Nachwuchsleistungssport

Fördersystem, langfristiger Aufbau und Kaderpyramide

Organisations- und Leitungsaufbau, Wettkampf- und Trainingssystem, Sichtung und Auswahl stellten die Grundpfeiler des Fördersystems im Leistungssport der DDR dar. Einen wichtigen Platz nahm auch die allseitige schulische, berufliche und soziale Unterstützung der Leistungssportler ein. Die vom Staatssekretariat für Körperkultur und Sport und den ihm unterstellten Einrichtungen getragene Forschung und technische Entwicklung, die sportmedizinische Betreuung sowie die Aus- und Weiterbildung der Trainer und Übungsleiter beeinflußten und durchdrangen in starken Maße das Fördersystem. Es verknüpfte letztlich alle diese Komponenten zu einem einheitlichen Ganzen und gewährleistete damit eine komplexe sportliche, berufliche und personelle Entwicklung der Sportler unter den konkreten gesellschaftlichen Bedingungen der DDR als sozialistischer Staat.


Fördersystem und langfristiger Leistungsaufbau

Im einzelnen erfüllte das Fördersystem folgende Funktionen: Es


Das Fördersystem des Leistungssports in der DDR zeichnete sich durch seine hohe Komplexität und Stabilität aus. Es gewährleistete dadurch wiederholbar die Vorbereitung einer großen Zahl junger, talentierter Sportler auf sportliche Höchstleistungen.

Der langfristige Leistungsaufbau bildete gewissermaßen das inhaltliche Kernstück unseres Fördersystems. Er umfaßte die inhaltliche Gestaltung und die zeitliche Struktur des Auswahl-, Trainings- und Wettkampfprozesses von der Aufnahme des Trainings durch die Sportler bis zum Ende der Phase sportlicher Höchstleistungen. Besondere Kennzeichen des langfristigen Leistungsaufbau waren seine, durch die fortlaufende Weiterentwicklung des Trainings, der Wettkämpfe und der sportlichen Leistungen bestimmte, Dynamik, seine Systematik und Flexibilität.

Zeit- und Etappenstruktur des LLA in ausgewählten Disziplingruppen der Leichtathletik, Vergleich DDR - UdSSRZeit- und Etappenstruktur des LLA
in ausgewählten Disziplingruppen
der Leichtathletik,
Vergleich DDR - UdSSR
Prinziplösung für den langfristigen Prozeß der Leistungsentwicklung im Eisschnellauf zum Erreichen von WeltspitzenleistungenPrinziplösung für den langfristigen
Prozeß der Leistungsentwicklung
im Eisschnellauf zum Erreichen
von Weltspitzenleistungen
Zeitliche Strukturierung des langfristigen Leistungsaufbaus im SkilanglaufZeitliche Strukturierung
des langfristigen Leistungs-
aufbaus im Skilanglauf

Wie bereits geschildert, vollzog sich dieser Aufbau im Leistungssport der DDR über vier Trainingsetappen. Damit entstand, in Abhängigkeit von der jeweiligen Sportart, ein zeitlicher Rahmen von 15 bis 20 und mehr Jahren. Die Spezifik der ausgewählten Sportart, das Höchstleistungsalter, biologische und psychische Entwicklungsfaktoren sowie grundlegende wissenschaftliche und trainingsmethodische Erkenntnisse prägten maßgeblich die inhaltliche und zeitliche Gestaltung des langfristigen Aufbaus. Sie fanden die entsprechende Berücksichtigung in den Trainingsmethodischen Grundkonzeptionen (TGK) der Sportverbände. In ihnen wurde das konkrete Konzept des langfristigen Trainings- und Leistungsaufbaus für die Sportart bzw. Disziplingruppe dargestellt.. Für Spitzenathleten und Anschlußkader erarbeiteten die Trainer individuelle Entwicklungsprogramme. Dagegen erfolgte die Planung des langfristigen Trainings- und Leistungsaufbaus der Sportler im Grundlagen- und Aufbautraining über Rahmentrainingspläne und Trainingsprogramme, die aus den TGK abgeleitet und auf Alters- und Leistungsklassen ausgerichtet waren. Aller 4 bzw. 2 Jahre erfolgte in der Regel eine Überprüfung und Erneuerung der Konzeptionen. Besonders in Auswertung der Olympischen Spiele 1988 entwickelte sich eine schöpferische Diskussion um die weitere Gestaltung des langfristigen Leistungsaufbaus. In einer Reihe von Sportarten wurden das bisherige Vorgehen auf den Prüfstand gestellt, Vergleiche zu anderen Ländern gezogen und neue Lösungsvarianten gesucht. Die hier dargestellten Konzepte aus drei Sportarten sind Beispiele dafür.


