3.3 Zum Abschneiden der deutschen Olympiamannschaft

Ein Jahr vor den Spielen konnte man noch davon ausgehen, dass die deutsche Olympiamannschaft zu den Spielen in London etwa die zahlenmäßige Stärke der Mannschaften von 2008 und 2004 erreichen würde. Damals waren es 440 (195 Frauen und 245 Männer) bzw. 449 Sportler (195 Frauen, 254 Männer). Für London konnten nur 391 Sportler (216 Männer, 175 Frauen, Durchschnittsalter 26,6 Jahre) nominiert werden. Der Grund bestand darin, dass mehrere deutsche Ballsportmannschaften nicht die von den Internationalen Sportverbänden festgelegten Qualifikationsspiele erfolgreich überstanden.

Im Vorfeld der Spiele äußerte sich der Präsident des DOSB, Thomas Bach, zu den Leistungserwartungen der deutschen Olympiaequipe:
„unser Anspruch ist, mit einer gut vorbereiteten Mannschaft in der Weltspitze wieder vorn mitzumischen“. „Die Athletinnen und Athleten werden unter dem Motto `Wir für Deutschland` ihr Bestes geben und ihre Fans zu Hause und vor Ort begeistern“ (www.dosb.de/deolympia vom 28.6.2012).
Und vom Chef de Mission, Michael Vesper, war zu hören, dass es das Ziel sei, den 2008 in Peking erkämpften 5. Platz in der Medaillenwertung der teilnehmenden Länder (16 Goldmedaillen, insgesamt 41 Medaillen) erfolgreich zu verteidigen (Ebenda. vom 1.6.2012). Doch erst mit der durch Gerichtsbeschluss erzwungenen Veröffentlichung der Zielvereinbarungen zwischen DOSB und Bundesinnenministerium kamen die insgeheim erhofften Wünsche und Ziele in Bezug auf das Abschneiden der deutschen Olympiamannschaft ans Tageslicht: 28 Olympiasiege und insgesamt 86 Medaillen! Bei allen aktuellen Erklärungen, dass diese Zielvereinbarungen bereits 2008 erarbeitet wurden und lediglich Leistungspotentiale und keine Leistungsziele sein sollten - es bleibt der Eindruck, dass die Zuständigen offenbar zu wenig über den realen Welthöchststand, über sein fortschreitendes dynamisches Wachstum und über das Leistungsniveau in anderen Ländern wissen. Die Addition der Leistungserwartungen der einzelnen Athleten und Mannschaften wird nie zu einem realistischen Gesamtziel für eine ganze Mannschaft führen. Kein Wunder also, dass die „Medaillenziele“ des DOSB für London in 20 von 27 Sportarten unerreichbar waren, in 4 kann man sie als annähernd verwirklicht und in 2 (Tischtennis und Kanuslalom) als erreicht betrachten. Unsere langjährigen Erfahrungen im Leistungssport der DDR zeigten, dass man zur Absicherung einer Goldmedaille in den so genannten Einzelsportarten mindestens einen weiteren, besser zwei weitere Spitzenkader in einem Finalwettkampf haben sollte. Das Londoner Ergebnis im Stabhochsprung der Männer belegt diese Erfahrung.

Wie sind die Resultate der deutschen Olympiamannschaft in London sportartenübergreifend zu bewerten?

Das vom DOSB wiederholt verkündete Ziel, „in der Weltspitze wieder vorn mitzumischen“ und mindestens den 5. Rangplatz in einer Medaillenwertung der Länder zu erreichen, wurde verfehlt. Andere Länder entwickelten sich insgesamt (z. B. Großbritannien, Neuseeland) oder in wichtigen Sportarten deutlich schneller.

Ein Vergleich der in den einzelnen Sportarten erreichten Rangplätze der Olympiamannschaften Deutschlands und Großbritannien deckt einige wichtige Problemfelder bzw. Ursachen für die Lage im gegenwärtigen deutschen Spitzensport auf. 3

