Nachwuchsleistungssport

Zur Entwicklung des Trainingssystems

Aus der Absicht heraus, mit interessierten Kindern und Jugendlichen rechtzeitig mit einem leistungssportlichen Training zu beginnen, bezeichnete man in den fünfziger Jahren diesen ersten Abschnitt der Vorbereitung als Kinder- oder Jugendtraining. Das erschien durchaus verständlich. Doch zunehmend zeigte sich, daß man damit die Unterschiede, die zwischen den einzelnen Sportarten bestanden, nicht ausreichend zu erfassen vermochte.

Was für die einen, z. B. in der Leichtathletik oder im Skisport, noch als Training von Kindern galt, war für andere (im Eiskunstlauf oder im Geräteturnen) dem Inhalt nach schon Fortgeschrittenen- oder gar Anschlußtraining an die Spitze. Aus trainingswissenschaftlicher Sicht mußte die anfangs übliche Gliederung des Trainingsaufbaus nach Altersbereichen durch inhaltliche Merkmale ersetzt werden, denn vor allem aus den Zielen und Aufgaben, aus den Mitteln und Methoden ergibt sich die Spezifik der einzelnen Trainingsetappen, Trainingsperioden und -abschnitte. Alter und altersspezifische Besonderheiten sind bzw. waren dabei gebührend zu berücksichtigen. ( Vgl.: Thieß, G.: Das Kinder- und Jugendtraining. In: Methodik des Sportunterrichts, Volk und Wissen, Berlin 1967, S. 320-321).

Meines Wissens nach war es Thieß, der bereits 1962 anregte, die Begriffe Grundlagen- und Aufbautraining für die ersten beiden Abschnitte des mehrjährigen Trainings zu verwenden. Diese Termini setzten sich in den folgenden Jahren in der Theorie und Praxis des DDR-Leistungssports durch. Sie fanden Eingang in die Trainingsprogramme der Sportverbände und bestimmten zunehmend die Trainingspraxis in der 1. und 2. Förderstufe.


Grundlagentraining

Das Grundlagentraining stellte im Leistungssportsystem der DDR die erste Trainingsetappe dar. Ihr hauptsächlicher Inhalt bestand in einer vielseitigen, sportartgerichteten Grundausbildung. Durch sie sollten die jungen Sportler eine breite Basis an konditionellen, koordinativen und sporttechnisch-taktischen Leistungsvoraussetzungen für die jeweilige Sportart erwerben. Es sollte ein solides Fundament mit Reserven für die künftige Leistungssteigerung im Spitzenbereich geschaffen werden.

In erzieherischer Hinsicht kam es besonders darauf an, die Begeisterung und Liebe zu der gewählten Sportart, das Interesse an einem regelmäßigen Training und das Streben nach hohen sportlichen Leistungen bei den Kindern zu wecken und zu festigen. Das Training baute auf entsprechenden, wissenschaftlich fundierten Programmen der Sportverbände auf und dauerte in der Regel drei bis vier Jahre. Zugleich hatte das Grundlagentraining die Funktion eines Probe- und Auswahltrainings. Im Verlaufe der mehrjährigen Vorbereitung schieden Sportler aus und stießen neue, sportlich geeignete Kinder bzw. Jugendliche hinzu.


Ziel und Aufgaben

Das Ziel des Grundlagentrainings bestand darin, die Leistungsvoraussetzungen der jungen Sportler vielseitig und sportartgerichtet zu entwickeln, damit sie am Ende dieser Trainingsetappe in der gewählten Sportart die Leistungsanforderungen und Aufnahmenormen für die 2. Förderstufe und das Aufbautraining erfüllen konnten.

Im Grundlagentraining sollten vor allem folgende Aufgaben gelöst werden:


Da es im Rahmen dieser Arbeit nicht möglich ist, die Aufgabenstellung der einzelnen Trainingsetappen in ihrer ganzen Breite darzustellen, beschränken wir uns jeweils auf ausgewählte Komplexe, die in der trainingswissenschaftlichen und praktischen Arbeit im Nachwuchssport der DDR eine wichtige Rolle spielten.


Vielseitigkeit versus Spezialisierung

Die Forderung, den Beginn des mehrjährigen Trainings als eine vielseitige, sportartgerichtete Grundausbildung zu gestalten, war anfangs nicht selbstverständlich. Sie wuchs aus einer in den fünfziger und sechziger Jahren im Sport der DDR aber auch international geführten Diskussion über vielseitiger Grundausbildung und frühzeitiger Spezialisierung.

Im Leistungssport der DDR gab es damals nicht wenige Beispiele für planlose Vielseitigkeit als auch für eine einseitige oder zu frühzeitige Spezialisierung junger Sportler. In den fünfziger Jahren war es nicht ungewöhnlich, daß sich junge Sportler in verschiedenen Sportarten vorbereiteten und an entsprechenden Wettkämpfen teilnahmen. Meine Entwicklung war ein Beispiel dafür. Bevor ich das Sportlehrerstudium an der Leipziger DHfK begann, trainierte ich sowohl im Handball als auch in der Leichtathletik und beteiligte mich in beiden Disziplinen an Wettkämpfen. Andere Sportler wiederum entschieden sich für eine Sommer- und eine Wintersportart. Vorherrschend war jedoch eher eine zumeist einseitige Spezialisierung. Bäskau führte in seiner Dissertation dafür eine Reihe von Beispielen aus den Kinder- und Jugendsportschulen an. So berichtete er u. a. darüber, daß sich der Vater einer 15jährigen Sprinterin, die 1956 mit 12,1 Sekunden über die 100 Meter deutsche Bestleistung lief, bei Walter Ulbricht darüber beschwerte, daß seine Tochter an der Schule „außer dem Lauftraining auch noch andere sportliche Übungen „ machen mußte. (Vgl.: Bäskau, H.: a. a. O., S. 124) Aber auch Jahre später erwies sich manche Spitzenleistung eines Spartakiadesiegers als nicht weiter ausbau- und steigerungsfähig, weil sie offensichtlich ohne die erforderliche Leistungsgrundlage und Geduld vorbereitet wurde.