Einige Bemerkungen zur Kaderpyramide

Die Zahl der in den 3 Förderstufen trainierenden Sportler bildete in ihrer Gesamtheit eine gewisse Kaderpyramide. Dieser seit vielen Jahren im Sport geläufige Begriff beruht bekanntlich auf der Erfahrung, daß eine breite Basis von trainierenden und an Wettkämpfen teilnehmenden Sportlern die beste Voraussetzung dafür ist, daß sich daraus die Besten zu Spitzenathleten entwickeln können.

Bekanntlich hatte bereits der Begründer der Olympischen Spiele der Neuzeit, Pierre de Coubertin, auf den wechselseitigen Zusammenhang von Breiten- und Spitzensport hingewiesen.

"Damit hundert ihren Körper bilden", so Coubertin, "ist es nötig, daß fünfzig Sport treiben, und damit fünfzig Sport treiben, ist es nötig, daß zwanzig sich spezialisieren; damit sich aber zwanzig spezialisieren, ist es nötig, daß fünf zu überragenden Gipfelleistungen befähigt sind." (Vgl.: Coubertin, de P.: Olympische Erinnerungen, Frankfurt/M.: Limpert Verlag 1959, S. 219).

Für den Leistungssport der DDR erhielt dieser Begriff eine besondere Bedeutung, als wir mit den Aufbau der 1. Förderstufe begannen. Zehntausende am Sport interessierte Mädchen und Jungen kamen in die Trainingszentren und -stützpunkte und strebten danach ein hervorragender Fußballspieler, Leichtathlet(in) oder Turner(in) zu werden. Bald stand fest, daß dieser zumeist spontane Zustrom in die verschiedenen Sportarten gesteuert werden mußte. Wir vertraten die Auffassung, daß alle geförderten Sportarten über annähernd gleiche Rahmenbedingungen verfügen müßten, um aus einer gewissen Breite heraus sportliche Spitzenleistungen vorbereiten zu können. Das machte eine bestimmte Planung und Steuerung erforderlich. Die Sportverbände entwickelten dazu ihre Vorschläge, die zunehmend zu verbindlichen Vorgaben für die Arbeit der Kreis- und Bezirksvorstände des DTSB wurden. Später kamen , wie bereits in anderen Abschnitten dargestellt, differenzierte Kenngrößen und Normen hinzu. Die Kaderpyramide nahm immer mehr Gestalt an. Sie wurde zu einem wichtigen Faktor im langfristigen Aufbau sportlicher Spitzenleistungen.

Schematische Darstellung der KaderpyramideSchematische Darstellung
der Kaderpyramide

Die Zahlen der in dieser Kaderpyramide trainierenden Sportler sind mehrfach veröffentlicht worden und weitgehend bekannt. Sie schwankten im Verlaufe der Jahre zwischen 65 und 70 Tausend Trainierenden in der 1. Förderstufe, zwischen 10 und 12 Tausend in der 2. und zwischen 3200 und 3500 Sportlern in der 3. Förderstufe. Diese Schwankungen waren nur zum Teil auf solche äußeren Einflußfaktoren wie die geburtenschwachen Jahrgänge in der Zeit von 1981 bis 1987 zurückzuführen. Sie wurden meines Wissens im wesentlichen durch die verbesserte Sichtung und Auswahl, durch eine differenziertere Planung, durch Korrekturen in der Anzahl der trainierenden Mädchen sowie durch Veränderungen in der Standortverteilung von TZ und TS ausgelöst.

