4.2 Probleme und Gefahren

Zur Vermarktung der Olympischen Spiele

In einer vom Kapital und Neoliberalismus bestimmten Welt ist die Vermarktung der Arbeits- und Lebenswelt des Menschen wie auch der Natur Realität. Kommerz und Kommerzialisierung machen auch um Kultur und Kunst, um Sport und Olympische Spiele keinen Bogen.

Was die Olympischen Spiele anbelangt, so bilden sie in finanzieller Hinsicht die wichtigste Einnahmequelle des IOC. Sie machen ca. 50 Prozent der Gesamteinnahmen des IOC aus. Das Komitee verfügt über alle Rechte an den Olympischen Spielen und seine Symbole. Es ist, juristisch betrachtet, der „Besitzer“ der Olympischen Spiele und vergibt sie an eine der sich um die Durchführung bewerbenden Städte. Manche Journalisten sprechen von einer „olympischen Geldmaschine“ (www.tagesschau.de/wirtschaft/ioc vom 5.8.2008) und einzelne Finanzexperten
vergleichen das IOC als eine Art von „globalen Franchisingunternehmen“
(www.jensweinreich.de/2009). Die Gewinne fallen an das IOC, das Risiko von Verlusten trägt der „Frachisingnehmer“, also die ausrichtende Stadt! E in gutes, in den letzten Jahren immer mehr florierendes Geschäft.

Das war nicht immer so. Zum Zeitpunkt der Olympische Spiele1948 bestanden in Großbritannien lediglich 80 Tausend Fernsehanschlüsse und der Sendeumfang von den Spielen betrug gerade mal 64 ½ Stunden. Als der geschäftstüchtige Spanier Antonia Samaranch 1980 als Präsident gewählt wurde, war das IOC nahezu pleite. Die schnelle globale Verbreitung des Fernsehens und das gewachsene Interesse der Menschen an Sport und sportlichen Wettkämpfen eröffneten jedoch dem IOC die Möglichkeit die Rechte für die Übertragung der olympischen Wettkämpfe an internationale und nationale Fernsehgesellschaften zunehmend gewinnbringend zu verkaufen.

Handelte es sich bei den Spielen 1968 in Mexico City noch um wenige Millionen Dollars (6,4 Mio.) so ging es 1988 bei den Spielen in Seoul bereits um Hunderte von Millionen (407,12 Mio. Dollar). Für die Spiele 2008 in Peking beliefen sich die Einnahmen aus dem Verkauf der TV-Rechte auf 1,74 Milliarden Dollar. Und von Peking zu London betrug die Steigerungsrate 32 %. Der US-amerikanische Fernsehriese NBC – ein Tochterunternehmen von General Electric – zahlte mit 1,181 Milliarden den Großteil der Gesamtsumme (www.wikipedia.org/wiki/IOC vom 9.7.2012). Ein großartiges Geschäft für das IOC, die Internationalen Sportföderationen (IF) und die Nationalen Olympischen Komitees (NOK).

Die zweite große Finanzquelle des Internationalen Olympischen Komitees ist das „IOC Sponsorenprogramm“. Es erbringt etwa 40 % der Gesamteinnahmen. 1985 durch Samaranch ins Leben gerufen, gehören ihm heute 11 der größten Finanz- und Wirtschaftsunternehmen an. Sponsoren sind u.a. Coca Cola, Mac Donald, Panasonic, Samsung, Acer und Visa. Im Vierjahreszeitraum bis 2008 zahlten sie 866 Millionen, für die Jahre 2009 bis 2012 rechnet man mit etwas mehr als einer Milliarde Dollar Sponsorengelder.

Addiert man alle Einnahmen des IOC für die Jahre 2009 bis einschließlich 2012 zusammen, so ergibt das etwa 5 Milliarden Dollar. Was geschieht damit? Das Organisationskomitee der Spiele in London erhielt 1 Milliarde, das der Winterspiele in Vancouver 500 Millionen. Den großen Rest teilt sich das IOC mit den 33 Weltsportföderationen und den 205 bestehenden Nationalen Olympischen Komitees (www.jensweinreich.de).