Es bedurfte vieler Erfahrungen und wissenschaftlicher Argumente bis sich bei allen Trainern und Übungsleitern die Erkenntnis durchsetzte, daß jedes Spezialtraining in einer Sportart ohne die bewußte Zuhilfenahme von anderen Übungen, Trainingsmitteln und -komplexen auf Dauer nicht die erforderlichen Leistungsvoraussetzungen für Spitzenleistungen zu gewährleisten vermag. Dazu gehörte auch die Einsicht, daß eine vielseitige, allgemeine Ausbildung eine solide Voraussetzung und ein unverzichtbarer Bestandteil des gesamten Trainings ist, in dem die anzuwendenden allgemeinen Übungen so auszuwählen sind, daß sie direkt oder indirekt zur Entwicklung der in der speziellen Sportart erforderlichen Leistungsvoraussetzungen beitragen.

Für die Anfangsetappe des Trainings leitete sich daraus ab: Es geht in dieser Etappe nicht um ein vielseitiges Training schlechthin, sondern um ein sportartgerichtetes Grundlagentraining in dem das Fundament vielseitig entwickelter Leistungsvoraussetzungen für spätere Spitzenleistungen in der gewählten Sportart gelegt wird. Auch in einem vielseitigen allgemeinen und speziellen Training gilt das Prinzip der Zielgerichtetheit!

Eine derartige Ausrichtung des Grundlagentrainings machte den lange Zeit geführten Streit - breite Vielseitigkeit versus frühe Spezialisierung - weitgehend gegenstandslos. Praktische Erfahrungen und wissenschaftliche Erkenntnisse hatten hinreichend erwiesen, daß eine vielseitige sportartgerichtete Grundausbildung der beste und sicherste Weg war, um unsere Nachwuchssportler langfristig zu hohen, steigerungsfähigen Leistungen zu führen. Jedoch gab es immer wieder auch Zweifler an diesem Kurs, die in einer vorzeitigen und einseitigen Spezialisierung ihrer Sportler den besseren Weg sahen.

Mit Unterstützung der in der Nachwuchsforschung an der DHfK in Leipzig arbeitenden Wissenschaftler gelang es den Sportverbänden immer besser, in den Trainingsprogrammen für die 1. Förderstufe die richtigen Aufgaben und Proportionen, die zweckmäßigsten Mittel und Methoden für das Grundlagentraining in ihren Sportarten herauszuarbeiten. Die Programme wurden durch detaillierte Trainingsangaben und Stundenbeispiele ergänzt und zum Gegenstand der Fortbildung der Übungsleiter und Trainer gemacht. Durch die Einführung einer - im Vergleich zum Hochleistungssport vereinfachten - Trainingsdokumentation sowie von Normenüberprüfungen der Sportverbände verbesserten sich die Möglichkeiten zur Information und Kontrolle über das durchgeführte Training. Zudem erfolgte aller vier Jahre eine Überprüfung und Erneuerung der Programme für das Grundlagentraining. Das gewährleistete den Zuwachs von neuen Erkenntnissen und Trainererfahrungen. Die praktische Umsetzung dieser Programme bildete einen ständigen Arbeitsschwerpunkt der in der 1. Förderstufe tätigen Übungsleiter, Trainer und Leiter.


Belastungssteigerung im Grundlagentraining

Einen weiteren Schwerpunkt sahen wir in der systematischen Erhöhung der Belastungsverträglichkeit der in der 1. Förderstufe trainierenden Kinder. Wollte man die mit dem Grundlagentraining verbundenen Aufgaben sicher erfüllen, so setzte das eine wachsende Trainierbarkeit der jungen Sportler voraus. Als Anfänger mußten sie planmäßig an die mit der Ausbildung konditioneller, koordinativer, sporttechnischer und technisch-taktischer Fähigkeiten und Fertigkeiten verbundenen Belastungen herangeführt werden. Damit war die Entwicklung der verschiedenen Funktionssysteme des Organismus, des Gesundheitszustandes und der allgemeinen Leistungsfähigkeit der Trainierenden verbunden. Als besonders wichtig erwies sich die systematische Verbesserung der Belastbarkeit des Binde- und Stützgewebes, einer Schwachstelle, die oft durch eine hohe Verletzungsanfälligkeit die weitere Leistungsentwicklung vieler Kinder begrenzte.

In der Praxis entschied der Trainer oder Übungsleiter mit seinem pädagogischen und methodischen Wissen und Können darüber, wie gut die in den Trainingsprogrammen gestellten inhaltlichen Aufgaben und belastungsmethodischen Anforderungen verwirklicht wurden.

Eine dieser Anforderungen bestand darin, während des drei bis vier Jahre währenden Grundlagentrainings einen von Jahr zu Jahr wachsenden Anstieg der Belastung zu sichern.

Drei wichtige und für die 1. Förderstufe durchaus aussagefähige Kriterien dafür waren die Häufigkeit, die Dauer und die Kontinuität des Trainings. Im 1. Jahr sollten durchschnittlich dreimal, im 2. viermal und im 3. Jahr fünfmal in der Woche trainiert werden.

Von der DHfK in den 70er und 80er Jahren durchgeführte Ermittlungen ergaben, daß sich die wöchentliche Häufigkeit des Trainings zwischen 1972 und 1985 zunehmend verbesserte. Das galt insbesondere für den Teil von Nachwuchssportlern, die wöchentlich mindestens dreimal und mehr trainierten. Waren es 1972 ca. 60 %, so stieg die Zahl 1978 auf über 80 Prozent. Besonders im ersten Trainingsjahr wurde die geplante dreimalige Häufigkeit und eine wöchentliche Trainingsdauer von 5 Stunden in nahezu allen Sportarten erreicht. Dagegen wuchs die Anzahl der Trainierenden, die im 2. und 3. Trainingsjahr unter den geplanten Vorgaben blieben, sichtbar an. Die Differenz zwischen den einzelnen Sportarten schwankte in der wöchentlichen Trainingszeit erheblich. Der Durchschnittswert lag bei 4mal wöchentlich mit einer zeitlichen Dauer von 400 bis 500 Minuten. (Vgl.: Kutschke, F.: Einige quantitative Kriterien bei der Beurteilung des Standes der sportlichen Ausbildung im Grundlagentraining. In: Theorie und Praxis des Leistungssports, Jhg. 18 (1980), Heft 5, S. 15-18).

