1. Olympische Sommerspiele London 19081

Inspiriert von den Ideen des französischen Humanisten Pierre de Coubertin entwickelten sich die Olympischen Spiele gegen Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts vorrangig in Europa. Vier der ersten fünf Olympischen Spiele fanden in Hauptstädten Europas statt.

Die Spiele 1908 in London und 1912 in Stockholm nahmen in dieser Entwicklungsphase eine wichtige Rolle bei der die inhaltlichen und organisatorischen Ausgestaltung und Festigung der modernen Olympischen Spiele ein.
Dabei ging es um solche grundsätzlichen Fragen wie die des Austragungsmodus und des Austragungsrhythmus, um den Status der Teilnehmer, die Auswahl der Sportarten und Wettbewerbe, um die Eröffnung, den Ablauf und den Abschluss der Spiele und anderes mehr. Vieles musste pragmatisch erprobt, bewertet und entschieden werden.

Doch ungeachtet mancher Meinungsverschiedenheiten und vieler großer und kleiner Schwierigkeiten gelang es dem langjährigen Präsidenten, Baron Pierre de Coubertin, und dem von ihm geführten Internationalen Olympischen Komitee (IOC) im Zusammenwirken mit den jeweiligen Ausrichtern die Olympischen Spiele schrittweise zu festigen und sie in zunehmenden Maße zu einem eigenständigen Fest der Sportjugend der Welt zu gestalten.

In diesem Prozess waren die Spiele in London ein wichtiger Meilenstein. Erstmalig fanden Olympische Spiele im Mutterland des modernen Sports statt. Hier hatten viele Sportarten des heutigen Sports ihren Ursprung, hier entstanden als erstes die Regeln des Fair Play und hier gab es in großer Zahl Sportler, Fans und Zuschauer, die sich mit Leidenschaft und Sachverstand für den Sport einsetzten. Ursprünglich hatte das IOC die Spiele der IV. Olympiade an die Stadt Rom vergeben. Doch Probleme organisatorischer und finanzieller Art in Rom führten dazu, dass die Stadt London im Jahre 1906 kurzfristig die Spiele übernahm. Die britische Hauptstadt, in der bereits seit vielen Jahren international bekannte Wettbewerbe wie zum Beispiel im Tennis, Rudern, Boxen und Schießen ausgetragen wurden, verfügte über eine Reihe von Sportstätten, die für die entsprechenden olympischen Wettkämpfe genutzt werden konnten.

Doch wie 1900 und 1904, als die Olympischen Spiele als Bestandteil der jeweiligen Weltausstellungen in Paris und St. Louis ausgerichtet wurden, so waren auch die Londoner Spiele in das Programm einer großen französisch-britischen Messe eingebunden. Im Unterschied zu den vorherigen Spielen bildeten sie jedoch ein weitgehend eigenständiges internationales Sportereignis, das ein relativ breites öffentliches Interesse fand.

Ungeachtet der knapp bemessenen Zeit verwirklichten die Londoner Organisatoren eine Reihe von wichtigen Baumaßnahmen und organisatorischen Neuerungen, von denen nicht wenige Maßstäbe für künftige Olympische Spiele setzten.

Im Vergleich zu den Olympischen Spielen 1900 und 1904, die in organisatorischer wie sportlicher Hinsicht teilweise chaotisch verliefen, erwiesen sich die Spiele in London sportlich und sportpolitisch als auch organisatorisch als ein Erfolg. Sie stärkten die Autorität der jungen Olympischen Bewegung und der Olympischen Spiele als großes, sich dynamisch entwickelndes Fest der Sportjugend der Welt.

Die folgenden statistischen Daten sind ein deutlicher Beleg dafür:
An den Londoner Spielen nahmen 22 Länder mit 2047 Athleten - davon 42 Frauen - teil. Die meisten von ihnen kamen aus Europa (1797) und Amerika (211). Aber auch Ozeanien, Afrika und Asien waren mit Sportlern vertreten.
Vergleicht man die Anzahl der Teilnehmer von 1896 (241) mit denen der Spiele 1912 (2430), so hatte sie sich in 16 Jahren verzehnfacht.
In London standen 21 Sportarten mit 110 Disziplinen auf dem Programm. Hinzu kamen noch einige Vorführungswettbewerbe. Die meisten Teilnehmer stellten natürlich Großbritannien mit 721 und Frankreich mit 220 Sportlern. Deutschland vertraten 83 Athleten.

In einer Medaillenwertung plazierte sich das Team Großbritannien mit 143 Medaillen (!) vor dem der USA mit 47. Danach folgten die Mannschaften Schwedens und Frankreichs. Die deutschen Teilnehmer belegten mit insgesamt 14 Medaillen (davon 3 Goldmedaillen, 5 silberne und 6 bronzene Medaillen) den 5. Platz.
Besonders erfolgreiche Olympiateilnehmer waren der britische Schwimmer Henry Tailer, der in drei Disziplinen siegte sowie der Italiener Alberto Braglia, der im Turnen die Goldmedaille im Einzelmehrkampf gewann. In Erinnerung bleibt auch der dramatische Ausgang des olympischen Marathonlaufes, bei dem der führende Italiener Dorando Pietri auf der letzten Stadionrunde total entkräftet mehrfach zusammen brach und vom Kampfgericht disqualidfiziert wurde, da er die letzten Meter von Helfern über die Ziellinie "geschoben" wurde. In der Leichtathletik und im Schwimmen wurden jeweils vier neue Weltrekorde aufgestellt - auch ein Zeichen für die gewachsene Leistungsstärke der Olympiateilnehmer.

Am Ende noch ein Kuriosum: Da es neben den im Juli stattfindenden "Sommerspielen" noch so genannte "Frühjahresspiele" für Ballsportarten, "nautische Spiele" für die Wasserfahrsportarten und "Winterspiele" gab, feierte Eiskunstlauf mit vier Disziplinen seinen Einstand bei Olympischen Spielen, also lange bevor 1924 die ersten Olympischen Winterspiele veranstaltet wurden. Im Paarlauf siegten die Deutschen Anna Hübler und Heinrich Burger.


[1] In den Darlegungen zu den Olympischen Spielen 1908 und 1948 in London stützt sich der Autor vorrangig auf die von Volker Kluge verfassten vier Bände „Olympische Sommerspiele, Die Chronik I – IV“, Sportverlag Berlin, 1997 - 2001. Sie gelten als ausgezeichnetes und sehr zu empfehlendes Standardwerk über die Geschichte der Olympischen Spiele der Neuzeit. In einzelnen Fällen wurden auch themenbezogen Informationen und Fakten aus Websites, z. B. von wikipedia genutzt.