Ein Geldsegen, den die Olympische Bewegung sicherlich gut gebrauchen kann! Und wie es zurzeit aussieht, werden die Gewinne für das IOC und seine Spiele auch künftig weiter sprudeln. Denn die Zahl der Städte, die sich jeweils um die Spiele bewerben, ist im Vergleich zu früheren Jahrzehnten größer geworden. Im Kampf um den Zuschlag schalten sich heute die mächtigsten Politiker, wie Tony Blair (für 2012), Wladimir Putin (für die Winterspiele 2014) und auch Barak Obama (für Chicago für 2016 bzw. 2020) ein.

Politik und Wirtschaft versprechen sich von einer Ausrichtung Olympischer Spiele einen deutlichen Imagegewinn und einen kräftigen Impuls in Hinblick auf die Infrastruktur ihrer Städte und Länder. Sydney, Barcelona, Peking und nun London haben es vorgemacht und bewiesen. Man will die Olympischen Spiele, selbst wenn man sich in dieser gefährlichen Krisenzeit als Stadt und Regierung weiter verschuldet.

Die ehemaligen Ausrichterstädte Montreal und Athen leiden heute noch an den Schulden. Um die Spiele 2016 bewarben sich anfangs sieben Städte; Rio de Janeiro erhielt bekanntlich den Zuschlag. Es bot dem IOC in seiner Vermarktungsstrategie ein Höchstmaß an finanzieller Sicherheit. Das südamerikanische „Schwellenland“ will in den nächsten Jahren 250 Milliarden Dollar in die Infrastruktur des Landes investieren. Da passen Olympische Spiele gut als wirtschaftlicher Motor, als multimedialer Werbeträger und als Förderer für den Sport. Selbstgewiss verkündete Gouverneur Cabal gegenüber dem IOC:„Rios Olympia-Etat ist komplett, ehrlich, realistisch und transparent Er enthält alle Investitionen und die Regierung wird jedes Defizit ausgleichen“ (Zitat ebenda).

Was will man mehr: Auch 2016 satte Gewinne ohne eigenes Risiko! Damit das auch in der Zukunft so bleibt, verlangt das IOC von den Landesregierungen der Ausrichterstädte umfangreiche Garantien. Unter anderen geht es um die Verpflichtung „ alle Sicherheits-, medizinischen-, Zoll- und andere regierungsbezogene Dienstleistungen bereitzustellen, ohne dass dem Organisationskomitee Kosten entstehen“, oder um die „Verpflichtung, die Entwicklung der Infrastruktur zu übernehmen und zu finanzieren“ und schließlich um eine „Bürgschaft über die Übernahme eines möglichen wirtschaftlichen Verlustes“ im Etat des Organisationskomitees der Spiele (Ebenda).

Zusammengefasst stimmt es also doch: Das IOC vermarktet als „Besitzer“ aller Rechte über die Olympischen Spiele diese größte Sportveranstaltung der Welt und kassiert den Gewinn für sich und die Olympische Bewegung. Die Ausrichterstadt selbst ist weitgehend rechtlos. Die Stadt, der Staat und letztlich die Steuerzahler übernehmen das finanzielle Risiko. Manches erinnert an die derzeitige globale Finanzkrise. Entwickelt sich auch hier eine gewaltige Blase und die Gefahr, dass sie eines Tages platzt? Verfügt das IOC über die Fähigkeit rechtzeitig gegen- oder sogar umzusteuern? Bleiben die Olympischen Spiele in finanzieller, organisatorischer und ethischer Hinsicht zukünftig so noch machbar? Oder geht es nur noch um ihre marktwirtschaftliche Verwertung, um das große Geld und um einen maximalen Geldgewinn?