über die vielen Jahre hatten sich in der praktischen Arbeit bestimmte Größenverhältnisse zwischen den Förderstufen bzw. den Trainingsetappen herausgebildet. So ergab sich ein zahlenmäßiges Verhältnis zwischen den trainierenden Sportlern der 1. und 2. Förderstufe von etwa sechs zu eins und von ca. drei zu eins zwischen der 2. und 3. Förderstufe. Ebenso hatte sich praktisch bestätigt, daß die etwa 10- bis 11-tausend im dritten TZ-Jahr trainierenden Jungen und Mädchen eine ausreichende Basis darstellten, um daraus jährlich annähernd 2500 sportlich geeignete Schüler und Schülerinnen für die Kinder- und Jugendsportschulen zu gewinnen. Diese Richtwerte lagen auch der Planung für den Zeitraum nach 1988 zu Grunde.

Generell verfügten wir mit der sich ständig erneuernden Kaderpyramide über die erforderlichen personellen Voraussetzungen, um auch künftig unsere im internationalen Leistungssport errungene Position zu behaupten und zu festigen. Die hauptsächlichsten Entwicklungsmöglichkeiten sahen wir in einer noch wirkungsvolleren Sichtung und Auswahl sportlicher Talente und in deren optimaler Förderung, Ausbildung und Erziehung.

Vor allem auf diesem Weg entwickelte sich in mehr als drei Jahrzehnten der Leistungssport in der DDR zu einem der effektivsten Sportsysteme in der Welt. Aus ihm gingen mehrere Generationen von Spitzensportlern hervor, welche die internationale Entwicklung der sportlichen Leistungen maßgeblich mitbestimmten. Viele von ihnen trugen sich durch ihre Siege und Rekorde bei Olympischen Spielen und Weltmeisterschaften und durch ihr kämpferisches, faires Verhalten für immer in die Geschichtsbücher des Sports ein.

Nach meiner Einschätzung stellte der Aufbau dieses leistungsfähigen Fördersystems, das es über Jahre so vielen jungen Talenten ermöglichte die Weltspitze in ihren Sportarten zu erreichen, eine der wohl bedeutendsten, schöpferischen Leistungen des Sports der DDR dar.


Aufgaben und Projekte nach den Olympischen Spielen 1988

Es liegt mir fern zu behaupten, daß unser Fördersystem des Leistungssports in allem perfekt gewesen sei. Mir ist die Gefahr einer Verklärung vergangener Erfolge durchaus bewußt. Ihr ist nicht immer zu entgehen. Das gilt um so mehr, wenn man an diesen Erfolgen in bestimmter Form selbst beteiligt gewesen ist. Ich verkenne auch nicht den allzeit bestehenden Widerspruch zwischen Ideal und Wirklichkeit. Vieles, was wir in unseren Beschlüssen und Plänen wollten, konnte nicht überall oder gleich gut umgesetzt werden. Manches scheiterte an den objektiv bestehende Bedingungen, anderes an subjektiven Mängeln und inkonsequentem Verhalten. Niveauunterschiede hemmten noch größere Fortschritte in der Arbeit. Wir standen stets für eine kritische und selbstkritische Bewertung des durch uns Erreichten. Kreatives Denken und ständiges Erneuern waren gefragt, wollte man Spitzenleistungen erzielen. Beides - Schöpfertum und Erneuerung - kennzeichneten die Arbeit im Leistungssport der DDR.

Von einer solchen Position aus, möchte ich in Kurzform auf einige Entwicklungsprobleme unseres Fördersystems hinweisen.

