Nachwuchsleistungssport

Von der 1. zur 3. Förderstufe

Hürdenläufer

Dem Sporttreiben der Kinder und Jugendlichen wurde in der ehemaligen sowjetischen Besatzungszone bzw. in der DDR von Beginn an ein hoher Stellenwert zugemessen. Dafür gab es Gründe, die im Sport selbst und in seiner Faszination auf die Jugend lagen, die aber auch außerhalb des Sports in der politischen Entwicklung nach der Zerschlagung des Faschismus bestanden. Es war unsere Überzeugung, daß eine neue, antifaschistisch-demokratische Gesellschaft maßgeblich durch die junge, heranwachsende Generation gestaltet werden müsse. Das erforderte ihre Erziehung und Bildung im Sinne eines neuen, von den Werten des Sozialismus bestimmten Menschenbildes. Auf lange Sicht entstand damit das Ideal einer allseitig entwickelten, sozialistischen Persönlichkeit, die sich durch ein hohes Maß an geistiger, körperlicher und sittlicher Bildung auszeichnen sollte.

Weit vorausschauend hatte Karl Marx bereits vor 150 Jahren auf die Bedeutung der körperlichen Bildung und Erziehung als Bestandteil der allseitigen und harmonischen Ausbildung der Kinder und Jugendlichen des Volkes hingewiesen. Er schrieb in seinen Instruktionen an die Delegierten des Provisorischen Zentralrates:

"Unter Erziehung verstehen wir drei Dinge:
Erstens: Geistige Erziehung.
Zweitens: Körperliche Erziehung, wie sie in den gymnastischen Schulen und durch militärische Übungen gegeben wird.
Drittens: Polytechnische Ausbildung ..."

(Vgl.: Marx/Engels: Werke. Bd. 16. Dietz Verlag, Berlin 1968, S. 1941).

Auf derartigen persönlichkeitstheoretischen Visionen aufbauend, entstand in der DDR ein sportpolitisches Konzept, in dem die körperliche Bildung und Erziehung in der Schule sowie der außerschulische Sport als wichtige Bedingungen für die harmonische physische und geistige Entwicklung jedes Kindes und Jugendlichen betrachtet wurden. Sie sollten zu einer gesunden, freudvollen Lebensweise und zu einer sinnvollen Freizeitgestaltung beitragen. Daraus erwuchs in der Praxis die Aufgabe, möglichst die ganze Jugend für eine aktive sportliche Betätigung zu gewinnen und von Kindheit an ein dauerhaftes Interesse am Sport zu wecken und zu festigen. Das schloß zugleich die Entfaltung aller individuellen Fähigkeiten und Begabungen der Sport treibenden Kinder und Jugendlichen und deren Förderung durch die Gesellschaft ein.

Schon frühzeitig erkannte man in der DDR die Wechselbeziehungen zwischen dem Leistungssport und dem Sport der Kinder und Jugendlichen. Er bildete die eigentliche Quelle und Basis des Leistungssports. Die Erfahrungen des sowjetischen Sports und besonders die erfolgreiche Beteiligung der Sportler der UdSSR an den Olympischen Spielen 1952 begünstigten den frühzeitigen Aufbau geeigneter spezieller Strukturen, denn die seit 1948 vorrangig gebildeten und zumeist auf den Breitensport gerichteten Sportgemeinschaften bei den Betrieben konnten diese Aufgaben nur eingeschränkt erfüllen. Im Verlaufe der fünfziger Jahre entstanden wesentliche organisatorische Grundlagen für den Leistungssport in der DDR. Anfangs waren die materiellen und personellen Voraussetzungen dafür sehr begrenzt. Aber auch fehlerhafte konzeptionelle Vorstellungen und fehlende wissenschaftliche Erkenntnisse behinderten die Entwicklung. Es sollte noch Jahre dauern bis sich jenes aufeinander abgestimmte Fördersystem des DDR-Leistungssports in seinen Grundzügen herausbildete und zu den bekannten Erfolgen führte. Zeitlich gesehen, entstanden als erstes die organisatorisch-strukturellen Bausteine dieses Systems. Zum Teil parallel, in der Tendenz jedoch zeitlich später entwickelten sich die inhaltlich-wissenschaftlichen Grundlagen - das Wettkampf- und Trainingssystem sowie das System der Sichtung und Auswahl. Alle diese Teile wuchsen in den 70-er Jahren zu einem in sich geschlossenem Fördersystem des Leistungssports mit drei Organisationsstufen und vier Trainingsetappen zusammen. Seine fortlaufende Optimierung wurde in den achtziger Jahren zum Schwerpunkt der weiteren Entwicklung.


Der Nachwuchssport - Ergebnis einer breiten und schöpferischen Gemeinschaftsarbeit

Maßgeblichen Anteil an der Gestaltung dieses Systems hatte ohne Zweifel Manfred Ewald. Als Staatssekretär des Staatlichen Komitees für Körperkultur und Sport und danach als langjähriger Präsident des DTSB gingen von ihm viele grundlegende Impulse aus. An dieser Stelle sei auch der Einfluß der Vizepräsidenten Bernhard Orzechowski und Siegfried Geilsdorf sowie der Abteilungsleiter Willy Langheinrich, Rudolf Ledig und Dr. Günther Brunner hervorgehoben, die über Jahre im Bundesvorstand des DTSB für den Kinder- und Jugendsport und den Nachwuchssport verantwortlich zeichneten. Ebenso muß auf die hohe Mitverantwortung des Ministeriums für Volksbildung und auf den persönlichen Beitrag der Stellvertretenden Minister Werner Lorenz und Werner Engst hingewiesen werden.