Zur Professionalisierung des Leistungssports und der Olympischen Spiele

Zwischen der Vermarktung des Sports und dem Berufssport besteht eine enge Verflechtung. Denn – die Vermarktung des Sports wird „erst profitabel, wenn sie sich zu einem Dauergeschäft ausbauen läßt. Das bedarf des Berufssportlers, der sich von Wettkampf zu Wettkampf schicken läßt und sich praktisch seinen Vermarktern verkauft“ (Horatschke, Helmut: Profile, Profis und Profite In: Rotfuchs, Juni 2012, S. 16).

Auch hier lohnt sich ein sporthistorischer Rückblick. Bei den Olympischen Spielen in London 1908 wurden seinerzeit Regeln in Kraft gesetzt, die Athleten, die Sport als Beruf ausübten, eine Beteiligung an Olympischen Spielen verboten. Die Olympischen Spiele gehörten den Amateuren. Das galt über Jahrzehnte. Doch als die Olympischen Spiele in den siebziger und achtziger Jahren, leistungsmäßig von den Sportlern der sozialistischen Ländern dominiert wurden, häuften sich die Angriffe in den westlichen Medien gegen die sogenannten „Staatsamateure des Ostblocks“. Das Modell eines staatlich geförderten Leistungssports, in dem die Athleten optimal sportlich wie beruflich unterstützt und der Nachwuchs langfristig und systematisch auf sportliche Höchstleistungen vorbereitet wurden, hatte sich in der Praxis als erfolgreicher erwiesen. Die westlichen Sportländer vermochten dem nichts Gleichwertiges entgegenzusetzen. Unter dem Vorwand, dass die Besten der Welt an den Spielen teilnehmen müssten, suchte man nach Lösungen wie man den Profis den Zugang zu den Olympischen ermöglichen könnte. Auf dem Olympischen Kongress 1981 in Baden-Baden gelang es dem Präsidenten des IOC, Antonio Samaranch, mit Schützenhilfe des einflussreichen Gastgebers Willi Daume dem Profisport die Tür zu den Olympischen Spielen zu öffnen. Der Amateurstatus wurde durchlöchert und dem Profisport Schritt für Schritt der Zugang zu Olympia ermöglicht. 1988 war es dann soweit, mit Tennis wurde die erste, im Spitzenbereich ausschließlich von Profis betriebene Sportart in das olympische Wettkampfprogramm aufgenommen. 2016 werden mit Golf und Rugby zwei weitere, hauptsächlich von Berufssportlern betriebene Sportarten folgen. Das Leitbild des sportlich wie finanziell im höchsten Maße erfolgreichen Berufssportlers hat sich heute im Weltsport durchgesetzt.

Neue Befürchtungen tun sich auf. Zum Beispiel jene, dass vorrangig von Berufssportlern betriebene Sportarten im Austausch bisherige Kernsportarten des olympischen Wettkampfprogramms, die weniger attraktiv für Fernsehübertragungen und Geldgewinne sind, ersetzen könnten. Sehr bedenklich finde ich auch, dass sich das Gefälle in der öffentlichen Bewertung der verschiedenen Sportarten weiter vergrößert. Die Berichterstattung der Medien trägt maßgeblich dazu bei.

Stützt man sich auf die im europäischen und besonders im deutschen Hochleistungssport erkennbaren Entwicklungstendenzen bezüglich des Profisports, so lassen sich bislang drei Gruppen von Sportlern (und Sportarten) erkennen:

Es ist davon auszugehen, dass sich die Professionalisierung des Leistungssports in hohem Tempo weiter ausdehnt und vertieft. Das gilt grundsätzlich für alle Sportarten und Länder. In diesem Zusammenhang sind die Ausführungen sehr interessant, die der IOC-Vizepräsident Thomas Bach auf dem 13. Olympischen Kongress 2009 in Kopenhagen machte:

