2. Olympische Sommerspiele London 1948

Eingebunden in die geopolitische Entwicklung in der Welt erschütterten der von Deutschland ausgehende 1. und 2. Weltkrieg auch die Existenz der Olympischen Spiele auf das Ernsteste. Die Spiele der Jahre 1916, 1940 und 1944 fielen aus. Tausende von Spitzensportlern starben auf den Schlachtfeldern. Die 1936 in Berlin von Nazi-Deutschland veranstalteten Olympischen Spiele wurden zu einem gespenstigen Zerrbild der Olympischen Idee mit dem die Vorbereitung des Krieges und die Vernichtung der Juden verschleiert werden sollten. Die Zukunft der Olympischen Spiele war in Frage gestellt. Der Sieg der Alliierten über das faschistische Deutschland und Japan beendete diesen von zwei Weltkriegen geprägten Abschnitt in der Geschichte der Menschheit.

Drei Jahre danach rief die Stadt London die Sportjugend der Welt auf, zu den Olympischen Sommerspielen nach London zu kommen. Ursprünglich für 1944 vorgesehen, fanden sie nun als Spiele der XIV. Olympiade vom 29. 7. bis 14. 8. 1948 in London statt. Besonders in Europa litten viele Länder an den Folgen des Krieges, an Hunger, Obdachlosigkeit, Umsiedlung und menschliches Leid. Auch London war noch von den Auswirkungen des Krieges gezeichnet und es gab nicht wenige Diskussionen darüber, ob es denn richtig wäre eine derartige Veranstaltung des Weltsports zu diesem Zeitpunkt durchzuführen. Häuser und Wohnungen waren teilweise zerstört, Lebensmittel, Kleidung, Benzin rationiert, die Währung abgewertet. Das britische Weltreich begann sich aufzuspalten und Großbritanniens internationale Stellung hatte sich sichtbar reduziert.

Die Sowjetunion beteiligte sich nicht mit einer Sportmannschaft an den Olympischen Spielen. Es bestand noch kein Nationales Olympisches Komitee (NOK), normalerweise Voraussetzung für die Teilnahme eines Landes. Die vorrangige Bewältigung der Schäden des faschistischen Angriffskrieges, aber auch die Verschlechterung der Beziehungen zwischen den ehemaligen Alliierten waren mögliche weitere Gründe für die Nichtbeteiligung des sowjetischen Sports. Als Aggressoren des 2. Weltkrieges wurden Deutschland und Japan nicht zu den Londoner Spielen eingeladen. Beide Länder hatten einen Krieg zu verantworten, in dem über 50 Millionen Menschen ihr Leben ließen und viele Länder und Städte zerstört wurden.

Die damals in London real gegebene Situation erlaubte es nicht, neue Sportstätten für die Spiele zu errichten. Doch das traditionsreiche Wembley-Stadion hatte den Krieg überstanden. Es wurde zum Zentrum vieler Wettkämpfe sowie der Eröffnungs- und Abschlussfeier. Auch auf eine gemeinsame Unterkunft der Teilnehmer in einem Olympischen Dorf musste verzichtet werden. Die männlichen Teilnehmer wurden in einem Militärlager in der Nähe Londons, die Frauen in Wohnheimen in der Stadt untergebracht. Auf Grund der schwierigen Ernährungslage sahen sich die Organisatoren gezwungen, die teilnehmenden Mannschaften und Sportler aufzufordern, selbst Lebensmittel zur ihrer Versorgung mitzubringen. Hilfreich erwiesen sich auch viele Nahrungsmittel- und Sachspenden aus dem Aus- und Inland. Ungeachtet dieser und anderer Probleme wurden die Olympischen Spiele des Jahres 1948 zu einem nachhaltigen Erfolg.

Insgesamt beteiligten sich 59 Nationen mit 4104 Athleten. Der Anteil der weiblichen Sportler lag bei 9,5 Prozent. Damit wurden die bei den Spielen 1936 ermittelten Zahlen übertroffen und die bislang höchste Anzahl von Ländern und Teilnehmern erreicht. In 17 Sportarten und 136 Wettbewerben fanden Wettkämpfe statt. Zu den Sportarten gehörten: Basketball, Boxen, Fechten, Feldhockey, Fußball, Gewichtheben, Kanu, Leichtathletik, Moderner Fünfkampf, Radsport, Reiten, Ringen, Rudern, Schießen, Schwimmen, Segeln, Turnen, Wasserball und Wasserspringen. In der Leichtathletik wurde erstmalig der Wettbewerb im Kugelstoßen der Frauen ausgetragen. Neu war auch der Einsatz von Startblöcken in den leichtathletischen Sprintdisziplinen.

