Nachwuchsleistungssport

Sichtung, Auswahl und Normensysteme

Es hatte ganz praktische Gründe, daß wir uns auch relativ frühzeitig mit der Sichtung und Auswahl von sportlichen Talenten befaßten. Die Olympischen Spiele 1960 und 1964 bestärkten uns in der Schlußfolgerung, daß die künftige Entwicklung des Hochleistungssports langfristig gesehen vor allem vom Niveau des Nachwuchssports abhängig sein würde. Wollten wir unsere Position im internationalen Sport weiter verbessern, dann mußten wir uns logischerweise verstärkt der Sichtung, der Auswahl und der Förderung der besten Nachwuchstalente in unserem Lande zuwenden.

Auch die an den Kinder- und Jugendsportschulen am Ende der fünfziger Jahre entstandene Situation drängte zunehmend darauf, die jährliche Aufnahme geeigneter Schüler grundlegend zu verbessern.

Schließlich war uns klar, daß die DDR als relativ kleines Land mit einer Bevölkerung von 17 Millionen Einwohnern und einer Geburtenrate, die in den 60er Jahren zwischen 300 bis 250 Tausend Kindern pro Jahr lag, um so dringender einer effektiven Sichtung und Auswahl sportlich talentierter Kinder und Jugendlicher bedurfte. Die zunehmende Verbreitung des Sports unter der heranwachsenden Generation bot dafür günstige Voraussetzungen.

Die Ende der 50er und Anfang der 60er Jahre in der Pädagogik, in der Psychologie wie insgesamt in der Volksbildung über Probleme der Begabung und Fähigkeitsentwicklung geführte Diskussion erwies sich auch für den Sport als sehr anregend und nützlich. Vor allem Veröffentlichungen sowjetischer Psychologen wie Rubinstein und Leontjew vermittelten neue Impulse, regten sie doch dazu an, alte, ideologisch belastete Standpunkte zur Begabungstheorie zu überwinden. So wurde der Einfluß äußerer und innerer Bedingungen auf die Begabung und die Fähigkeiten des Individuums anerkannt und eine einseitige Hervorhebung der ererbten Anlagen wie auch der passiven und aktiven Umwelteinflüsse relativiert. In den 60er Jahren fand eine derartige komplexe Sichtweise weitgehende Zustimmung. Dabei wurde im Rahmen dieses Komplexes die Rolle, der Tätigkeit des Menschen, seiner Erziehung und Bildung nachhaltig unterstrichen. (Vgl.: Beiträge zum Begabungsproblem. Volk und Wissen Volkseigener Verlag Berlin, 1962).


Sportliche Begabung, Talent, Eignung

Das blieb nicht ohne Einfluß auf die im Sport und in der Sportwissenschaft geführte Diskussion um sportliche Begabung, Talent und Eignung. Etwa ab 1964 begannen an der DHfK erste Forschungsarbeiten zur Talenterkennung. Und ich erinnere mich noch: Als ich 1965/66 als Direktor der Forschungstelle der DHfK in Leipzig tätig war, berieten wir mit Klaus Kupper und Manfred Jüling über die Forschungsrichtung und über die ersten Ergebnisse ihres Forschungsvorhabens zur Erarbeitung wissenschaftlich begründeter Eignungsmerkmale für Sportschwimmen. Mit ihren weiteren Arbeiten schufen sie nicht nur für das Sportschwimmen, sondern insgesamt wichtige Grundlagen für die Sichtung und Auswahl sportlicher Talente im Leistungssport der DDR.

