3.2 Zu einer ersten Leistungsbewertung – Rekorde, Medaillen- und Länderwertung

Die Wettkämpfe bilden das Kernstück der Olympischen Spiele. In ihnen ringen die Athleten nach verbindlichen Regeln um den Sieg bzw. um die ihnen mögliche beste Leistung. Das ist mit starken Emotionen der miteinander Kämpfenden wie auch der Zuschauer verbunden. Sportliche Wettkämpfe beeindrucken, fesseln, begeistern und bezaubern. Sie üben eine starke Faszination aus. Die olympischen Wettkämpfe von London in 302 Disziplinen waren der beste Beweis dafür. Schon ihr Umfang war gigantisch. Hätte man die Wettkämpfe getrennt und nacheinander durchführen wollen, so hätte das 460 Tage in Anspruch genommen (Der Spiegel, 2/2012, S. 99).

In London standen dafür nur 16 Wettkampftage zur Verfügung. Es gab keine Sportart und keinen Tag ohne spannungsgeladene Wettbewerbe. Die Entscheidung über 100 Meter wurde wieder zum Glanzpunkt, ging es doch um den „schnellsten Mann der Welt“. Bekanntlich gewann der Jamaikaner Usaim Bolt die begehrte Goldmedaille. Jede Sportart hatte ihre Höhepunkte. Aus deutscher Sicht denke ich beispielsweise an die Auseinandersetzungen im Tischtennis zwischen dem deutschen und dem chinesischen Team, an den erfolg- und glücklosen Kampf unserer Schwimmer und Schwimmerinnen um eine Medaille, an den Sturmlauf der deutschen Militaryreiter, an die Spiele im Beachvolleyball und im Hockey um den Einzug in die Finalrunde oder an den spannenden Kampf des Berliner Diskuswerfers Harting um die Goldmedaille. Übrigens der ersten, die ein deutscher Leichtathlet seit 12 Jahren in dieser Sportart wieder gewann.

In den Sportarten mit messbaren Leistungen gab es wiederum eine ganze Reihe von neuen Welt- und Olympiarekorden. Insgesamt wurden während der 16 Wettkampftage in London 37 neue Weltrekorde aufgestellt. Bei den Spielen 2008 in Peking waren es 52, 2004 in Athen 23.

Aufgestellte Weltrekorde2201220082004
Sportschwimmen9258
Gewichtheben8105
Sportschießen37 (1 Einstellung)2
Leichtathletik452
Moderner Fünfkampf-3-
Radsport1023
Bogenschießen213
Insgesamt375223

Der Vergleich der Weltrekordentwicklung über die letzten drei Olympischen Spiele lässt meines Erachtens keine gesicherten Rückschlüsse über künftige Entwicklungen zu. Jedoch ist anzunehmen, dass die Suche und Förderung außergewöhnlicher sportlicher Talente, die Verbesserung grundlegender Leistungsvoraussetzungen und deren sportartspezifische Ausprägung, der optimale Trainingsaufbau zu Wettkampfhöhepunkten wie den Olympischen Spielen sowie die weitere Verbesserung der äußeren Wettkampfbedingungen (Sportanlagen, Sportgeräte und Sportbekleidung) auch künftig neue Rekorde erwarten lassen.

Bekanntlich treten die Sportler bei den Olympischen Spielen nicht nur unter ihren Namen, sondern gleichzeitig unter dem Namen ihres Landes an. Das gilt generell für Staffeln und Mannschaftswettbewerbe. Olympiateilnehmer sind objektiv auch Vertreter ihrer jeweiligen Länder.
Auch wenn man sich in der BRD über viele Jahre sehr schwer damit tat, heute „präsentieren sich die deutschen Sportlerinnen und Sportler“, entsprechend einer Aussage des Deutschen Olympischen Sportbundes, „als erfolgreiche und sympathische Botschafter ihres Landes“ (Kurzporträt des DOSB, www.dosb.de/de/organisation vom 6.8.2012). Sicherlich sehr bewusst gewählt, ging die deutsche Olympiamannschaft in London unter dem Leitmotiv „Wir für Deutschland“ an den Start! Seit vielen Jahren weiß man um den Zusammenhang und um die Wechselwirkung von Sport (als Einheit von Breiten- und Spitzensport) und dem sozialen, kulturellen und wirtschaftlichen Niveau eines Landes. Auch wenn das IOC betont, dass Olympische Spiele Wettkämpfe zwischen Athleten in Einzel- oder Mannschaftsdisziplinen und nicht zwischen Ländern sind, die Praxis ist eine andere. Da vollzog sich auch ein harter Wettbewerb zwischen Ländern.