„Die zukünftige Welt des Sports wird nicht alleine durch Vereine, Verbände und NOKs bestimmt werden. Globalisierung, Individualisierung und Kommerzialisierung haben längst in vielen Sportarten einen neuen Athleten-Typus hervorgebracht, haben traditionelle Strukturen hinfällig gemacht und neue Bindungen und Abhängigkeiten entstehen lassen…Viele Athleten haben heute eigene, oft internationale Trainingsgruppen mit individueller wirtschaftlicher und medizinischer Betreuung. Andere Athleten sind abhängig von privaten Investoren oder Sponsoren. Wieder andere sind abhängig von rein wirtschaftlich interessierten Eigentümern ihrer Mannschaft. Wieder andere sind Einzelunternehmer, abhängig von Managern, Agenten und kommerziellen Sportveranstaltern.“ (DOSB/Sport bewegt! Rede von IOC-Vizepräsident Thomas Bach am 4.10.2009 vor dem 13. Olympischen Kongress, S. 7).

Was für Aussichten? Es fehlt lediglich der Hinweis, dass die weitere Professionalisierung im zunehmenden Maße auch den Bereich der besten Nachwuchsathleten erfassen wird. Die Olympischen Jugendspiele werden mit hoher Wahrscheinlichkeit diesen Prozess beschleunigen. Im Fußball und in anderen populären Sportspielarten hat der teilweise bezahlte Sport seit geraumer Zeit auch Eingang in die unteren regionalen Spielklassen gefunden.

Zum Gigantismus heutiger und künftiger Olympischer Spiele

In Zusammenhang mit der Kommerzialisierung und Professionalisierung des Leistungssports muss auf die Gefahr des Gigantismus der heutigen wie künftigen Olympischen Spiele hingewiesen werden. Seit vielen Jahren vom IOC als Problem und als Aufgabe erkannt, wurde jedoch in Wirklichkeit nichts getan, um diese Gefahr zu bannen. Von dem früheren IOC-Präsidenten Samaranch gefördert, setzte sich diese Tendenz zu immer umfangreicher werdenden Olympischen Spielen auch in der Zeit der Präsidentschaft von Jacques Rogge fort. Politik, Wirtschaft, Medien aber auch die Internationalen Sportverbände (IF) nutzten diese Chance für die Durchsetzung eigener Interessen. Die Folgen waren und sind:

Die folgenden Zahlen veranschaulichen den Zuwachs von Wettkampfdisziplinen von den Olympischen Sommerspielen 1908 bis zu denen des Jahres 2012.

1908: 110 1928: 1091948: 136 1968: 1731988: 237 2008: 3022012: 302!

Sollte damit ein Stoppzeichen gesetzt werden?

Meines Erachtens war und ist es ein Fehler, dass das IOC das Vorschlagsrecht für die im Olympischen Programm auszutragenden Wettbewerbe fast ausschließlich den jeweiligen Internationalen Föderationen überlassen hat. Diese verfolgen (verständlicherweise) die Linie, das gesamte Wettkampfprogramm der von ihnen organisierten Weltmeisterschaften auch in das Programm der Olympischen Spiele zu übernehmen. Zusätzlich bewarben sich immer neue Internationale Sportverbände um Anerkennung als olympische Sportarten. Beide Tendenzen führten zwangsläufig zu einer fortschreitenden Erweiterung des Olympischen Programms. Auch der bei den Olympischen Spielen in den letzten Jahren zu verzeichnende Austausch von Sportarten oder Wettkampfdisziplinen - im Programm befindliche Sportarten oder Disziplinen wurden durch andere ersetzt - führte zu keiner Veränderung.

Das olympische Wettkampfprogramm blähte sich immer mehr auf! Gemeinsam mit den Internationalen Verbänden müsste sich das IOC auf neue und stärker differenzierende Auswahlkriterien verständigen, die aus meiner Sicht unterschiedlich bei Sportarten und Wettkampfdisziplinen angewendet werden und die auch eine mögliche Reduzierung gleichartiger Wettkampfdisziplinen in den großen olympischen Sportarten einschließen. Damit sind Wettbewerbe gemeint, die durch weitgehend gleiche Leistungsanforderungen erfahrungsgemäß auch zu annähernd gleichen Siegern und Platzierten führen z. B. 50-,100- und 200 m Distanzen oder auch Einzel-, Staffel- oder Mannschaftswettbewerbe in ein und derselben Disziplin. Siehe auch unsere Darlegung zur Erweiterung des Wettkampfprogramms der Frauen.