Statt der Begriffe Talent, Talentsichtung und -auswahl, die nach unserem Ermessen inhaltlich sehr breit gefächert und auch stark auf ererbte Anlagen orientiert waren, setzten sich im DDR-Sport die Termini Eignung, Eignungsbestimmung und -beurteilung durch. Unter Eignung verstanden wir in Anlehnung an Kupper einen sportartspezifisch strukturierten Komplex von Fähigkeiten und Voraussetzungen, den ein Sportler für das Erreichen von hohen Leistungen in der ausgewählten Sportart benötigt. (Vgl.: Kupper, K.: Zu Fragen der Dialektik von Training und Eignung sowie einigen wesentlichen Konsequenzen für die Sportpraxis. In: Theorie und Praxis des Leistungssports, 14 (1976) Beiheft I-II, S. 144). Als Summe bestimmter Voraussetzungen für sportliche Leistungen umfaßte Eignung sowohl die durch Training entwickelbaren körperlichen Fähigkeiten als auch anlagebedingte individuelle Körperbaumerkmale und anatomisch-physiologische Besonderheiten. Training als zielgerichtete Tätigkeit zur Vorbereitung sportlicher Leistungen wurde in diesem Kontext als Hauptfeld der Eignungsentwicklung und Eignungsbeurteilung betrachtet. Die aktuelle Wettkampfleistung fand die notwendige Berücksichtigung. Doch sie bot keine ausreichende Sicherheit, um das Entwicklungspotential von Kindern und Jugendlichen zu erkennen und zu prognostizieren. Nach unserem Verständnis beschränkte sich die Eignungserkennung nicht nur auf eine Zustandsanalyse. Sie schloß zugleich eine prognostische Einschätzung über das Entwicklungspotential und über die weitere Entwicklung der jungen Sportler ein.

Bei der wissenschaftlichen Ausarbeitung und praktischen Umsetzung dieser Hypothesen übernahmen solche Sportarten wie Sportschwimmen, Leichtathletik und Turnen eine gewisse Schrittmacherfunktion. Im Sportschwimmen entstand bereits im Verlaufe der 60er Jahre ein zunehmend wissenschaftlich fundiertes Sichtungs- und Auswahlsystem. Es vermittelte in vielerlei Hinsicht Anregungen für andere Sportarten und für ein übergreifendes System der Sichtung und Auswahl. Die 2. Tagung des Bundesvorstandes des DTSB stellte 1970 dafür die Weichen. Mit maßgeblicher Unterstützung durch die Sportwissenschaft sollten in den Sportarten wissenschaftlich begründete Auswahlkriterien erarbeitet werden. In Anlehnung an das sich herausbildende Fördersystem sollte langfristig ein Auswahlsystem mit drei Stufen entstehen:


Bis zum Jahr 1975 sollten die erforderlichen Auswahlkriterien und -verfahren für die KJS und für die Trainingszentren erarbeitet und in der Praxis eingeführt werden. (Vgl.: Kupper, K./ Thieß, G.: Die Schaffung wirksamer Auswahlsysteme für den Leistungssport in der Deutschen Demokratischen Republik. In.: Theorie und Praxis des Leistungssports, 9 (1971) Beiheft I-II, S. 36).


Zur einheitlichen Sichtung und Auswahl für die Trainingszentren

Nach einer zweijährigen Erprobung im Bezirk Leipzig wurde bereits 1973 die „Einheitliche Sichtung und Auswahl für die Trainingszentren und Trainingsstützpunkte des DTSB“ - abgekürzt ESA - im gesamten Territorium der DDR eingeführt. Sie wurde gemeinsam von den Einrichtungen der Volksbildung und den Leitungen des Turn- und Sportbundes organisiert und sollte sich zur Hauptform der Sichtung und Auswahl von sportlich geeigneten Kindern für die 1. Förderstufe entwickeln. 1976 wurde dieses Programm überarbeitet und präzisiert. In den achtziger Jahren erfolgten weitere Veränderungen.

Mit der ESA sollten keineswegs die seit Jahren bestehenden Sichtungsformen der Sportverbände ersetzt oder gar eingestellt werden. Solche bewährten Sichtungsaktionen wie die Kleine Friedensfahrt im Radsport, die Wettbewerbe um den stärksten Lehrling oder um die Urkunde des Staatsratsvorsitzenden hatten nach wie vor ihre volle Berechtigung. Sie ergänzten zunehmend die ESA in ihrer Gesamtwirkung.