Auf sportwissenschaftlichem Gebiet erwarben sich in den Anfangsjahren besonders Dr. Günther Thieß und Dr. Heinz Bäskau besondere Verdienste. Ihre wissenschaftlichen Untersuchungen zu den Kinder- und Jugendsportschulen sowie zum Nachwuchstraining schufen wichtige Grundlagen und regten notwendige Veränderungen an. Weiter möchte ich den Beitrag von Dr. Klaus Kupper, Professor Karl-Heinz Bauersfeld, Dr. Klaus Rost und Dr. Siegmund Rahn hervorheben.

über die zentrale Ebene des Sports hinaus wirkten in den Sportverbänden, in den Bezirken und Kreisen viele Tausende von Übungsleitern, Trainern, Lehrern und Funktionären unermüdlich an der Gestaltung des Nachwuchssportes in der DDR mit. Ihnen sei an dieser Stelle für ihre Arbeit nochmals gedankt. Hervorzuheben ist die Unterstützung durch die Lehrerschaft und die Eltern. Denn entgegen allen Unterstellungen von gewissen Leuten, die außerhalb des wirklichen Geschehens standen und sich im Nachhinein Urteile zumuten, war auch der Leistungssport unter den gesellschaftlichen Bedingungen der DDR eine individuelle und freiwillige Entscheidung. Sie setzte den Wunsch der Kinder bzw. Jugendlichen und in jedem Fall auch die Zustimmung der Eltern voraus. Wir legten gerade im Kinder- und Jugendsport den aller größten Wert auf ein enges Zusammenwirken mit den Eltern, die wir oft auch zur Mitarbeit in den Elternbeiräten oder in den ehrenamtlichen Leitungen der Trainingszentren zu gewinnen vermochten.

Erst im Ergebnis dieser breiten und lebendigen Gemeinschaftsarbeit vieler Menschen aus den unterschiedlichsten gesellschaftlichen und staatlichen Bereichen erwuchs all das, was wir formal erste und zweite Förderstufe nannten.

Was mich und meinen Einfluß auf diesen Teil des Sports anbelangt, so rückte er erst ab 1965/66 stärker in den Mittelpunkt meiner beruflichen Tätigkeit. Dabei stand auch hier die wissenschaftliche Durchdringung des Nachwuchstrainings im Vordergrund. Erst später - mit der Übernahme der entsprechenden Aufgaben und Abteilungen als Vizepräsident im DTSB - weitete sich meine Verantwortung aus. Die qualitative Weiterentwicklung des Übungs-, Trainings- und Wettkampfbetriebes im Kinder- und Jugendsport, die Einführung von Vielseitigkeitswettbewerben in die Spartakiadeprogramme, der Ausbau der Sichtung und Auswahl von sportlichen Talenten, die Entwicklung von Normensystemen und die ständige Modernisierung der Trainingsprogramme bildeten Schwerpunkte des von mir geleiteten Arbeitsbereiches. Als Mitglied der Leistungssportkommission der DDR und des Präsidiums des DTSB sowie als Vorsitzender des Zentralen Trainerrates nahm ich Einfluß auf die Gesamtentwicklung des Förder- und Trainingssystems.

Die dabei gewonnenen Einsichten und Erfahrungen werden in den folgenden Abschnitten dargestellt. Um persönliche Aussagen zu stützen, wurden entsprechende Beschlüsse der SED, des Ministeriums für Volksbildung sowie des DTSB zur Spartakiadebewegung, zu den Kinder- und Jugendsportschulen sowie zum Leistungssport insgesamt ausgewertet und in der Zeitschrift Theorie und Praxis des Leistungssport zum Nachwuchssport veröffentlichte Artikel sowie eigene Vorträge und Materialien für die vorliegende Ausarbeitung genutzt. Meine Aufzeichnungen erheben nicht den Anspruch einer umfassenden sportwissenschaftlichen Abhandlung über den Nachwuchssport. Sie sind als eine Gesamtschau über diesen wichtigen Bereich des Sports in der DDR gedacht und stellen die Entwicklung des Fördersystems in das Zentrum. Aus solchen Erwägungen heraus wurde bewußt darauf verzichtet auf weitere mögliche Einzelfragen einzugehen. Ebenso wurde von einer eigenständigen Behandlung der Führungsstrukturen, der Forschung im Nachwuchsleistungssport, der sportmedizinischen Betreuung sowie der materiellen und finanziellen Grundlagen Abstand genommen. Ich möchte darauf hinweisen, daß zur Planung und Auswertung des Trainings sowie zum Einsatz und zur Aufgabenverteilung der Trainer im Nachwuchssport bereits im Kapitel zum Hochleistungssport Stellung genommen wurde.