Befragungen der Teilnehmer an den Zentralen Kinder- und Jugendspartakiaden 1981, 1983 und 1985 wiesen zum 5-maligen Training im 3. TZ-Jahr ähnliche Ergebnisse auf. Etwa die Hälfte der befragten Spartakiadeteilnehmer trainierten im 3. TZ-Jahr weniger als fünfmal in der Woche. (Vgl. Forschungsgruppe Leitung des Nachwuchsleistungssports an der DHfK: Bericht zu ausgewählten Problemen des Entwicklungsstandes der Teilnehmer an der X. Kinder- und Jugendspartakiade der DDR in den Sommersportarten. Leipzig, 1985. Internes Arbeitsmaterial, S. 8).

Die ermittelten Angaben machten deutlich, daß es selbst unter den relativ günstigen Rahmenbedingungen in der 1. Förderstufe schwierig war, den für erforderlich erachteten Belastungsanstieg allseitig zu verwirklichen. Dieser Fakt begünstigte zeitliche Verschiebungen im Belastungsaufbau, führte zu inhaltlichen Disproportionen und sicherte nicht die erforderliche Belastbarkeit für den Übergang zur 2. Förderstufe.

Anzahl der in der 1. Förderstufe absolvierten TrainingsjahreAnzahl der in der 1. Förderstufe
absolvierten Trainingsjahre (1985)
Anzahl der in der 1. Förderstufe absolvierten TrainingsjahreAnzahl der in der 1. Förderstufe
absolvierten Trainingsjahre (1979)

Auch die uns damals vorliegenden Fakten über ein kontinuierliches drei- bzw. vierjähriges Training in den TZ wiesen auf Reserven im Belastungsaufbau hin. Zwar gab es zwischen 1979 und 1985 bei den Spartakiadeteilnehmern bemerkenswerte Fortschritte, denn immerhin trainierten 70 % der TZ-Sportler 3 Jahre oder länger in den Trainingszentren. 1979 lag der Vergleichswert bei 50 %. Aber auch sechs Jahre später bestanden wesentliche Niveauunterschiede zwischen den Sportarten und zwischen den einzelnen TZ. Auffällig war auch der hohe Anteil von Sportlern, die aus ländlichen Gemeinden und aus Kleinstädten kamen und nur 2 Jahre oder weniger ein Grundlagentraining absolviert hatten. (Vgl.: Bericht der Forschungsgruppe der DHfK, a. a. O., S. 9).

In den genannten Untersuchungen wurde auch den Ursachen nachgegangen, die zu einer teilweisen Nichterfüllung der angestrebten Belastungsziele im Grundlagentraining führten. Sie lagen nicht in mangelnder Einsatzbereitschaft der Trainer und Übungsleiter, sondern vor allem in der hohen Gesamtbelastung vieler Kinder durch Schule und Nachmittagsunterricht, familiäre Aufgaben und Wegezeiten, aber auch durch gesellschaftliche Verpflichtungen über das TZ-Training hinaus. (Vgl.: Kutschke, F.: a. a. O., S. 17)

In Auswertung dieser und anderer Analysen wurde verstärkt darauf hingewirkt,

(Vgl.: Rahn, S.: Einige methodische Probleme bei der Gestaltung des Grundlagentrainings. In: Theorie und Praxis des Leistungssports. Jhg. 18 (1980), S. 63-67).


Nahtstelle Grundlagentraining - Aufbautraining

Aus trainingsmethodischer Sicht stellte der Übergang vom Grundlagen zum Aufbautraining einen besonderen Schwerpunkt dar. Dieser Übergang war und blieb stets eine komplizierte und kritische Phase. Sie war nicht nur mit anspruchsvollen Aufgaben hinsichtlich der Trainings- und Belastungsgestaltung verbunden. Sie warf auch in pädagogischer und organisatorischer Hinsicht komplizierte Fragen auf.

Für die Jungen und Mädchen war dieser Übergang, der für sie einen völlig neuen Abschnitt in ihrer individuellen Entwicklung einleitete, mit einer Fülle von Anforderungen in der Lebensgestaltung, in der Schule und im Sport verbunden.

Zwar kamen über 90 Prozent aller Sportler über die Trainingszentren zur KJS. Und fast alle hatten ein mehrjähriges Training absolviert und die nicht geringen Aufnahmenormen der Sportverbände erfüllt. Doch vom ersten Tag an wurden sie mit neuen, höheren Maßstäben konfrontiert.

Das traf in besonderen Maße auf die Belastungsanforderungen zu. Während sie in den TZ - abhängig von der jeweiligen Sportart - im dritten Jahr zwischen 300 bis maximal 500 Stunden trainiert hatten, erlaubte das Training unter KJS-Bedingungen eine weitaus höhere Belastung. Die optimale Verteilung der Unterrichtsstunden, die Verkürzung der Wegezeiten, die Unterbringung im Internat, das alles setzte Zeit frei, die für Training und Wettkämpfe genutzt werden konnte. Die Rahmentrainingspläne (RTP) der Verbände sahen deshalb erhebliche Steigerungsraten in der Trainingsbelastung vor. Im Sportschwimmen beispielsweise betrug die für das 1. KJS-Jahr vorgesehene Trainingszeit 630 Stunden, im Kanurennsport 768 und im Skilanglauf sogar 800 Stunden. (Vgl.: Brunner, G.: Zu erzieherischen und trainingsmethodischen Grundfragen der Weiterentwicklung der Trainings- und Wettkampfsysteme in der 2. Förderstufe. In: Theorie und Praxis des Leistungssports. Jhg. 13 (1975) Beiheft 1, S. 31).