Ähnlich wie zu den Spielen 2008 in Peking standen die Wettkämpfe in London im Zeichen des Zweikampfes zwischen den Mannschaften der USA und Chinas. Dieses Mal jedoch setzten sich die US-amerikanischen Athleten wieder an die Spitze. In den ersten Tagen der Spiele führte kurze Zeit das chinesische Team, das überraschend fünf Siege im Schwimmen verbuchte. Die Erfolge der Amerikaner in der Leichtathletik waren wieder einmal ausschlaggebend. Nach Abschluss aller Wettbewerbe fiel der Abstand zugunsten der USA-Mannschaft mit 104 zu 87 Medaillen größer als erwartet aus. Meiner Auffassung nach ist und bleibt China das Sportland mit dem größeren Leistungspotential. Wenn Chinas Sport seine erkennbaren Fortschritte im Sportschwimmen weiter ausbaut und in der Leichtathletik mehr „Topathleten“ zu entwickeln vermag, wird an der Spitzenposition dieses Landes kaum zu rütteln sein.

Die Mannschaft Großbritanniens hat die Durchführung der Spiele im eigenen Land für einen sensationellen Leistungsaufschwung genutzt. Bei den Sommerspielen 1996 in Atlanta abgeschlagen mit 1 Goldmedaille, 8 Silber- und 6 Bronzemedaillen auf dem 36. Rang, wurde nun in London die Mannschaft Russlands erstmals überflügelt und der 3. Rang in der Medaillenwertung erreicht. Ein nahezu einmaliges Beispiel in der Geschichte Olympischer Spiele! In 4 der in London ausgetragenen 26 Sportarten wurde durch britische Athleten die erste Position erkämpft, in drei weiteren die zweite. Allein im Radsport feierten die britischen Teilnehmer 8 Siege. Als Ursachen für den Erfolg können die langfristige Vorbereitung über mehrere Olympiaden, die umfangreiche finanzielle Unterstützung der Sportler und der Sportverbände, die Konzentration auf erfolgversprechende und in Großbritannien populäre Sportarten, die zielgerichtete Sichtung und Förderung von Talenten, die Zusammenführung der Olympiakandidaten in zentralen Stützpunkten und Trainingslehrgängen, der Einsatz ausländischer Trainer, die wissenschaftlich-technische Begleitung der Vorbereitung und nicht zuletzt die starke Motivation der Sportler und Betreuer angesehen werden. (Laut Medienberichten war davon zu hören, dass in einzelnen Fällen Sportler dazu bewegt wurden, ihre Sportart zu wechseln um in einer anderen personelle Lücken zu schließen und Leistungsrückstände abzubauen, Handball, Diskuswerfen). Meines Erachtens ist davon auszugehen, dass der Sport Großbritanniens den gewonnenen Vorsprung gegenüber den anderen europäischen Sportländern für eine längere Zeit aufrecht erhalten und damit eine gewisse Führungsrolle im Leistungssport Europas wahrnehmen kann.

Der Spitzensport Russlands hat nach meiner Meinung noch immer nicht den Verlust an Sportlern, Trainern und weiteren Spezialisten, die ins Ausland gegangen sind bzw. die nach der Auflösung der Sowjetunion nunmehr in den eigenständigen Folgestaaten leben, ausgleichen können. Jedoch ist anzunehmen, dass unter dem Eindruck der Londoner Resultate und der Vorbereitung der Winterspiele 2014 in Sotschi mit Unterstützung des Staates verstärkt Anstrengungen unternommen werden, um in den nächsten Jahren wieder eine stabile Position unter den drei leistungsstärksten Ländern zu erreichen. Dass das möglich ist, davon zeugen auch die vielen guten Platzierungen russischer Sportler in den Finalkämpfen. In einer Wertung der Plätze 1 bis 6 erreicht die russische Mannschaft 551 Punkte, die von Großbritannien 463. Das heißt: Bei einem derartigen Bewertungsmodus, der auf Grund seiner Vorzüge oft zusätzlich zur Medaillenwertung angewandt wird, würde die Mannschaft Russlands die 3. und die Großbritanniens die 4. Position einnehmen. Bemerkenswert ist auch die Entwicklung des Leistungssports in den 14 Ländern, die ehemals zur Sowjetunion gehörten. Die Mannschaften Kasachstans, der Ukraine, Weißrusslands, Georgiens, Aserbaidschans, Usbekistans, Litauens und Lettlands beendeten die Spiele mit 97 Medaillen, davon 23 Goldmedaillen. Es ist anzunehmen, dass diese Länder auch künftig weitere Fortschritte im Sport erzielen, sind doch diese Staaten an einer weiteren Stärkung ihrer Souveränität und ihres internationalen Ansehens durch den Sport sehr interessiert.