Worin bestanden die Vorzüge der neu eingeführten einheitlichen Sichtung und Auswahl?


Ungeachtet vieler anfänglicher Schwierigkeiten bewies die ESA ihre Wirksamkeit schon in kurzer Zeit. Die Zahl der Kinder die über die ESA in die Trainingszentren aufgenommen wurden, stieg in der Folgezeit stark an. Zuvor bestehende Disproportionen in der Anzahl von Jungen zu Mädchen konnten zunehmend mit Hilfe der einheitlichen Sichtung und Auswahl gesteuert und verringert werden. Schon 1974 konnten auf diesem Wege 17000 Kinder für die TZ und TS gewonnen werden. Und ein Jahr später wurde in den Sportarten Geräteturnen, Schwimmen, Wasserspringen und Leistungsgymnastik die Aufnahmekapazität der Trainingszentren voll und ganz durch die ESA abgesichert. (Vgl.: Brunner, G.: Erkenntnisse, Probleme und Aufgaben bei der Erziehung und Ausbildung der Sportler in der 1. Förderstufe auf der Grundlage einer wirksamen Durchsetzung der Trainingsprogramme der Sportverbände. In: Theorie und Praxis des Leistungssports 14 (1976) Beiheft I-II, S. 7).

Anfangs wurde die mit den Ministerium für Volksbildung vereinbarten Sichtungsmaßnahmen in den Klassenstufen 1, 3 und 7/8 durchgeführt. Doch im Verlaufe der Jahre erwies es sich als zweckmäßiger, die Sichtungen auf die 1. und die 3. sowie auf die 6. und 9. Klasse zu konzentrieren. In der „Grundlinie für die perspektivische Entwicklung des Leistungssports der DDR bis zum Jahr 2000“ vom 27.10.1987 wurden dazu die erforderlichen Entscheidungen getroffen.

In der 1. Klasse ging es um die Sichtung geeigneter Kinder für Turnen, Leistungsgymnastik, Sportschwimmen und Wasserspringen, alles Sportarten mit einem frühen Hochleistungsalter. Im Mittelpunkt dieser Überprüfungen standen 6 Kontrollwerte, die sich auf Körperbaumerkmale (Körperhöhe, -gewicht und Körperbauproportionen) sowie auf die Ausprägung der koordinativen Fähigkeiten bezogen.

Die Sichtung in der 3. Klasse betraf (mit Ausnahme von Eiskunstlauf) alle anderen Sportarten. Sie sollte möglichst alle Schulen und Schüler erfassen und stellte ohne Zweifel die umfangreichste und organisatorisch aufwendigste Überprüfung dar. Abhängig von der schwankenden Jahrgangsstärke der Geburten in der DDR (1964 - 282 Tausend, 1970 - 231000, 1975 - 178000, 1980 - 241 Tausend) wurde prozentual eine zunehmend größere Anzahl der Schüler in die ESA einbezogen. Für das Jahr 1984 waren es 82 % aller Jungen und 87 % aller Mädchen. Ein meines Erachtens sehr gutes Ergebnis!

Anzahl der Geburten in der DDR im Vergleich zu den durch die ESA erfaßten MädchenAnzahl der Geburten in der
DDR im Vergleich zu den
durch die ESA erfaßten Mädchen
Anzahl der Geburten in der DDR im Vergleich zu den durch die ESA erfaßten JungenAnzahl der Geburten in der
DDR im Vergleich zu den
durch die ESA erfaßten Jungen

Inhaltlich wurde neben den Körperbaumerkmalen vor allem das Niveau der konditionellen und koordinativen Fähigkeiten ermittelt. Die Sportlehrer der Schulen nutzten dafür die im Zusammenhang mir dem Schuljahresabschluß durchzuführenden Leistungskontrollen im Sportunterricht. Ebenso beurteilten sie die biologische Entwicklung der Kinder.