Belastungsanstieg vom Grundlagentraining (GLT) zum Aufbautraining (ABT)Belastungsanstieg vom
Grundlagentraining (GLT)
zum Aufbautraining (ABT)

In Hinblick auf die langfristige Vorbereitung der jungen Sportler auf das Hochleistungstraining waren diese Anforderungen durchaus begründet. Dort mußte mit einem Trainingsumfang von etwa 1200 bis 1500 Stunden gerechnet werden. Um das im Prinzip berechtigt angestrebte Belastungsmaß erreichen zu können, mußten flexible Lösungen gefunden und angewendet werden.

Reserven für eine bessere Vorbereitung auf die Anforderungen des Aufbautrainings bestanden nicht zuletzt im TZ-Training selbst. Langfristig mußte eine weitere Belastungssteigerung vor allem im dritten Jahr gewährleistet werden. Analysen offenbarten, daß es besonders im letzten Halbjahr vor der KJS-Aufnahme einen oft erheblichen Rückgang in der Trainingsbelastung gab. Dem nach Abschluß der KJS-Aufnahmeentscheidungen (im Frühjahr jedes Jahres) und in den Sommerferien einsetzenden „Belastungsknick“ mußte begegnet werden. Konkrete Aufgaben für das Heimtraining, Kontrollwettkämpfe und Trainingslehrgänge in den Ferien sicherten künftig einen besseren Übergang zum Aufbautraining.

Prozentualer Anteil der Ursachen für Rückdelegierungen in der LeichtathletikProzentualer Anteil der
Ursachen für Rückdelegierungen
in der Leichtathletik

Aber auch an den KJS wurde die Trainingsbelastung im ersten Halbjahr reduziert und allmählich auf das Niveau der RTP-Vorgaben erhöht. Von den Trainern wurden allgemeine Mittel bevorzugt und das Training vielseitig und freudvoll gestaltet. Sehr viel hing in diesem Abschnitt vom pädagogischen und methodischen Können der Trainer ab. Die Abstimmung zwischen den Trainern im Grundlagen- und im Aufbautraining, das Zusammenwirken mit den Lehrkräften und nicht zuletzt der gute Kontakt der Trainer und Lehrer mit den Eltern und deren enge Einbindung in alle entstehenden Probleme waren von hoher Bedeutung. Das alles waren wichtige Voraussetzungen für eine möglichst gute Bewältigung dieser neuen Lebensphase der jungen Sportler, für die dieser Übergang nicht nur ein Wechsel der Schule, des Trainingsortes und des Trainers war. Im Durchschnitt waren es ca. zehn Prozent der neu an die KJS aufgenommenen Schüler die es nicht schafften. Die Gründe dafür waren recht unterschiedlich. Sie reichten vom Heimweh, über Krankheit oder Verletzung bis hin nicht ausreichenden sportlichen oder schulischen Leistungen. Um nicht mißverstanden zu werden - wir empfanden jedes vermeidbare Ausscheiden als einen Mißerfolg und als eine Aufforderung unsere pädagogische und methodische Arbeit sowie die sportmedizinische Betreuung der jungen Sportler weiter zu verbessern.


Aufbautraining

Als zweite Trainingsetappe bildete das Aufbautraining gewissermaßen das Kernstück im mehrjährigen Leistungsaufbau. Die weitgehende Koordination von Sport und Schule schuf überaus günstige Voraussetzungen für die allseitige Bildung und Erziehung der jungen Sportler und für die komplexe Erfüllung der im Training und im Unterricht geplanten Aufgaben. Im Unterschied zur 1. Förderstufe verfügten die Sportler in den KJS/SC über alle für ihre sportliche Leistungssteigerung wesentlichen Rahmenbedingungen, einschließlich der für Training und Wettkampf notwendigen Zeit. Ein Trainingsumfang zwischen 600 und maximal 1000 Stunden im Jahr war, differenziert nach Sportarten, real gegeben. Berechtigt orientierte der Leistungssportbeschluß vom 2. 12. 1980 darauf, die Wirksamkeit der 2. Förderstufe und des Aufbautrainings als „eine Hauptreserve der künftigen Leistungsentwicklung“ zu betrachten, die es umfassend zu nutzen galt. (Vgl.: Beschluß zur weiteren Entwicklung des Leistungssports in der DDR im Zeitraum 1981 - 1985 und zur Vorbereitung auf die Olympischen Spiele 1984. SAPMO-BArch, DY 30/J/IV2/2 /1869, Bl. 11/12)


Ziel und Aufgaben

Gestützt auf die im Grundlagentraining geschaffenen Ausgangsposition bestand das Ziel des drei- bis vierjährigen Aufbautrainings darin, ein hohes und stabiles Grundniveau in den wesentlichen psycho-physischen Leistungsvoraussetzungen herauszubilden auf dem im Anschlußtraining eine weitere systematische Steigerung der Leistungsfähigkeit und der Wettkampfleistungen in der gewählten Sportart/Disziplin erfolgen konnte.

In erzieherischer Hinsicht standen als Bestandteil der allseitigen Bildung und Erziehung der Schüler die Förderung einer sportgerechten Lebensweise, der Eigenverantwortlichkeit und Selbständigkeit sowie der für Wettkampf und Training erforderlichen Willenseigenschaften im Vordergrund. In diesem Prozeß erwies es sich erzieherisch als wichtig, Erfolgserlebnisse zu schaffen und die Leistungs- und Persönlichkeitsentwicklung der jungen Sportler miteinander eng zu verknüpfen.