Das Olympische Wettkampfprogramm kann und muss nach meinem Ermessen nicht die Summe der bei den Weltmeisterschaften der einzelnen olympischen Sportarten durchgeführten Disziplinen sein! Kommt man in diesen und anderen Programmfragen zu keiner Übereinkunft, so wird es in der Folge eine Verlängerung der Zeitdauer der Olympischen Sommerspiele um ca. 2 Tage geben müssen, ähnlich wie es bereits bei den Winterspielen geschehen ist. Doch die Spirale gigantischer Olympischer Spiele dreht sich auch danach weiter! Die am Anfang dieses Abschnitts angesprochenen Probleme bleiben bestehen und spitzen sich mit hoher Wahrscheinlichkeit weiter zu.

Zur Bedrohung der Olympischen Spiele durch Doping, Korruption und Gewalt

Auf dem ersten Blick erscheint es dem Leser vielleicht etwas unverständlich, die in der Überschrift aufgeführten drei Begriffe in einem Abschnitt zusammenfassen. Aus meiner Sicht ist ihnen gemeinsam, dass sie innere, sich aus dem Sport selbst ergebende Erscheinungen darstellen, die in hohem Maße die Glaubwürdigkeit des heutigen Sports gefährden. Der Sport insgesamt, die Wettkämpfe und die dabei erzielten Leistungen und damit jeder einzelne Sportler benötigen vor allem Glaubwürdigkeit. Ohne sie wäre der heutige Leistungssport in Frage gestellt.

Was das Doping anbetrifft, so ist der Kampf gegen diese Bedrohung des modernen Sports von elementarer Bedeutung. Ungeachtet aller Anstrengungen auf nationaler und internationaler Ebene sind die nachweisbaren Erfolge bescheiden. Was die Olympischen Spiele anbetrifft, so wertete IOC-Präsident Rogge die 8 Dopingfälle während der Spiele und die 117 positiven Fälle von April dieses Jahres bis zur Eröffnung des Olympischen Dorfes als ein Zeichen, dass das Testsystem funktioniere (www.zeit.de/sport/2012-08/oly...vom 16.8.2012). Doch obwohl auf olympischer Ebene seit Sydney im Jahr 2000 (2500 Tests, 12 Fälle positiv) über Peking (4770 Tests, 6 Fälle positiv) bis hin zu den Spielen in London (6250 Tests, 9 positive Fälle) die Anzahl der Anti-Dopingtests ganz erheblich gesteigert wurde, lassen sich daraus sowie aus der schwankenden Zahl der positiven Fälle keine gesicherten Zusammenhänge ableiten4.

Die in London nachgewiesenen Substanzen sind seit Jahren bekannt, neue wurden meines Wissens (als Nichtmediziner) nicht ermittelt. Die Siegerin im Kugelstoßen der Frauen wurde des Dopings überführt und disqualifiziert. Als sehr wichtig halte ich die Entscheidung, dass alle Proben acht Jahre lang aufbewahrt werden, um sie bei weiteren Fortschritten der Analyseverfahren nochmals untersuchen zu können. Wie viele andere bleibe ich bei dem Bild vom Eisberg, bei dem die nachgewiesenen Dopingfälle lediglich die Spitze dieses Berges widerspiegeln und ich neige nach wie vor zu der Auffassung, dass der Wettlauf zwischen Dopingfahndern und Dopingdealern bzw. Dopinganwendern noch lange Zeit andauern wird. Auch die Nachrichtenmeldungen über zwei Dopingverstöße bei der diesjährigen Tour de France und über den gegenwärtig in den USA laufenden Prozess gegen die „Radsportlegende“ Lance Armstrong bestärken meine Skepsis. Im Internet fand ich Angaben zu den zwischen 2000 und 2010 weltweit erfassten Dopingfällen. Danach handelte es sich um 1998 Fälle; für Südamerika waren 169 angegeben (www.stastista.com/statisiics/Sport&Freizeit). Das lässt erahnen um welche Größenordnungen es sich im Kampf gegen Doping im Sport handelt. Umso mehr muss man jeden Fortschritt im Kampf gegen diese Geisel des modernen Leistungssports begrüßen!