Die Überprüfung in der 6. Klasse trug den Charakter einer Nachsichtung. Sie ermöglichte eine nochmalige Sichtung aller der Schüler die entwicklungsbedingt in der 3. Klasse noch nicht die Auswahlnormative zu erfüllen vermochten.

In der 9. Klasse handelte es sich vor allem um eine nochmalige Größensichtung. Daran waren besonders solche Sportarten wie Rudern, Volleyball, Handball sowie die Wurf-, Stoß- und Sprungdisziplinen der Leichtathletik interessiert. Zugleich wurde diese Nachsichtung auch für die Auswahl von auffällig kleinen und leichten Schülern genutzt, die mit ihren körperlichen Voraussetzungen für Sportarten mit Gewichtsklassen wie Boxen, Ringen oder Gewichtheben geeignet erschienen.

Übersicht über die Auswahlschritte innerhalb der Einheitlichen Sichtung und Auswahl (Stand 1974)Übersicht über die Auswahlschritte
innerhalb der Einheitlichen
Sichtung und Auswahl
(Stand 1974)

Organisatorisch vollzogen sich die Sichtungs- und Auswahlmaßnahmen in zwei Arbeitsschritten für welche die Organe der Volksbildung und die Leitungen des Sportes eine unterschiedliche Zuständigkeit trugen. Der erste Arbeitsschritt wurde unter Verantwortung der territorialen Leitungen der Volksbildung durch die Sportlehrer in den Schulen vollzogen. Sie ermittelten im Rahmen des Sportunterrichts die erforderlichen Sichtungsdaten, gaben eine Beurteilung der Schüler aus der Sicht der Schule und übermittelten die entsprechende Unterlagen den territorialen Leitungen des DTSB. Nach einer EDV-gestützten Bearbeitung dieser Daten erfolgte dann unter der Verantwortung der Kreisvorstände des DTSB ein zweiter Arbeitsschritt - die sportartspezifische Auswahl. Dazu wurden alle die Schüler eingeladen, welche die von den Sportverbänden erarbeiteten Auswahlnormative in einer oder in mehreren Sportarten erfüllt hatten. Trainer und Übungsleiter lernten die für ein Training in den TZ vorgesehenen Kandidaten persönlich kennen und überprüften sie unter sportartspezifischen Gesichtspunkten nochmals gründlich. Durch die Sportärztlichen Beratungsstellen in den Kreisen wurde der Gesundheitszustand der jungen Sportler kontrolliert und die notwendige Zustimmung zu einem leistungssportlichen Training gegeben. Ebenso mußte die Einwilligung der Eltern eingeholt werden. Die Eltern wurden dazu angeschrieben, zu Schülerversammlungen eingeladen oder in persönlichen Gesprächen über die mit der Aufnahme in ein TZ verbundenen Aufgaben und zeitlichen Anforderungen an ihre Kinder informiert. Die Eltern wurden auch darauf aufmerksam gemacht, daß es sich in den TZ und TS um ein Probetraining handelte.

Besonders in der Anfangsphase der Einführung der ESA gab es in der Koordinierung aller Beteiligten noch größere Mängel und Schwierigkeiten. So erschienen in den ersten Jahren - 1974/75 - im Durchschnitt nur etwas mehr als die Hälfte der nach dem ersten Sichtungsschritt eingeladenen Schüler zur sportartspezifischen Überprüfung. Eine Ursache bestand in der mangelnden Information der Eltern. Im Ergebnis verstärkter Anstrengungen stellten sich in den folgenden Jahren sichtbare Fortschritte ein. Die ESA fand damit wachsende Zustimmung als hauptsächliche Sichtungs- und Auswahlform für die 1. Förderstufe. Sie stellte einen neuen, erfolgversprechenden Weg der Sichtung und Auswahl sportlicher Talente dar. Damit waren anspruchsvolle inhaltliche und organisatorische Aufgaben verbunden, die nur durch das abgestimmte, kameradschaftliche Zusammenwirken von Sportorganisation, Sportwissenschaft und Schule in der DDR gelöst werden konnten.