In drei wissenschaftlichen Seminaren (1974, 1982 und 1987) wurden die hauptsächlichen Aufgaben des Aufbautrainings herausgearbeitet und zugleich dynamisch weiterentwickelt. Angelehnt an das Hauptreferat und an die Empfehlungen der Konferenz vom November 1987 lassen sich meines Erachtens folgende inhaltliche Schwerpunkte für das Aufbautraining zusammenfassen:

(Vgl.: Bauersfeld, K.-H.: Trainingsmethodische Anforderungen an die Weiterentwicklung des Aufbautrainings unter Beachtung nationaler und internationaler Entwicklungstendenzen des Leistungssports. In: Theorie und Praxis des Leistungssports. 26 (1988) 4, S. 28-59).

Bei der Verwirklichung der Aufgaben kam es ganz wesentlich darauf an, die in diesem Alters- und Leistungsbereich bestehenden Besonderheiten und individuellen Entwicklungsvoraussetzungen zu berücksichtigen. Das galt in besonderem Maße für das kalendarische und biologische Alter der Sportler, das nachweislich bis zu plus/minus 4 Jahre differieren konnte. Hohe Aufmerksamkeit mußte in dieser Etappe auch der systematischen Entwicklung der Belastbarkeit und hier vor allem der Belastbarkeit des Stütz- und Bewegungssystems geschenkt werden. Die Doppelbelastung durch Training und Schule und die sehr differenzierte Persönlichkeitsentwicklung der einzelnen Sportler verlangten ein feinfühliges erzieherisches Vorgehen, einen systematischen Aufbau der Belastung, eine individuelle Dosierung und eine ausreichende Wiederherstellung und Prophylaxe. Zugleich boten sich in dieser Zeit außerordentlich günstige biologische und motorische Entwicklungsmöglichkeiten, die nach unserem Dafürhalten konsequent für die Ausprägung bestimmter Fähigkeiten und Fertigkeiten der jungen Sportler genutzt werden sollten.

Es ist an dieser Stelle nicht möglich auf alle Aspekte und Aufgaben des Aufbautrainings einzugehen. Ausgewählte Einzelfragen wurden bereits unter den Abschnitten Grundlagentraining und Wettkampfsystem angesprochen. Lediglich drei Schwerpunkte, die für die Erneuerung des Aufbautrainings in den 80er Jahren wesentlich waren, sollen hier herausgehoben werden.


Zur Erhöhung des Wirkungsgrades des allgemeinen Trainings

Das allgemeine Training, seine methodische Gestaltung und sein Verhältnis zum speziellen Training nahm auf allen drei durchgeführten Seminaren einen wichtigen Platz ein. Unsere eigenen als auch internationale Trainingserkenntnisse hatten gezeigt, daß solide ausgebildete allgemeine Leistungsvoraussetzungen die beste Grundlage für die Entwicklung einer hohen speziellen Leistungsfähigkeit darstellten. Vor allem in den beiden Etappen des Nachwuchstrainings mußte diese allgemeine Grundlage geschaffen werden.

In der Mehrzahl der Sportarten herrschte generell Klarheit über den Nutzen des allgemeinen Trainings. Abhängig vom spezifischen Charakter der jeweiligen Sportart schwankte der Anteil dieses Komplexes zwischen 40 und 60 Prozent der Gesamttrainingszeit. Eine derartige Größenordnung hatte sich für das Aufbautraining bewährt. Dennoch gab es noch Sportarten und Disziplingruppen bei denen das allgemeine Training unter 40 % lag, ohne daß es dafür zwingende Argumente gab.

Anteil des allgemeinen Trainings am Gesamtumfang (in %)Anteil des allgemeinen
Trainings am Gesamtumfang (in %)

Mängel bestanden besonders auch in der Auswahl der Trainingsmittel und in der methodischen Gestaltung dieses Bereiches, der nahezu die Hälfte der gesamten Trainingszeit ausmachte. Teilweise erfolgte die Auswahl der Übungen ziellos. In anderen Fällen verwendete man eine Vielzahl von allgemeinen Mittel oder hielt man an bestimmten traditionell genutzten Spielen oder Übungskomplexen fest. Die Auswertung der Rahmentrainingspläne zeigte, daß sich im Verlaufe des 3- bis 4jährigen Aufbautrainings die allgemeine Ausbildung dem Inhalt und der Belastung nach zu wenig veränderte. Im Unterschied zur speziellen Ausbildung fehlte es im allgemeinen Training an der notwendigen inhaltlichen und belastungsmäßigen Dynamik.

Mit Nachdruck wurde deshalb die Forderung erhoben, das Niveau der allgemeinen Ausbildung im Nachwuchstraining zu verbessern und ungerechtfertigte Niveauunterschiede zu überwinden.

Die wichtigsten Schlußfolgerungen bestanden in folgendem:

(Vgl.: Empfehlungen und Schlußfolgerungen der Konferenz „Zur Erhöhung der Wirksamkeit des Aufbautrainings im Langfristigen Leistungsaufbau“ am 20.11.1987. Hrsg.: Bundes-vorstand des DTSB und DHfK. Internes Arbeitsmaterial, S. 4).


Zur sporttechnischen Ausbildung

Schon in den 70er Jahren wiesen uns Analysen der Kinder- und Jugendspartakiaden aber auch Vergleiche bei den Jugendwettkämpfen der Freundschaft immer wieder daraufhin, daß ein Teil unserer Sportler in ihrer sporttechnischen Ausbildung Mängel und Rückstände aufwies. (Vgl.: Brunner, G.: a. a. O., S. 36/37). Junge, sowjetische Athleten in den Sprungdisziplinen der Leichtathletik, im Turnen, Ringen oder im Eiskunstlaufen beherrschten die Sporttechnik ihrer Sportarten häufig besser, stabiler und äußerlich eindrucksvoller als unsere Sportler. Verstärkte Anstrengungen der Sportverbände, der Trainer und der Sportwissenschaften führten durchaus zu Veränderungen, jedoch nicht zu den angestrebten Fortschritten in der Breite des Grundlagen- und Aufbautrainings.

