und steht wahrhaftig die Frage: Quo vadis?

Natürlich stellten die fortschreitende Kommerzialisierung und Professionalisierung auch den Leistungssport in der DDR damals vor neue Probleme. Aber auch das waren Probleme und Herausforderungen, die sich vor allen anderen Ländern im Sport gleichfalls auftaten.

Selbstverständlich erforderte der sich global vollziehende Fortschritt in der Wissenschaft, Informatik, Mikroelektronik und Gerätetechnik umfangreiche materielle und geistige Aufwendungen. Doch das betraf nicht nur den DDR-Sport!

Und erst recht mußte mit den weit verbreiteten Praktiken des Dopings im internationalen Sport gebrochen werden. Aber auch das galt - wie es die aktuelle Situation und die Olympischen Spiele in Sydney in erschreckenden Ausmaße bestätigen - eben nicht nur für den damaligen DDR-Sport, sondern für den Weltsport insgesamt.

Als einer der Akteure und Zeitzeugen des DDR-Sports vermochte ich keine Strukturkrise unseres Leistungssports zu erkennen. Wenn bestimmte Autoren von einer derartigen Krise in den achtziger Jahren sprechen, so galt das nach meinem Ermessen in erster Linie für den Leistungssport in der BRD selbst. Mit insgesamt schwachen Leistungen kam man bei den Olympischen Spielen 1988 in Seoul auf dem 5. und in Calgary auf dem 8. Platz in den Länderwertungen. Mit diesen Ergebnissen vergrößerte sich die Kluft zwischen dem Leistungssport der DDR und dem der BRD in eklatanten Maße. Bei den Olympischen Winter- und Sommerspielen 88 erreichten die Mannschaften der BRD gerade etwas mehr als ein Drittel der Medaillen der DDR-Sportler. 343 Punkte trennten die beiden deutschen Mannschaften am Ende der Spiele in Seoul! Doch genug der Polemik!


Wie war Ende der achtziger Jahre die reale Lage im Leistungssport der DDR und was besagen die Fakten?


Mir ist heute klar, daß dieser Beschluß viel zu spät erfolgte und daß er in seinen Konsequenzen noch unzureichend war. Mit der Einsicht und dem Wissen von heute möchte ich in keiner Weise versuchen, dieses dunkle Kapitel des Dopings im internationalen Sport und im DDR-Leistungssport klein zu reden oder gar zu rechtfertigen. Es ist meine Absicht, im Zusammenhang mit den gegen Trainer und Funktionäre geführten Ermittlungen und Prozessen in einem eigenem Abschnitt darauf detaillierter einzugehen.

Aber dieses dunkle Kapitel darf auf keinem Fall den Blick darauf verstellen, daß die erfolgreiche Entwicklung der DDR im Leistungssport vor allem und zuerst das Ergebnis


Für diese These gab es in der Vergangenheit aber auch in der Gegenwart genügend überzeugende Belege. Den vielleicht überzeugendsten, weil aktuellsten Beweis liefern die beeindruckenden Leistungen aller jener Athleten, die aus dem Leistungssport der DDR hervorgingen und seit 1990 bei Olympischen Spielen und vielen anderen internationalen Wettkämpfen erfolgreich waren. In den letzten zehn Jahren wurden bei den olympischen Sommer- und Winterspielen 50 bis 75 Prozent der von den deutschen Mannschaften errungenen Medaillen von Sportlern aus der ehemaligen DDR erzielt. Bei den Olympischen Spielen 2000 in Sydney gewannen diese Sportler 75 % der Goldmedaillen, 54 % der Silber- und 59 % der Bronzemedaillen der deutschen Olympiamannschaft. Wo hätte sich diese Olympiamannschaft ohne die Leistungen dieser Sportler platziert? (Vgl.: Horatschke, H.: Sydney und die Deutschen In: Beiträge zur Sportgeschichte, Berlin, Heft 12, S.14).

Hohe Anerkennung verdient auch die Arbeit der Trainer, die aus der "Schule" des DDR-Sports hervorgingen und als Absolventen der DHfK in Leipzig mit hohem fachlichem und pädagogischem Können heute in Deutschland oder in vielen anderen Ländern der Welt erfolgreich weiter wirken.

Alle diese Fakten und Beispiele verurteilen die Versuche den Leistungssport der DDR im Nachhinein zu verfälschen und ihn zu diskreditieren zum Scheitern. Es ist an der Zeit, diesen Leistungssport politisch unvoreingenommen, wissenschaftlich solide und in seinen historischen Zusammenhängen aufzuarbeiten und darzustellen. Das hier vorgestellte Kapitel soll dazu einen Beitrag leisten.