Zur Auswahl für die KJS/SC

Was die Auswahl der Sportler für die KJS anbetraf, so übernahmen ab 1963 die Sportverbände die Verantwortung für die Trainingsprogramme und für die sportlichen Vorgaben zur Auswahl der Schüler. Unter Berücksichtigung der schulischen Leistungen, der bisherigen persönlichen Entwicklung, des Gesundheitszustandes und der Erfüllung der Anforderungen des jeweiligen Sportverbandes entschied der Direktor der Schule in Übereinstimmung mit dem Vorsitzende des Sportclubs und den zuständigen Trainern über die Aufnahme.

In den Jahren davor trug die Schule allein die Aufnahmeentscheidung. Ungeachtet ihrer oft sehr ideenreichen Werbung und Sichtung blieben - wie bereits an anderer Stelle eingeschätzt - die Ergebnisse hinter den Erwartungen zurück. Oftmals wurden sportlich wenig geeignete Schüler an den KJS aufgenommen.

Unter der fachlichen Führung der Sportverbände wurden Schritt für Schritt aussagefähige Tests und Eignungsnormen eingeführt. Sie widerspiegelten den damaligen Wissensstand und orientierten sich weitgehend an sportpraktischen Erfahrungswerten. In Sportarten mit meßbaren Leistungen führte man am Beispiel von Spitzen- und Nachwuchssportlern Längsschnittuntersuchungen durch und leitete daraus Anforderungsprofile, Tests und Kenngrößen für die KJS-Aufnahme ab. Diesem Vorgehen lag jedoch immer noch die Annahme zugrunde, daß Kinder und Jugendliche mit hohen sportlichen Leistungen bzw. Leistungsvoraussetzungen auch später als Erwachsene mit großer Wahrscheinlichkeit hohe Wettkampfleistungen erzielen würden. Individuelle Entwicklungsvorgänge, biologisches und kalendarisches Alter sowie die Zeitdauer und der Einfluß des Trainings fanden vorerst kaum die erforderliche Aufmerksamkeit. Im Verlaufe der 70er Jahre setzte sich die inzwischen an der DHfK aufgebaute Eignungsforschung zunehmend mit den bisher erreichten Ergebnissen, Mitteln und Methoden der Eignungsbeurteilung für die KJS und Trainingszentren kritisch auseinander. Die auf diesem Gebiet tätigen Wissenschaftler entwickelten effektivere Arbeitsansätze und -methoden der Eignungsdiagnostik und -prognose, die als erstes in der Auswahl für die KJS Anwendung fanden.

In einem Rückblick unterschied Kupper auf diesem Wege drei Etappen der Eignungserforschung.

  1. Etappe - Beurteilung der Eignung auf Grund der Wettkampfleistung (Leistungsvergleich)
  2. Etappe - Beurteilung der Eignung auf Grund der Wettkampfleistung und des Niveaus sowie der bisherigen Entwicklung ihrer Faktoren, Voraussetzungen und Bedingungen (Leistungs- und Entwicklungsdiagnostik)
  3. Etappe - Beurteilung der Eignung im Hinblick auf die künftige Leistungsentwicklung (Leistungsprognose).

(Vgl.: Kupper, K.: Zur Vervollkommnung der Eignungsbeurteilung im Nachwuchsleistungssport der DDR. In: Theorie und Praxis des Leistungssports. 18 (1980) Heft 6, S. 4).