Inzwischen gab es in nahezu allen Sportarten technische Leitbilder, das Techniktraining wurde teilweise als eigenständige Trainingseinheit geplant und durchgeführt, die technischen Hilfsmittel zur Objektivierung technischer Bewegungsabläufe wurden bis in das Nachwuchstraining hinein verbessert und theoretische Unterweisungen der Sportler zur Zieltechnik ihrer Disziplin gehörten zum festen Bestand der Ausbildung.

Was waren die Ursachen für die oft nach wie vor erkennbare Rückstände? Wurde zu wenig Zeit und Aufmerksamkeit für Entwicklung einer sauberen und zweckmäßigen Technik verwandt? Wurde die sporttechnische Ausbildung zugunsten des konditionellen Trainings vernachlässigt? Stimmten die ausgearbeiteten Leitbilder nicht oder lag es daran, daß „nicht ausreichend ...neue trainingsmethodische Lösungen praxisrelevant umgesetzt“ wurden. (Vgl.: Bauersfeld, K.-H.: a. a. O., S. 51).

Die Seminare zum Aufbautraining 1982 und 1987 boten damals interessante neue Denkansätze für die sporttechnische Ausbildung im Nachwuchssport, die sowohl für das Aufbau - als auch für das Grundlagentraining Gültigkeit hatten. Bauersfeld wies im Hauptreferat 1987 auf die Rolle und den Einfluß der neuromuskulären Steuer- und Regelvorgänge für das Erlernen, Vervollkommnen und Stabilisieren sporttechnischer Fertigkeiten hin. Der äußere Bewegungsablauf, unmittelbar nach außen sichtbar, ist bekanntlich nicht identisch mit der intern ablaufenden motorischen Steuerung, die nicht unmittelbar beobachtbar ist. Die Bewegung selbst und ihre motorische Steuerung sind nicht ein und das selbe.

Aus diesen, damals noch nicht zum Allgemeingut aller Nachwuchstrainer gehörenden Grundlagenwissen, leiteten sich wichtige Folgerungen für ein handlungstheoretisch begründetes Vorgehen und für die weitaus intensivere Nutzung informeller Prozesse in der sporttechnischen und taktischen Ausbildung ab. An der DHfK durchgeführte Untersuchungen zeigten in diesem Kontext, daß es in der methodischen Arbeit wichtiger ist, sich auf die zeitlich-dynamischen Parameter der zu erlernenden Technik zu konzentrieren. In der Praxis unseres Nachwuchstraining überwog jedoch offensichtlich das Erlernen und Festigen von sporttechnischen Fertigkeiten unter räumlichen Aspekten. Bauersfeld sah darin einen der Gründe für die eingangs geschilderten Mängel und Rückstände.

Weitere Folgerungen bestanden darin, das beste Lernalter für die sporttechnische Ausbildung noch konsequenter zu nutzen, das sogenannte Voraussetzungstraining in allen Sportarten auf die bewegungsstrukturellen Anforderungen der Wettkampfübung auszurichten und die jungen Sportler über Kenntnisvermittlung und aktive Mitarbeit zu einem bewußten Lernen zu führen. Die Empfehlungen und Schlußfolgerungen der Konferenz im Jahr 1987vermittelten somit wichtige Denk- und Arbeitsanstöße für die Verbesserung des Lern- und Voraussetzungstrainings im Aufbau- und Grundlagentraining.


Zum schnelligkeitsorientierten Training

Die damals vorliegenden Erkenntnisse bestätigten, daß auch die Entwicklung der motorischen Eigenschaft Schnelligkeit entscheidend von den individuellen neuromuskulären Steuerungs- und Funktionsprozessen abhängig ist. Die Qualität dieser Steuer- und Regelmechanismen bestimmt maßgeblich das Niveau der Schnelligkeit. Ihre Ausprägung vollzieht sich durch entsprechende Anforderungen in der Tätigkeit des Menschen, also auch im sportlichen Training. Es mußte also eine vorrangige Aufgabe eines schnelligkeitsorientierten Trainings sein, die spezifische Qualität dieser Prozesse individuell zu vervollkommnen und so die Bedingungen für eine optimale Entwicklung der Schnelligkeit bei den Sportlern zu schaffen.

Als günstigstes Alter für die Entwicklung dieser motorischen Eigenschaft hatte sich der Bereich etwa vom 7ten bis zum 15ten Lebensjahr erwiesen. Dem Grundlagen- und Aufbautraining kam also hierbei eine zentrale Rolle zu.

Aber auch weitere Erkenntnisse mußten damals bei der Gestaltung eines schnelligkeitsorientierten Nachwuchstrainings berücksichtigt werden. Untersuchungsergebnisse der DHfK machten darauf aufmerksam, daß die im Training „einmal ausgebildete neuromuskuläre Ansteuerung eine relativ hohe Stabilität besitzt.“ (Vgl.: Bauersfeld, K.-H.: a. a. O., S. 49). Damit war auch die Gefahr gegeben, daß sich durch ein fehlerhaftes Schnelligkeitstraining ein relativ stabiler Stereotyp herausbilden kann, der die weitere Leistungsentwicklung eines Athleten nachhaltig zu beeinträchtigen vermag. Das bestärkte die Forderung, in der Schnelligkeitsausbildung von den sich perspektivisch ergebenden Schnelligkeitsparametern auszugehen und besonders hohe Reaktions- und Bewegungsgeschwindigkeiten zu realisieren. Dazu boten sich in vielfacher Weise erleichterte Übungsbedingungen durch leichtere Geräte, Absprunghilfen oder veränderte Wettkampfbedingungen an. Dadurch sollte gewährleistet werden, daß die Nachwuchssportler Schnelligkeitsanforderungen erreichten, die über ihren aktuellen Entwicklungsstand hinausgingen und die somit optimale Reize für die motorischen Steuer- und Regelprozesse darstellten.