Olympiamannschaft Deutschland Olympiamannschaft Großbritannien
SportartRangplatzSportartRangplatz
Radsport2Radsport1 (8 Weltrekorde)
Reiten2
Military 1
Dressur 3
Sprung 10
Reiten1
Military 2
Dressur 1
Sprung 1
Kanu2Kanu5
Beachvolleyball2
Männer 1./ Frauen 5.
Beachvolleyball0
Hockey2
Männer 1./ Frauen 7.
Hockey4
Rudern3Rudern1
Kanuslalom4Kanuslalom2
Mountainbike4Mountainbike12
Tischtennis5Tischtennis7
Volleyball Männer5Volleyball Männer0
Leichtathletik7Leichtathletik4
Triathlon8Triathlon1
Fechten8Fechten17
Tennis9Tennis2
Moderner Fünfkampf9Moderner Fünfkampf4
Wasserspringen10Wasserspringen7
Turnen10Turnen11
Judo11Judo16
Badminton12Badminton0
Segeln16Segeln3
Taekwondo18Taekwondo5
Schwimmen18Schwimmen15
Schießen28Schießen7
Ringen32Ringen0
Gewichtheben40Gewichtheben0
Boxen0Boxen2
Synchronschwimmen0Synchronschwimmen6
BMX0BMX7
Bogenschießen0Bogenchießen0
Rhythm. Gymnastik 0Rhythm. Gymnastik 0
Trampolin0Trampolin0

Die deutschen Mannschaften im Fußball, Handball, Wasserball, Volleyball - Frauen qualifizierten sich nicht für die Olympischen Spiele 2012.
Die hier dargestellte Rangfolge der Sportarten und ihr Vergleich mit denen der Olympiamannschaft Großbritanniens weisen aus meiner Sicht vor allem auf drei übergreifende Sachverhalte hin zu denen ich mich näher äußern möchte.

1. Der deutsche Sport verfügt in den Sommersportarten über eine zu geringe Anzahl von Sportarten, Disziplingruppen und Disziplinen mit Weltniveau.

Während die vor der deutschen Mannschaft führenden Länder in mehreren olympischen Sportarten jeweils den 1. Rang in der Länderwertung einnahmen, weist Deutschland in keiner der Sportarten einen ersten Rangplatz auf. Die USA-Mannschaft belegte in der Leichtathletik, im Schwimmen, im Tennis, im Beachvolleyball, im Basketball und im Boxen jeweils den 1. Rang. China erreichte in fünf Sportarten, Russland in vier den 1. Rangplatz. Auch das Team Großbritanniens setzte sich in 4 Sportarten an die Spitze. Im direkten Kampf mit den deutschen Olympioniken erzielten die Briten allein im Radsport achtmal, im Rudern viermal und im Reiten dreimal Gold. Auch im Triathlon waren sie die Erfolgreichsten. Und die Deutschen? Im Kanurennsport, im Radsport, im Reiten insgesamt belegten die deutschen Mannschaften den 2. Rang, im Rudern den 3. Die beiden Männermannschaften im Beachvolleyball und im Hockey erstritten in harten Turnierkämpfen den Sieg. Jedoch in 10 Sportarten erreichten die deutschen Olympiateilnehmer keine Medaillenränge; in 6 weiteren schaffte kein Sportler einen Platz unter den ersten Acht. Das alles verringerte die Chancen der deutschen Olympiamannschaft im Kampf um einen besseren Platz in der Spitzengruppe der Länder erheblich. Auf den Erfahrungen der erfolgreichen Trainer, Sportler, Wissenschaftler und Techniker aufbauend und weit über den Tellerrand des deutschen Sports hinausschauend, sollten die Olympischen Spiele diesbezüglich gründlich analysiert und ausgewertet werden. „Stillstand bedeutet Rückstand“, hieß es im Leistungssport der DDR. Und das galt nicht nur für die Olympischen Spiele, sondern Jahr für Jahr und für jede Sportart!

2. Die Leistungsfortschritte in den großen olympischen Kernsportarten Schwimmen (Ausnahme Freiwasserschwimmen), Leichtathletik (Ausnahmen Wurf- und Sprungdisziplinen) sowie Turnen der Frauen sind nach wie vor noch unzureichend.

Bereits in unserer Bewertung der Olympischen Sommerspiele 2008 wurde auf die Tatsache verwiesen, dass die Sportarten Leichtathletik, Schwimmen und Turnen etwa ein Drittel aller Disziplinen des olympischen Wettkampfprogramms umfassen. Diese drei Sportarten gehören mit zu den traditionsreichsten im deutschen Sport. Sie bestimmen inhaltlich in hohem Maße den Sportunterricht in den Schulen. Und sie nehmen in vielen der in Deutschland bestehenden über 90 000 Sportvereinen einen wichtigen Platz im alltäglichen Sportbetrieb ein. Das frühzeitige Erlernen des Schwimmens ist eine Aufgabe von gesamtgesellschaftlichem Wert. Es gibt also viele Gründe diesen Sportarten auf allen Ebenen die erforderliche Aufmerksamkeit zu schenken.