In einem Interview mit dem Internetportal „insidethegames“ verteidigte IOC-Präsident Rogge die vielfach kritisierte „Where-About-Regel“, nach der Spitzenathleten permanent melden müssen, wo sie sich befinden. Rogge sagte: „Wir halten sie für einen Eckpfeiler des Anti-Dopingkampfes, denn unangekündigte Trainingskontrollen sind am effektivsten.“ Er will für den Erhalt dieser Regel kämpfen; Anpassungen wären jedoch denkbar (www.italien-aktuell.info/news. vom 14.7.2012). Diese Regel wurde und wird von Athleten, Datenschützern und einigen Juristen wegen ihres weitgehenden Eingriffs in die Privatsphäre der Sportler ernsthaft kritisiert. Nach dem Lesen von Biografien einzelner Spitzenathleten – z. B. die des Weltmeisters und Olympiasiegers im Diskuswerfen Lars Riedel (Meine Welt ist eine Scheibe, Herbig-Verlag, München, 2008, S. 201-244) verstehe ich diese kritische Haltung teilweise. Bereits vor Jahren habe ich mich in einer Veröffentlichung dafür ausgesprochen, die Dopingkontrollen auf längere Sicht schrittweise auf das immer dichter werdende Wettkampfsystem auszurichten. Durch die sich auf das ganze Jahr verteilenden Wettkämpfe, (einschließlich der in vielen Sportaren üblichen Kontrollwettkämpfe) sowie von Dopingkontrollen in den letzten Wochen vor internationalen Meisterschaften bzw. Olympischen Spielen würde eine ausreichende Anzahl von Kontrollmöglichkeiten rund um das Jahr entstehen. Zugleich müsste der Aufbau individueller Profile von Blutwerten der leistungsstärksten Sportler ernsthaft voran getrieben werden. Es wäre wünschenswert, wenn sie bereits bei den Besten der Olympischen Jugendspiele beginnen. Auf diese drei Elemente sollte sich meines Erachtens der Antidoping-Kampf zukünftig mehr und mehr konzentrieren. Die jetzigen „Trainingskontrollen“, die offenbar in einer Reihe von Ländern bisher gar nicht zur Anwendung kamen, könnten zunehmend ersetzt, Aufwand und Kosten eingespart und vor allem die internen und fragwürdigen Eingriffe in das Privatleben der Sportler beendet werden. Nach meiner Auffassung würde dadurch die Glaubwürdigkeit sportlicher Wettkämpfe in der Öffentlichkeit nicht geschwächt, sondern bei entsprechender Transparenz eher gestärkt werden.