Von Wichtigkeit für die trainingsmethodische Gestaltung war auch, daß die durch Training erworbene Qualität der Steuerungsabläufe offensichtlich auch auf andere strukturell ähnliche Übungen übertragbar war. Das unterstützte die Anwendung vieler allgemeiner und semispezifischer Übungen im Nachwuchstraining und erleichterte den Sportlern, neue Schnelligkeitshandlungen rationell zu übernehmen bzw. zu erlernen.

Schließlich entstanden auch hinsichtlich der Rolle eines schnelligkeitsorientierten Nachwuchstrainings für die Beurteilung der Eignung neue Arbeitsansätze. Aus dem im Training erkennbaren individuellen Stand der bewegungsrelevanten Steuerungs- und Regelmechanismen ließen sich Hinweise für das weitere methodische Vorgehen und für eine Leistungsprognose ableiten. Die bisher dafür angewendeten Tests waren zu überprüfen und in ihren differenzierten Aussagewert bezüglich der Leistungsvoraussetzung Schnelligkeit zu verbessern.

Die Seminare 1982 und 1987 gaben mit ihren Empfehlungen und Schlußfolgerungen einen wichtigen Anstoß für eine dynamische Erneuerung des Aufbau- und teilweise auch des Grundlagentrainings.

Die dargestellten Erfahrungen und Erkenntnisse sollten in den Verbänden noch vor den Olympischen Spielen 1988 weiter inhaltlich-methodisch aufgearbeitet und in die neuen Grundkonzeptionen und Rahmentrainingspläne für den Zeitraum 1989 - 1992 aufgenommen werden. Die Wissenschaftler der DHfK übernahmen die Aufgabe, diesen Prozeß durch die Mitarbeit an neuen Konzepten, durch Publikationen und durch die Weiterbildung der Trainer zu unterstützen. Darüber hinaus war zu ausgewählten Fragen die Durchführung von Trainingsexperimenten in Sportarten und Sportclubs geplant. Einen besonderen Schwerpunkt bildete die pädagogisch-methodische Befähigung der im Aufbautraining tätigen Trainer, waren sie doch die Hauptkräfte bei der Umsetzung der neuen Aufgaben in der Praxis.


Anschlußtraining

Schon relativ frühzeitig wurde erkannt, daß der Übergang vom Aufbau- zum Hochleistungstraining nicht allein in einer Trainingsetappe bewältigt werden konnte. Dazu waren die zu lösenden Aufgaben und Inhalte zu unterschiedlich. Aber auch die Zeitdauer dieses Prozesses erwies sich als zu lang. Er reichte in einer Reihe von Sportarten besonders bei den Jungen deutlich über die Schulzeit an der KJS hinaus.

In den 60er Jahren unterschied man deshalb in der Theorie und Praxis des Trainings zwischen einem 1. und einem 2. Abschnitt des Aufbautrainings. Ihnen wurden unterschiedliche Ziele und Inhalte zugeordnet. Selbst auf dem 1974 durchgeführten wissenschaftlichen Seminar ging man noch von einer derartigen Untergliederung aus. In der Praxis zeigte sich, daß die Zeitdauer des zweiten Abschnittes- unterschiedlich in den Sportarten - zwischen 2 und 6 Jahre betragen konnte. So setzte sich nach dem Beispiel der Leichtathletik immer mehr die Auffassung von einer eigenen Trainingsetappe durch, die als Anschlußtraining bezeichnet wurde. Wir unterstützten diese Lösung, weil sie zu einer stärkeren inhaltlichen Differenzierung des Trainings führte und die Bedeutung dieser Übergangsetappe zum Hochleistungstraining unterstrich. Wichtige internationale Wettkämpfe wie die Jugendwettkämpfe der Freundschaft, Europa- oder Weltmeisterschaften der Junioren waren in dieser Zeit vorzubereiten. Die betreffenden jungen Athleten wurden in gesonderten Auswahlmannschaften zusammengefaßt und gehörten bei entsprechenden Leistungen bereits zum Kaderkreis 2 der dritten Förderstufe.


Ziel und Aufgaben

Das Ziel dieser Etappe bestand in der weiteren Ausprägung der speziellen und allgemeinen Leistungsvoraussetzungen der Sportler für das Erreichen ausbaufähiger Anschlußleistungen zur Weltspitze.

Als Aufgaben standen folgende ausgewählte Schwerpunkte im Mittelpunkt:


In erzieherischer Hinsicht rückte die bewußte und schöpferische Mitarbeit der Sportler in den Vordergrund. Das umfaßte insbesondere die Befähigung zur geistigen Durchdringung des Trainings und Wettkampfes, die verstärkte Selbststeuerung und Selbstkontrolle sowie die weitere Ausprägung einer hohen Leistungsmotivation.

Auch bei dieser Trainingsetappe beschränke ich mich auf ausgewählte inhaltliche Fragestellungen, die im Trainingswesen der DDR von Bedeutung waren und seine Entwicklung maßgeblich beeinflußten.


Differenzierung und Individualisierung

Ein derartiges Problem bestand in der inhaltlich und zeitlich differenzierten Gestaltung dieser Trainingsetappe. Obwohl das Fördersystem und die -bedingungen prinzipiell gleich waren, gelang es den einzelnen Sportarten doch sehr unterschiedlich, junge, talentierte Anschlußkader mit einer bestimmten trainingsmethodischen Sicherheit in die Weltspitze der Senioren zu führen. Außergewöhnlich erfolgreich löste man über viele Jahre im Ruderverband diese Aufgabe. Die Sieger und Medaillengewinner der Junioren-Weltmeisterschaften gehörten innerhalb weniger Jahre auch zu den Besten bei den Olympischen Spielen. Ähnliches schafften auch die Kanuten, die Bahnradsportler oder Boxer. Mir ist noch gut in Erinnerung, daß aus unserer sehr erfolgreichen Mannschaft zu den Junioren- Europameisterschaften 1973 in der Leichtathletik sehr viele Sieger und Medaillengewinner der Olympischen Spiele 1976 in Montreal hervorgingen. Sie gehörten auch danach über viele Jahre zur Weltspitze in ihren Disziplinen.