Was das System insgesamt betrifft, so kam es meines Erachtens darauf an, seine Flexibilität zu erhöhen und die Übergänge von einer Stufe zur anderen noch wirksamer zu gestalten. In den beiden Etappen des Nachwuchsbereiches mußte insbesondere die Zielgerichtetheit der Arbeit aller Beteiligten und ihre spezifische Mitverantwortung für das Gesamtziel des langfristigen Leistungsaufbaus weiter ausgeprägt werden.

Entsprechend ihrer Schlüsselfunktion verlangte das eine fortlaufende Verbesserung des Qualifikations- und Leistungsniveaus der tätigen Trainer in Hinblick auf die zu erwartenden sportpraktischen und wissenschaftlich-technischen Veränderungen. Im Nachwuchssport galt es die eingeleitete Spezialisierung der Trainer fortzuführen. Die gesellschaftliche, materielle und finanzielle Anerkennung der Trainer waren - besonders in diesem Bereich - weiter auszubauen.

Im langfristigen Trainings- und Leistungsaufbau mußte offensichtlich eine noch stärkere Differenzierung nach Sportarten/Disziplinen, nach den Geschlechtern sowie nach den biologischen Entwicklungsstand der trainierenden Kinder und Jugendlichen durchgesetzt werden.

Die fortlaufende Erneuerung der Trainingskonzeptionen aller Sportarten war zu gewährleisten. In einer Reihe von Sportarten war es unbedingt erforderlich, eine Verlängerung der Phase höchster Leistungsfähigkeit von Spitzenathleten anzustreben. Die Verbesserung der Leistungssituation im Männerbereich mußte auch künftig zu einem Schwerpunkt der trainingspraktischen und wissenschaftlichen Arbeit gemacht werden.

Einen weiteren Schwerpunkt bildete die Gruppe der technisch-akrobatischen Sportarten. Hier erforderte das niedrige Höchstleistungsalter zwingend Alternativen. Wollte man mit der internationalen Entwicklung Schritt halten, so waren durch den DTSB und die betreffenden Sportverbände die erforderlichen Maßnahmen für einen Beginn eines Grundlagentrainings bereits im Vorschulalter einzuleiten bzw. auszubauen. Bereits vorliegende Erfahrungen waren dafür zu nutzen und nach Möglichkeit vor Ort auch schulisch zu unterstützen.

Die seit 1987 gemeinsam mit dem Ministerium für Volksbildung eingeleiteten Veränderungen der Einheitlichen Sichtung und Auswahl (ESA) bildeten eine ausgezeichnete Grundlage, um die Sichtung und Auswahl sportlicher Talente noch wirksamer zu gestalten. Positive Ergebnisse waren besonders bei der Nachsichtung und bei der sogenannten Größensichtung zu erwarten. Für die auf diesem Wege gewonnenen Mädchen und Jungen mußte flexibel der spätere Zugang in die 2. Förderstufe geschaffen werden. Ebenso galt es die in den zurückliegenden Jahren gewonnenen guten Erfahrungen beim Wechsel (Umdelegierung) von Nachwuchsathleten von einer Sportart in eine andere zu verbreitern, besser zu steuern und wissenschaftlich zu stützen. Dadurch hätte die immer noch zu große Zahl der frühzeitig ausscheidenden Sportler weiter verringert werden können.

Was die Spartakiadewettkämpfe anbetraf, so bestand die Absicht, ihren Inhalt und ihre Bewertung noch konsequenter auf die im Grundlagen- und im Aufbautraining geforderte breite Vielseitigkeit der Leistungsvoraussetzungen und Leistungen auszurichten. Darüber hinaus stellte sich die Aufgabe, auch andere Wettkämpfe zunehmend so zu gestalten, daß ihr Inhalt weitgehend mit dem inhaltlichen Aufgaben des Nachwuchstrainings übereinstimmte. Eine überaus anspruchsvolle Aufgabe, für die sich meines Wissens nach in anderen Ländern kaum ein Beispiel fand. Ebenso gab es interessante, nicht ausdiskutierte Vorschläge die Zentralen Spartakiaden künftig in eine Spartakiade für Kinder und Jugendliche zu teilen. Auf diese Weise sollte den Sportlern der 1. Förderstufe, die bisher nur in einem Jahrgang an den zentralen Wettkämpfen beteiligt waren, ein Start in mindestens drei Jahrgängen ermöglicht werden.