Was die Leichtathletik anbelangt, so hat sich seit 2008 im Spitzenbereich einiges sehr positiv verändert. Wie bereits vor Jahren gehören die Besten in den Wurf- und Stoßdisziplinen und auch im Sprungbereich wieder zu den Erfolgreichsten in der Welt. Robert Harting, David Storl, Lilli Schwarzkopf, Christina Obergföll, Linde Stahl, Betty Heidler sowie die beiden Stabhochspringer Bjorn Otto und Raphael Holzdeppe haben im Londoner Olympiastadion großes geleistet und acht Medaillen errungen. Diese Weltklasseleistungen verdienen - ebenso wie die Ergebnisse anderer Athleten, die im olympischen Wettstreit ihr Bestes gegeben haben – höchsten Respekt.

Zugleich muss nüchtern festgestellt werden, dass wir im Bereich des leichtathletischen Sprints, des Mittel- und Langstreckenlaufes und des Gehens seit Jahren kaum noch über Sportlerinnen und Sportler von Weltniveau verfügen. Das betrifft immerhin 25 (ohne die 4 Sprintstaffeln) von 47 Disziplinen der Leichtathletik!

Noch unbefriedigender ist die Situation im Sportschwimmen. 27 deutsche Schwimmer und Schwimmerinnen waren im Londoner Aquatic Center am Start, keinem bzw. keiner von ihnen gelang der Gewinn einer Medaille! In den Medien wurde das Abschneiden der Schwimmer zugespitzt zu einer „Kopfsache“ der betreffenden Athleten gemacht. Man sprach davon, dass der oder die Schwimmer ihre zuvor bei Europameisterschaften erreichten Leistungen aus psychisch-mentalen Gründen nicht hätten „abrufen“ können. Mir gefällt eine derartige Diskussion nicht. Sie zielt meiner Auffassung nach in eine falsche Richtung. Sie macht den Sportler zum Alleinschuldigen, zum Versager oder gar zum „Deppen“. Meines Erachtens bedarf es eines völlig anderen Denkansatzes.

Es fehlt in diesen zumeist messbaren Sportarten und Disziplinen (des Schwimmens und auch der Leichtathletik) vor allen eine auf Weltspitzenleistungen gerichtete Trainingskonzeption und deren beharrliche und schöpferische Umsetzung durch Sportler, Trainer, Wissenschaftler und weitere Hilfskräfte. Mit dem Blick auf die sich auch künftig dynamisch weiter entwickelnden Weltspitzenleistungen bedarf es meiner Erfahrung nach (wissenschaftlich gestützter) Leistungs- und Trainingsprognosen und eines Trainings, das darauf aufbauend die erforderliche körperlich-sportliche Leistungsfähigkeit und geistig-psychische Leistungsbereitschaft komplex herausbildet. Das Training ist in dieser Gesamtheit der Hauptprozess, Sportler und Trainer sind die zentralen Personen, unterstützt von einem optimalen Umfeld und von wichtigen anderen Personen, wenn erforderlich auch von einem Mentaltrainer. Ich bin für eine Versachlichung der Diskussion und für ihre hauptsächliche Ausrichtung auf die Qualität des Trainings und der Wettkämpfe als den Hauptprozessen im Leistungssport. Das gilt nicht nur für das Schwimmen!

Nur wenige Worte zum Turnen. Im Geräteturnen wird nach meiner Kenntnis schon seit geraumer Zeit mit Leistungs- und Trainingsprognosen und den daraus abzuleitenden Maßstäben gearbeitet. In dieser Sportart hängt vieles von der im Vergleich zu China, Russland und Japan viel zu geringen Anzahl von Spitzenturnern und dem hohen Verletzungsrisiko in dieser Sportart ab. Umso erfreulicher sind die bei den Spielen in London von Marcel Nguyen und Fabian Hambuechen gezeigten eindrucksvollen Übungen und deren hohe Bewertung.