In der zweiten Hälfte der 70er Jahre hatten wir ein Niveau erreicht, das weitgehend der 2. Etappe entsprach. Nach dem Beispiel solcher Sportarten wie Leichtathletik und Sportschwimmen waren in nahezu allen Sportverbänden eine mehr oder minder große Anzahl von möglichen Eignungskriterien bestimmt worden. Die entsprechenden Testergebnisse und personalen Daten kennzeichneten die aktuell erreichte Ausgangsposition des jeweiligen Sportlers und bildeten die Grundlage für die Auswahlentscheidungen. Untersuchungen offenbarten jedoch, daß die Aussagerelevanz der einzelnen Kriterien sehr unterschiedlich war und keine komplexe Wertung der Eignungsbeurteilung erlaubte. Für die KJS-Auswahl in der Leichtathletik zeigte sich zum Beispiel, daß im Rahmen solcher Tests wie 30- und 60-Meter-Lauf, Dreierhop und Kugelweitwurf der Aussagewert des 60-Meter-Laufs überschätzt und der Zusammenhang und die Wechselwirkung der einzelnen Testergebnisse untereinander ungenügend berücksichtigt wurden. Auch zwischen den Resultaten dieser Tests zum Zeitpunkt der ESA und zum Beginn des ersten KJS-Jahres konnte an Hand von Korrelationsberechnungen kein positiver Zusammenhang festgestellt werden. Diese und andere Ergebnisse relativierten auch den Wert von „Indikatoren der Eignungsermittlung“ wie sie von Thieß in dem von Harre herausgegebenen Lehrbuch Trainingslehre ab 1973 empfohlen wurden. (Vgl.: Autorenkollektiv: Trainingslehre. Sportverlag Berlin 1973, S. 35-37).

Sowohl in der Eignungsforschung als auch in der Sportpraxis schälte sich mehr und mehr die Einsicht heraus, daß weder die in Wettkämpfen gezeigten Leistungen noch die durch Tests bzw. Messungen ermittelten aktuellen Leistungsvoraussetzungen und Körperbaumerkmale allein ausreichend sind, um wissenschaftlich begründete, sichere Aussagen und Voraussagen zur Eignung von jungen Sportlern für künftige Spitzenleistungen zu treffen. Es mußten neue, sichere Methoden der Eignungsbeurteilung entwickelt werden, in deren Zentrum der objektive „Zusammenhang zwischen Wettkampfleistung und den ihre Entwicklung bestimmenden Leistungsvoraussetzungen“ stand. (Vgl.: Kupper. K.: a. a. O., S. 33).

Dazu stellte die Forschungsgruppe Eignung/Auswahl an der DHfK ab 1977 ein eignungsdiagnostisches Verfahren vor, das sich als neue Grundmethode der Eignungsbeurteilung im Leistungssport der DDR bewähren sollte. Nach der Einführung und Überprüfung in drei Sportarten wurden in den achtziger Jahren im Ergebnis aufwendiger Quer- und Längsschnittuntersuchungen immer mehr Sportarten einbezogen. Der Übergang in eine neue, dritte Etappe wurde damit eingeleitet.

Die Vorzüge der neuen eignungsdiagnostischen Verfahren bestanden vor allem im folgenden:


Als praktisches Ergebnis dieses Verfahrens erhielten die für die KJS-Auswahl zuständigen Leiter und Trainer differenzierte EDV-Ergebnislisten. Sie enthielten für den einzelnen KJS-Kandidaten eine Einschätzung der Erfüllung der von den jeweiligen Sportverband gestellten Aufnahmenormative, eine Beurteilung der Wettkampfleistung und wesentlicher leistungsbestimmender Faktoren sowie Informationen über das biologische Alter und die zu erwartende Körperfinalhöhe. Weiter wurden die Resultate von Leistungsprognosen an Hand einer 100-Punkte-Skala dargestellt und in Hinblick auf das Hochleistungsalter interpretiert. Besonders hinsichtlich der Leistungsprognose wurde bei diesem Verfahren eine neue, höhere Qualität erzielt. Im Vergleich dazu gestattete die bisherige Eignungsbeurteilung nur eine verbale Einschätzung.