Ein vom Kommerz und von Professionalisierung geprägtes Sportsystem bildet leider auch den Nährboden für Bestechung und Bestechlichkeit. Aktuell machten wieder einmal Korruptionsvorwürfe im internationalen Fußballsport die Runde. In der Vergangenheit waren auch das IOC und die Olympische Bewegung davon betroffen. So 1998, als bekannt wurde, dass die Verantwortlichen des Bewerbungskomitees für die Winterspiele in Salt Lake City 2002 einige IOC-Mitglieder durch Geschenke und Barzahlungen in Höhe von insgesamt einer Million Dollar zu einer Stimmabgabe zugunsten der Stadt beeinflusst bzw. bestochen haben. Die Enthüllungen und der Prozess dazu führten zu einer ernsthaften Krise im IOC, die der Glaubwürdigkeit des Komitees und der Olympischen Bewegung viel Schaden zufügte. Nach einer internen Untersuchung durch das IOC wurden schließlich 6 Mitglieder des Komitees ausgeschlossen, 4 traten nach Druck aus der Öffentlichkeit zurück, 10 weitere erhielten Verwarnungen. Im Ergebnis beschloss das IOC eine Veränderung der Regeln zu Auswahl der Kandidatenstädte für die Olympischen Spiele. Leider gab es auch nach diesem Skandal in den Medien immer wieder Hinweise auf mögliche „Vorteilsgewährungen“ bei der Wahl späterer Olympia-Städte. Seit der Führung des IOC durch Präsident Jacques Rogge wurde der Kampf gegen Bestechlichkeit und gegen eine Veruntreuung finanzieller Mittel verstärkt. Auch bei den Spielen in London gab es bekanntlich einige Beispiele, die auf Betrügerei und Bestechlichkeit hinwiesen. Denken wir an den „Skandal“ um illegal verkaufte Olympiatickets durch Mitglieder nationaler olympischer Komitees, an die beabsichtigte Manipulation von Spielergebnissen im Badmintonturnier der Frauen oder an die Suspendierung eines Kampfrichters im Boxen. Das IOC und die in den Sportverbänden Verantwortlichen haben – meiner Kenntnis nach – schnell und konsequent reagiert und damit Zeichen gesetzt.

Eine besondere Gefahr besteht auf dem Gebiet der Sportwetten. Besonders Fußballwetten haben sich in den vergangenen 20 Jahren rasant verbreitet, denn durch das Internet kann jeder Interessent jederzeit auf Spiele in aller Welt setzen. Medien schätzen den Umsatz weltweit auf jährlich 200 und mehr Milliarden Dollar. Durch Druck, Drohungen und Bestechung sollen Spieler und Schiedsrichter zur Manipulation von Spielergebnissen gezwungen werden. Nach einer vom Fernsehsender Arte zitierten Umfrage unter Fußballspielern, gaben 12 % der Befragten an, dass sie schon einmal hinsichtlich einer Spielmanipulation angesprochen wurden (Sendung des TV-Senders ARTE vom 5.6.2012 unter dem Titel „Fußballwetten: Verlierer ist der Sport“). Das alles sind ernst zu nehmende Anzeichen für ein Glaubwürdigkeitsproblem und zwar nicht nur für den Fußballsport, sondern letztlich für den gesamten Sport. Das trifft auch für die gewachsene Gewalt bzw. Gewaltbereitschaft von Zuschauern in den Sportstätten zu. Im Zentrum stehen hier die Sportspielarten und die Kampfsportarten. Abgesehen von einzelnen Vorfällen sind die Olympischen Spiele bislang davon nur wenig betroffen. Dennoch man vermisst auch hier die Meinungsäußerung und rechtzeitig den Appell des IOC als die „oberste Institution der olympischen Bewegung“!