Die erfolgreichste und wohl auch populärste Sportlerin der Spiele war die holländische Leichtathletin Fanny Blankers-Koen, die vier Goldmedaillen (80 m Hürdenlauf, 100 m, 200 m und 4 x 100 m Staffellauf) erkämpfte. Mit drei Olympiasiegen, einem 2. und 3. Rang schnitt der finnische Turner Veikko Huhtanen als erfolgreichster männlicher Teilnehmer ab. Und nicht zu vergessen: Emil Zatopek begann in London seine olympische Karriere mit einem eindrucksvollen Sieg im 10 000 m Lauf und einem zweiten Platz über die 5000 m Distanz.

Insgesamt erkämpften Sportler aus 37 Nationen Medaillen. In der zwar inoffiziellen, aber schon damals durch die Presse weltweit verbreiteten Medaillenwertung der Länder nahm die Mannschaft der USA erwartungsgemäß mit 38 Gold-, 27 Silber- und 19 Bronzemedaillen den 1. Platz ein. Überraschend das Abschneiden der schwedische Vertretung auf dem 2. Rang (16 GM/11 SM/17 BM). Ihr folgten die Mannschaften aus Frankreich, Ungarn, Italien, Finnland, Türkei, Tschechoslowakei, Schweiz sowie Dänemark. Die Olympiamannschaft Großbritanniens (3/14/6) musste sich nach einem Medaillenspiegel, in dem die Zahl der Goldmedaillen ausschlaggebend ist, mit einem enttäuschenden 12. Platz begnügen. Die Londoner Zeitung „Evening Standard“ kommentierte sarkastisch das Abschneiden der britischen Sportler wie folgt: „Es ist zwar bei Olympia das Wichtigste, teilzunehmen, aber auch ganz schön, manchmal zu siegen.“ (Zitiert nach „Der Spiegel“ vom 21.8.1948)

Zu Recht wurden die Olympischen Spiele 1948 in London als Nachkriegsspiele bezeichnet. Trotz aller mit dem Folgen des Krieges verbundenen Schwierigkeiten verliefen sie sehr erfolgreich. Besonders die gute Atmosphäre und ihre optimale Organisation wurden anerkannt und stimulierten die Ausrichter der nachfolgenden Spiele.

Andererseits fanden die Londoner Spiele 1948 zu einer Zeit statt, in welcher der Kalte Krieg zwischen den ehemals Alliierten und ihren Bündnispartnern zunehmend die Weltpolitik und die internationalen Beziehungen zwischen den Staaten bestimmte. Der Sport wurde im wachsenden Maße Teil dieser Systemauseinandersetzung.

1952 beteiligte sich die UdSSR erstmalig mit einer Sportmannschaft an Olympischen Spielen. Das veränderte in sportpolitischer und sportlicher Hinsicht die Olympische Bewegung. Glänzend vorbereitet, erkämpften die sowjetischen Sportler in Helsinki die meisten Siege und platzierten sich als Mannschaft vor dem Team der USA. Bei den nachfolgenden Spielen ergab sich Schritt für Schritt eine Verschiebung der Leistungspole zugunsten des Sports der sozialistischen Länder. Mit eigenständigen Mannschaften trug der Sport der DDR seit Mexiko 1968 wesentlich dazu bei. Ein blutiger Terrorakt auf die Mannschaft Israels erschütterte die Sommerspiele 1972 in München. Der weitgehend politisch motivierte Boykott der Olympischen 1980 und 1984 gefährdete die Zukunft der Olympischen Spiele ernsthaft. Nahezu eine Generation von Spitzensportlern der betroffenen Staaten verlor ihre Chance an Olympischen Spielen teilzunehmen. Ihr Protest und die von verantwortungsvollen Sportpolitikern und Politikern aus Ost und West eingeleiteten Aktivitäten gewährleisteten, dass die Sommerspiele 1988 in Seoul erfolgreich durchgeführt werden konnten. Die DDR und ihr Sport hatten daran einen bedeutenden Anteil.

Nach der Implosion der sozialistischen Staaten in Europa und dem Ende des Kalten Krieges setzten sich die Tendenzen der Kommerzialisierung und der Professionalisierung des Leistungssports und der Olympischen Spiele verstärkt durch. Im Zusammenhang damit änderten sich die Werte des Sports grundlegend. Ungeachtet aller Ausstrahlungskraft, Emotionalität und der Faszination spannender Wettkämpfe: Geld und Profitmacherei bestimmen den heutigen Spitzensport und leider auch die Olympischen Spiele!