Die Umsetzung des neu entwickelten eignungsdiagnostischen Verfahrens führte in der Praxis zu einer weiteren Verbesserung der Auswahl talentierter Sportler für die KJS. Sie leitete auch wichtige Veränderungen in der Auswahl sportlich geeigneter Kinder für die Trainingszentren ein, da sich Grundlagen und Methoden der Eignungsbeurteilung auf beiden Ebenen nicht wesentlich unterschieden. Jedoch wurden für die KJS-Auswahl mehr Daten erfaßt. Auch der Umfang und die Bewertung sportartspezifischer Informationen war größer bzw. intensiver als für die TZ-Auswahl.


Zur Entwicklung von Normensystemen

Anfang der 80er Jahre hatten Eignungs- und Leistungsdiagnostik, Trainingsplanung und Trainingsauswertung im DDR-Leistungssport einen solchen Reifegrad erreicht, daß es sich aus wissenschaftlichen wie praktischen Gründen anbot, die gewonnenen Erkenntnisse und Erfahrungen zusammenzuführen und sportartspezifische Normensysteme aufzubauen. Im Leistungssportbeschluß für den Olympiazyklus 1980-84 wurde deshalb durch uns vorgeschlagen, ab 1982 „einheitliche, durchgängige Normensysteme für die vier Trainingsetappen“ einzuführen. Wir konnten uns dabei auf positive Erfahrungen stützen, die in Sportarten wie Leichtathletik, Sportschwimmen, Handball, Eisschnellaufen und anderen bereits gewonnen wurden. Hier hatte sich für das Grundlagen und Aufbautraining die Anwendung von Normen, die im Verlaufe der jeweiligen Ausbildungsetappen von den Trainierenden erfüllt werden sollten, bewährt.

In der 1. Förderstufe gab es seit 1975 die zentrale Überprüfung im 2. TZ-Jahr. Sie erfaßte 21 olympische Sportarten und wurde unter der Hauptverantwortung der Bezirksvorstände des DTSB jährlich durchgeführt. Dabei wurden etwa 20 Tausend TZ-Sportler einbezogen. Das Ziel dieser Normenüberprüfungen bestand darin, nach einem zweijährigen Training zu ermitteln, wie die auf eine vielseitige Ausbildung der Nachwuchssportler gerichteten Programme der Sportverbände umgesetzt wurden. Als Grundlage dienten die Tests und Normenprogramme der Verbände. Die Bearbeitung der Daten mittels EDV ermöglichte eine umfangreiche und zugleich sehr differenzierte Analyse. Sie erwies sich für eine verbesserte inhaltliche Führung des Nachwuchssportes durch die Sportverbände, die Bezirks- und Kreisvorstände des DTSB als überaus nützlich. Die Ergebnisse wurden nicht nur zur Kontrolle des Ausbildungsstandes der Sportler genutzt; sie unterstützten auch den Auswahlprozess und die Auswahlentscheidungen am Ende des zweiten TZ-Jahres. In Vorbereitung auf die KJS-Delegierung wiederholten einige Bezirke diese Normenüberprüfung auch im dritten Trainingsjahr.

Diese Entwicklung erforderte zunehmend eine einheitliche Orientierung für alle Leitungsebenen und alle Trainingsetappen. Ende 1983 befaßte sich der Zentrale Trainerrat im DTSB mit dieser Thematik und bestätigte Hauptpositionen „Zur Weiterentwicklung der Normensysteme im DDR-Leistungssport“. Berechtigt sahen wir seiner Zeit in derartigen Normensystemen wichtige Bausteine zur weiteren Gestaltung des langfristigen Leistungs- und Trainingsaufbaus. Wir erkannten darin eine Entwicklungsreserve, die durch andere Länder bislang kaum erschlossen und genutzt wurde.