Demgegenüber vermochten wir in solchen Sportarten wie Skilanglauf, Fechten, Ringen aber auch im männlichen Sportschwimmen nicht mit der angestrebten Verläßlichkeit junge, talentierte Anschlußkader in die Weltspitze zu führen.

Analysen zeigten, daß eine Ursache in der ungenügenden Differenzierung des Anschlußtrainings zu suchen war. Aspekte der Sportartspezifik, des Hochleistungsalters und auch der Geschlechtsunterschiede wurden teilweise vernachlässigt. Generell war unser Trainingssystem seiner Struktur nach auf ein relativ frühes Erreichen des Hochleistungsalters ausgerichtet. Die in der DDR gegebenen günstigen Förderbedingungen ermöglichten einen frühen Trainingsbeginn und ein ca. 10 Jahre umfassendes Training bis zum Erreichen des Höchstleistungsalters. Damit waren überaus günstige Voraussetzungen für die Lösung aller in den verschiedenen Trainingsetappen erforderlichen Aufgaben und für den Aufbau einer soliden Leistungsgrundlage für sportliche Spitzenleistungen gegeben. Gleichzeitig galt es die dynamische Entwicklung des Höchstleistungsalters zu berücksichtigen. Einer Verringerung in der Mehrzahl der Sportarten in den 60er Jahren, stand in späteren Jahren eine Stagnation oder eine Erhöhung des Höchstleistungsalters gegenüber. Gesellschaftliche Einflüsse wie die zunehmende Kommerzialisierung wirkten auch auf die Bereitschaft von Spitzenathleten, so lange als möglich im bezahlten Leistungssport zu verweilen, ein. Die Altersgrenzen verschoben sich zum Teil. Sowjetische Sportwissenschaftler unterschieden für die 80er Jahre drei Altersbereiche in denen sportliche Spitzenleistungen erbracht werden können:

(Vgl.: Rost, K.: Zu einigen übergreifenden Problemen der zeitlichen Strukturierung des langfristigen Aufbaus sportlicher Höchstleistungen in der DDR. In: Theorie und Praxis des Leistungssports, 27 (1989) Heft 2, S. 9).

Daraus ergaben sich auf verschiedenen Ebenen Schlußfolgerungen. Sie betrafen insbesondere auch das Anschlußtraining und erforderten dort eine stärkere sportartspezifische Differenzierung sowohl in der inhaltlichen als auch in der zeitlichen Gestaltung.

Rost war durchaus zuzustimmen, wenn er eine verstärkte Ausrichtung des Trainings auf den für die jeweilige Sportart optimalen Bereich, auf das „eigentliche Hochleistungsalter“ forderte. Das hatte Auswirkungen auf die differenzierte Gestaltung des Anschlußtrainings. Es mußte, abhängig von der Spezifik der Sportart und dem individuellen Entwicklungsstand des einzelnen Sportlers, sowohl einen fließenden Übergang zum Hochleistungsbereich als auch eine zeitliche Streckung des Trainings ermöglichen. Besonders für Sportarten mit einem spätem Hochleistungsalter galt es unter diesen Aspekten das bisherige Anschlußtraining zu überprüfen und konzeptionell weiter zu entwickeln. Es mußte mehr Geduld aufgebracht und eine weitere zeitliche Ausdehnung des Anschlußtrainings um mehrere Jahre akzeptiert werden. Ein derartiges Vorgehen sollte längere Phasen für den Ausbau des Basispotentials und damit für die weitere Entwicklung der Leistungen ermöglichen. Auch Wettkämpfe und internationale Juniorenmeisterschaften bedurften in diesen Sportarten einer veränderten Einordnung und Bewertung. (Vgl.: Rost, K., a. a. O., S.15 und 20).

In gewisser Weise bestätigen die bei den Olympischen Spielen 2000 und 2002 von Olympioniken, die aus dem Ausbildungssystem des DDR-Sports hervorgegangen sind, erbrachten Leistungen diese Thesen. Mit dem Abstand von 10 und mehr Jahren bewiesen meines Erachtens diese Athleten im Biathlon, im Rodeln, im Eisschnellaufen, im Bahn- und Straßenradsport sowie in den Wurf- und Stoßdisziplinen der Leichtathletik, daß bei einer entsprechenden inhaltlichen und zeitlichen Gestaltung des Anschluß- und Hochleistungstrainings weitaus länger Spitzenresultate zu halten und auszubauen sind. Hier darf sicherlich nicht außer acht gelassen werden, daß neben trainingsmethodischen auch wichtige andere, soziale und psychische Faktoren einen großen Einfluß darauf ausüben, wie lange der einzelne Athlet seine sportliche Karriere fortzuführen bereit ist.

Grundsätzlich ging es im Anschlußtraining darum, individuelle Lösungen und Entwicklungswege zu beschreiten. Die verstärkte Individualisierung bildete einen Schwerpunkt in dieser Etappe. Sie war Aufgabe und Grundsatz zugleich und durchdrang alle Teile der Ausbildung. Sie bestimmte die Feinplanung des Trainings über Makro-, Meso- und Mikrozyklen bis hin zur täglichen praktischen Durchführung und Auswertung des Trainings. Die Sportler wurden in die dezentrale bzw. zentrale Leistungsdiagnostik einbezogen. Ihre sportärztliche Betreuung und Kontrolle erfolgte in den Sportclubs und in den sportmedizinischen Hauptberatungsstellen auf hohem Niveau. Die schulische bzw. berufliche Entwicklung wurde individuell gestaltet und ermöglichten eine optimale Konzentration jedes Einzelnen auf die anstehenden Trainings- und Wettkampfaufgaben. Die Anschlußkader trainierten nicht mehr wie im Aufbautraining nach dem Altersklassenprinzip, sondern in Leistungsklassen oder im Einzeltraining und wurden durch ihre Trainer individuell betreut und geführt. Mit dieser Etappe endete das Nachwuchstraining. Für die Besten begann der steile und schwierige Aufstieg in die Weltspitze!