Von außen einwirkende politische Gefahren für die Olympischen Spiele

Olympische Spiele sind eine komplexe gesellschaftlichen Erscheinung und als solche weltweit eingebunden in das gesellschaftliche Ganze und dessen Entwicklung. Die heute in Ländern und Regionen herrschenden Kriege, religiösen Konflikte und die vielfach schon zu spürenden bedrohlichen Auswirkungen der Finanz- und Wirtschaftskrise belasten und gefährden auch die langfristige Planung, Vorbereitung und Durchführung Olympischer Spiele. Bereits am Beginn unserer Darlegungen sind wir auf politische Einflüsse und die daraus erwachsenden Gefahren eingegangen. Die Auswirkungen von zwei Weltkriegen, Boykotten, Terrorakten auf die Spiele sollen deshalb hier nicht wiederholt zu werden. In verschiedenen Funktionen an 13 Olympischen Spielen beteiligt, ist mir die erhebliche Ausweitung der Sicherheitsmaßnahmen rund um die Spiele noch intensiv in Erinnerung geblieben. 1960 und 1964 bei den Spielen in Rom und in Innsbruck herrschte eine sehr freizügige, gastfreundliche Atmosphäre, 1976 in Montreal, in Auswertung der Münchener Erfahrungen, gab es erstmalig eine Bewachung des Olympischen Dorfes durch bewaffnete Armeekräfte, 1980 die unwürdige Unterbringung der Teilnehmer in einem als Gefängnis vorgesehenen Olympischen Dorf und 1988, die nahezu lückenlose Überwachung durch eine Überzahl von uniformierten und zivilen Sicherheitskräften. Waren Sicherheitsbelange in den sechziger Jahren eine unter vielen anderen Fragen, so sind sie heute neben dem organisatorisch-sportlichen Ablauf der Wettkämpfe zu einer der wichtigsten Aufgaben geworden. Sie tangieren und beeinflussen alle Bereiche und Prozesse des öffentlichen Lebens und des olympischen Geschehens einer Ausrichterstadt. Bekanntlich waren zu den Olympischen Spielen in London über 40-tausend Sicherheitskräfte, davon 17 000 Soldaten, 12 000 Polizisten und weitere 17 000 Ordner bzw. Objektschützer im Einsatz. Sie sorgten für die erforderliche Sicherheit in der Stadt, zu Wasser und in der Luft. Die Kosten beliefen sich nach Angaben auf über 3 Milliarden Pfund (vergl. Olympiabuch London 2012, S. 202). Der gewaltige Aufwand in London war sicherlich berechtigt und hat sich ausgezahlt. Die Spiele in London verliefen friedlich, Teilnehmer, Besucher und die Londoner selbst fühlten sich geschützt und weitgehend frei von Ängsten. Die gewonnenen Erfahrungen sind sicherlich wertvoll für die Ausrichter der künftigen Sommer- und Winterspiele. Sie werden sich wie die Stadt London und die britische Regierung auf alle möglichen Bedrohungen und Störungen umfassend vorbereiten müssen.

Die Ausrichterstädte 2014 in Sotschi und 2016 in Rio de Janeiro stehen meines Erachtens nicht vor leichteren, sondern eher noch schwierigeren Problemen als London. An der Grenze zu verfeindeten Staaten muss in Sotschi mit der Gefahr von Boykottdrohungen und Terrorangriffen gerechnet werden. Die in Rio de Janeiro vorhandenen sozialen Spannungen zwischen reichen und armen Bevölkerungsschichten oder die Verdrängung von Familien aus ihren Wohngebieten können eventuell dazu führen, dass im Vorfeld der Spiele politisch oder wirtschaftlich motivierte Demonstrationen und Ausschreitungen zunehmen, die unter Umständen den Fortgang der Bauarbeiten für die Olympischen Spiele gefährden können. Auch das IOC wird gewiss entsprechende Schlussfolgerungen aus den Londoner Spielen ziehen. Aus unserer Sicht wäre zu überdenken, ob bei der Wahl künftiger Olympischer Spiele sicherheitspolitische Aspekte ein noch größeres Gewicht erhalten müssten. Ebenso wäre zu prüfen, ob anstatt der Bevorzugung von Megastädten eine Orientierung auf kleinere Großstädte und deren Umland aus sicherheitspolitischen und sozialen Erwägungen nicht günstiger wäre. Und selbstverständlich hätte auch eine deutliche Reduzierung des bestehenden Gigantismus vielerlei positive Auswirkungen auf eine sichere Durchführung kommender olympischer Großveranstaltungen.


[4] Die hier verwendeten Zahlen entstammen aus den beiden von Heinz-Florian Oertel und Kristin Otto herausgegebenen Olympiabüchern „Peking 2008“ und „London 2012“, Verlag Das Neue Berlin, jeweils Seite 202