Mit der Entwicklung derartiger Normensysteme sollte nach unserer Einschätzung


Auf diesen Aufgaben aufbauend, verstanden wir unter Normensystemen im Leistungssport ein miteinander verknüpftes Gefüge von "sportartspezifische(n) Leistungsnormen, die als durchgängige und etappenspezifische Kennziffern den langfristigen individuellen Leistungsaufbau komplex für zielgerichtete Trainings- und Auswahlentscheidungen sowie für leitungspolitische Leistungsvergleiche unterstützen und bewerten helfen". (Vgl.: Zentraler Trainerrat des DTSB der DDR: Zur Weiterentwicklung der Normensysteme im DDR-Leistungssport. Internes Material vom 15.1.1984, S. 3).

Drei Arbeitsschwerpunkte wurden für die weitere inhaltliche Gestaltung der sportartspezifischen Normensysteme besonders hervorgehoben:

Sie sollten sich am langfristigen Trainings- und Leistungsaufbau der Sportart ausrichten und von dort her die Normenanforderungen für die einzelnen Trainingsetappen ableiten.

Die individuellen Unterschiede insbesondere im biologischen, kalendarischen und im Trainingsalter der Sportler mußten unbedingt in differenzierten Normanforderungen und -bewertungen der Sportarten ihren Niederschlag finden.

Es mußte eine zunehmende wissenschaftlicher Durchdringung der Normen in den Sportarten berücksichtigt und gewährleistet werden.“ (Vgl.: Zentraler Trainerrat...a. a. O.: S. 3-5).

Wie bereits zur Eignungsforschung erwähnt, erwies es sich als vordringlich, den Zusammenhang zwischen den Normen für Wettkampfleistungen, für Leistungsvoraussetzungen und zur personalen Entwicklung wissenschaftlich abzuklären und solche dominante Normen zu definieren, für die ein hoher Einfluß auf die Wettkampfleistung nachgewiesen war.

Die Umsetzung der oben angeführten Schwerpunkte erfolgte vor allem im Olympiazyklus 1985 - 88. Die neuen Trainingsmethodischen Grundkonzeptionen (TGK) der Verbände erreichten zum Teil eine höhere Aussagekraft bezüglich der Kennziffern und Normen. Aus der prognostisch abgeleiteten Leistungsstruktur wurden die Zielnormen für den Spitzenbereich und die Normenanforderungen für die Übergänge von der einen zur folgenden Trainingsetappe dargestellt. Besondere Beachtung fanden das biologische Alter und das Trainingsalter, in dem erstmals versucht wurde differenzierte Normenvorgaben zu erarbeiten. In solchen Sportarten, wo diese Vorgaben noch nicht wissenschaftlich gestützt werden konnten, mußte auf die in der Praxis gewonnenen Erfahrungswerte ausgewichen werden. Auf den TGK aufbauend wurden in den Rahmentrainingsplänen für das Aufbautraining und in den Trainingsprogrammen für das Grundlagentraining die jährlichen Normenkennwerte aufgeführt. Für diese Trainingsetappen bezogen sich diese Werte auf Altersklassen, für das Anschlußtraining auf Leistungsklassen. Die Kontrolle über die Entwicklung der Leistungen und Leistungsvoraussetzungen der Sportler der 1. und der 2. Förderstufe oblag - auf der Basis der Normenvorgaben - vor allem den Sportverbänden. Sie führten dazu gesonderte Überprüfungswettkämpfe durch bzw. nutzten ausgeschriebene Wettkämpfe in den Bezirken. Die zentral festgelegten Normenüberprüfungen konzentrierten sich auf das 2. und 3. TZ-Jahr sowie auf das Ende des Aufbautrainings. Die Ergebnisse dieser Überprüfungen wurden auch weiterhin sportartenübergreifend ausgewertet. Dabei wurden u. a. Ranglisten aufgestellt, die für alle Überprüfungsteilnehmer einer Sportart, eines Bezirkes oder einer KJS/SC ausgedruckt werden konnten. Diese und andere Auswertungsmaterialien (z. B. Analyseberichte zu den Kinder- und Jugendspartakiaden) bildeten eine wichtige Grundlage für die zielbewußte inhaltliche und leitungspolitische Führung des Nachwuchssportes.