Sichtbare Veränderungen vollzogen bzw. vollziehen sich auch in den ostasiatischen Ländern rund um China. Von Chinas Sportentwicklung inspiriert, hat sich offensichtlich ein Dreikampf zwischen Japan, Südkorea und Nordkorea entwickelt, in dem, den Resultaten in London zufolge, vor allem Südkorea hohe Zuwachsraten zu verzeichnen hat. Es belegte mit 13 Goldmedaillen und einem Zuwachs an weiteren guten Platzierungen den 5. Rang in der Medaillenwertung vor dem Team der BRD. Die Mannschaft aus Nordkorea erkämpfte in den Sportarten Gewichtheben und Judo immerhin 4 Goldmedaillen. Das traditionsreiche Sportland Japan kam mit lediglich 2 Goldmedaillen, aber vielen weiteren hervorragenden Platzierungen nur auf den Rangplatz 11. Dieses Resultat widerspiegelt nicht das wirkliche Leistungsniveau des japanischen Leistungssports. Berücksichtigt man neben den Siegleistungen auch die 2. und 3. Plätze, so ergibt sich von den Spielen 2004 mit 18 Medaillenplätzen über 2008 mit 25 zu 2012 mit 38 Medaillengewinnen ein anders Bild. Mit dem Sportland Japan ist also weiterhin zu rechnen!

Auch die Olympiateilnehmer Südafrikas vermochten sich zu verbessern. Sie erkämpften allein im Schwimmen 2 Siege und einen 2. Platz. Eine weitere Goldmedaille gab es im Rudern.

Mit besonderer Aufmerksamkeit habe ich das Abschneiden der süd- und mittelamerikanischen Teilnehmerländer verfolgt. Jamaika erwies sich mit seinen Stars in der Leichtathletik einmal mehr als ein gefährlicher Konkurrent der USA. Mit vier Siegen in den leichtathletischen Sprintdisziplinen stahlen sie den US-Amerikanern die „Schau“. Im Schwimmen sorgten die Vertreter Brasiliens (je eine Silber- und Bronzemedaille sowie weitere gute Platzierungen) für Überraschungen. In den Ballsportarten stellten sie ihre jahrelange Spitzenstellung unter Beweis. Im Volleyball der Frauen und der Männer gab es Gold und Silber, im Beachvolleyball der Frauen und der Männer Silber – hier mussten sie bei den Männern durch das deutsche Duo Julius Brink/Jonas Reckermann eine Endspielniederlage hinnehmen – im Fußball Silber, im Basketball der Männer 5. Platz. Eine beeindruckende Ausgangsposition für die Olympischen Spiele 2016 im eigenen Land!

Die kubanischen Sportler hatten ihre Stärken im Judo, Ringen, Sportschießen, in der Leichtathletik und im Gewichtheben. Im Endspiel der Fußballprofis siegte die Vertretung Mexikos über die Brasiliens, doch insgesamt reichte es für Mexiko nicht für eine Platzierung unter den ersten 30 Mannschaften.

Dennoch, viel bewegt sich in diesen Ländern im Sport. Eine neue Olympiade hat begonnen und es verbleiben nur noch 47 Monate bis zu den Sommerspielen in Rio de Janeiro. Die Erwartungen an diese Spiele, die erstmals auf den Subkontinent Südamerika stattfinden, sind groß. Brasilien, nach China eines der größten sich dynamisch entwickelnden „Schwellenländer“, wird die reichen Erfahrungen der britischen Organisatoren gut zu nutzen wissen und Spiele mit viel lateinamerikanischem Flair ausrichten. Nicht nur Brasilien und Jamaika, sondern auch Kuba, Venezuela, Argentinien, Chile und andere Staaten werden im Sog vor und nach den Spielen in Rio ihre Anstrengungen verstärken. Der Sport in der gesamten Region wird sich in der Breite wie in der Spitze schneller entwickeln.

Und noch mehr: Meines Erachtens werden die Olympischen Spiele 2016 und 2020 (möglicherweise in Istanbul) der seit einigen Jahren erkennbaren Verschiebung der Leistungspole weitere Impulse vermitteln. Länder aus Mittel- und Südamerika, aus Asien und Afrika werden wahrscheinlich noch stärker als bislang die Wettkämpfe und Leistungen beeinflussen und gemeinsam mit den vielen anderen Sportnationen die Olympische Bewegung und ihre Spiele bereichern und verändern.


[2] Die Anzahl der Weltrekorde im Sportschwimmen 2008 kam in hohem Maße durch die damals neu zugelassenen Hightech-Schwimmanzüge zustande. Sie wurden für 2012 verboten; als technische Neuerung kamen jedoch neue Startblöcke zum Einsatz. Verlässliche, wissenschaftlich gesicherte Angaben über den Einfluss der Schwimmanzüge und der Startblöcke auf die Leistungssteigerung sind uns nicht bekannt. Die Angaben über die aufgestellten Weltrekorde bei den Olympischen Sommerspielen 2008 entstammen dem von Heinz Florian Oertel und Kristin Otto herausgegebenen Olympiabuch Peking 2008, Verlag Das Neue Berlin, August 2008, S. 200, die Angaben zu den Olympischen Sommerspielen 2004 basieren auf wikipedia.org/wiki/weltrekorde. Zur Anzahl der 2012 erzielten Weltrekorde lagen uns per 17.8. zweierlei Angaben vor. IOC-Präsident Rogge nannte in einem Interview insgesamt 44, wikipedia listete nach Sportarten 37 Weltrekorde auf (wikipedia siehe oben).