3. In einer Reihe von Ballsportarten ist in den vergangenen Jahren eine kritische Leistungssituation entstanden, die zu einer Nichtqualifizierung einiger Mannschaften für die Spiele in London führte

Bereits bei den Olympischen Spielen 2008 in Peking deutete sich ein gewisser Abwärtstrend bei einigen Ballspielarten an. So erreichten lediglich die Auswahlmannschaften im Hockey Medaillenränge – die Mannschaft der Männer Gold, die der Frauen Silber. Waren damals noch die Auswahl der Frauen im Fußball, die beiden Handballmannschaften, die Basketball- und die Wasserballspieler in der Olympiamannschaft vertreten, so schafften es diese Teams diesmal nicht, sich für die Spiele in London zu qualifizieren. Ein herber Rückschlag, der nicht zufällig war, sondern meines Erachtens auf strukturellen Schwächen in den betreffenden Sportarten beruht. In einem Interview in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 11.4.2012 sprach der langjährige Bundestrainer für Männerhockey, Markus Weise, einige dieser, wie er sagte „hausgemachten Probleme in den Mannschaftssportarten in Deutschland“ an. Unter anderem kritisierte er, dass es in manchen „Profisportarten“ auf Grund der bestehenden umfangreichen nationalen und internationalen Spielsysteme lediglich zu einer Art „Mini-Vorbereitung“ auf Olympia gekommen sei. Im Kontext damit bemängelte er die ungenügende Abstimmung zwischen Verbandsebene und Vereinen sowie die oft übliche „Anschlussförderung“, die den besten Nachwuchsspielern in den Clubs zu geringe Anreize zur eigenen Entwicklung bietet. Während Weise seine Spieler in Vorbereitung auf die Spiele ca. 100 Tage zentral zusammen hatte, gab es in anderen Ballsportverbänden Widerstände gegen eine verstärkte „Zentralisierung“ vor den Olympischen Spielen. Berechtigt forderte er für seine wie auch für andere Ballsportarten mehr „Qualitätsdenken“. Mir gefällt das in seiner Mannschaft für die Verbesserung der Handlungsschnelligkeit eingeführte „Schlagwort“: „Wir wollen eine Sekunde in der Zukunft spielen“. Das ist prognoseorientiertes Denken und Trainieren! Im Profisport steht jedoch der Wettkampf im Vordergrund, denn hier wird das Geld gemacht. Deshalb ist der nächste Wettkampf fast immer der Wichtigste. Ein auf lange Sicht ausgerichtetes Training rückt in den Hintergrund. Ein erfolgreiches Abschneiden bei Welt- und Europameisterschaften oder bei Olympischen Spielen erfordert jedoch eine optimale Verknüpfung von Training und Wettkampf und einen systematischen Aufbau des Trainings mit dem Ziel, zeitgenau zu einem Wettkampfhöhepunkt mit möglichst allen Spielern einer Mannschaft die sportliche Hochform zu erreichen. Sowohl bei den diesjährigen Europameisterschaften im Fußball wie auch bei den Olympischen Spielen hatte ich den Eindruck, dass insbesondere einige „Führungsspieler“ nicht oder - was die deutsche Nationalmannschaft im Fußball betrifft - nicht mehr in Hochform waren. Es wäre zu wünschen, dass die Erfahrungen solcher Trainer wie Markus Weise zu einer kritischen Selbstspiegelung der Situation in den Ballsportarten führen würde. Die nächsten Wettkampfhöhepunkte stehen bald bevor.

Eine abschließende Anmerkung: Als wir in wir vor etwa 60 Jahren in der DDR begannen den Leistungssport Schritt für Schritt an das internationale Niveau heranzuführen, gebrauchten wir in Anlehnung an eine politisch sehr populäre Losung oft den Leitspruch „Von den Weltbesten lernen, heißt siegen lernen!“ Mit dem Blick auf die Londoner Spiele und auf die in vieler Hinsicht missliche Lage im heutigen deutschen Spitzensport sollte man ihn vielleicht umwandeln: „Von den Britten lernen, heißt siegen lernen!“


[3] Bei der Ermittlung der Rangplätze für die einzelnen Sportarten stützte sich der Autor auf die unter www.dosb.de/olympia-datenbank von bikila.de Leipzig veröffentlichten Ergebnisse. Sie berücksichtigen in jeder Sportart die Plätze 1- 8 bei den Olympischen Spielen 2012 und widerspiegeln damit recht aussagefähig Aspekte der Leistungsspitze als auch der Leistungsdichte