Die Mehrzahl der hier dargestellten Aufgaben und Probleme fand ihren Niederschlag in den 1987 und 1989 bestätigten Beschlüssen über die Entwicklung des DDR-Leistungssports bis zum Jahre 2000. Es fehlte also keinesfalls an Ideen, an Vorschlägen und an realisierbaren Maßnahmen, um unser Fördersystem weiter zu erneuern und noch effektiver zu machen.(Vgl.: Grundlinie für die perspektivische Entwicklung des Leistungssports der DDR bis zum Jahre 2000. SAPMO-BArch. DY 30/JIV2/2/2245).


Gemeinsam mit der Volksbildung

Abschließend einige Bemerkungen zu unserer Zusammenarbeit mit dem Ministerium für Volksbildung. Nach meinem Überblick war sie auf allen Ebenen kameradschaftlich, sachlich und verständnisvoll. Das traf auf das Zusammenwirken in den Orten, Kreisen, Bezirken und auch der zentralen Leitungen zu.

Seit Jahren bestand auch zwischen den im Sekretariat des DTSB für den Leistungssport verantwortlichen Mitgliedern und den im Kollegium des Ministeriums zuständigen Leitern ein generell ein gutes und korrektes Verhältnis. Wie überall im Leben beeinflußten verschiedentlich subjektive Momente das gemeinsame Vorgehen positiv oder negativ.

Was mich anbelangt, so habe ich über viele Jahre gern und ergebnisreich mit dem Stellvertretenden Minister Werner Engst zusammen gearbeitet. Gemeinsam haben wir 1985 die Kinder- und Jugendsportkonferenz in Leipzig vorbereitet und durchgeführt. Im Kollegium des Ministeriums habe ich mehrfach das Anliegen des Sports vertreten können und dabei den auf die Sache gerichteten Arbeitsstil von Margot Honecker und ihres Stellvertreters Werner Lorenz kennen und schätzen gelernt. Selbst Pädagoge, versuchte ich in allen miteinander zu klärenden Fragen stets auch die Ausgangsposition und die Interessen der Vertreter der Volksbildung zu verstehen und bei unseren Überlegungen zu beachten.

Die polytechnische Oberschule war in der DDR vor allem eine allgemeinbildende Schule, deren erstrangiges Anliegen es war, alle Schüler zu einer soliden Erfüllung der staatlich vorgegebenen Lehrplanziele zu führen. Das galt für die leistungsstärkeren wie für die lernschwächeren Schüler. Unsere Schulen bemühten sich um alle. Das schränkte ihren Spielraum für eine umfangreiche spezielle Förderung von besonderen Begabungen objektiv ein. Bei den insgesamt hohen Stundenzahlen führte jede zusätzliche Aufgabe - wie der Aufbau von Nachmittags-KJS oder von Sportklassen - zu einer erheblichen Mehrbelastung der betreffenden Schüler, die leicht (was wir Leute vom Sport oft auch unterschätzten) zu Überforderungen und zu einer Gefährdung der schulischen Aufgaben führen konnte. Schließlich waren auch die Belange der Sportlehrer genügend zu berücksichtigen, die insgesamt und besonders durch den krankheitsbedingten Ausfall von Unterrichtsstunden oft erhebliche Mehrbelastungen auf sich nehmen mußten.

Unter solchen Ausgangspositionen mußten unsere ständig neuen Wünsche und Vorschläge, die wir aus dem sich sehr rasch verändernden internationalen Leistungssport und dem Entwicklungspotential unseres Fördersystems ableiteten, natürlich Reibungen auslösen. Um so mehr ist es anzuerkennen, daß wir immer wieder Verständnis für die Belange des Leistungssports fanden und weitreichende Lösungen verwirklichten. So gab es, die mit uns abgestimmte grundsätzliche Bereitschaft des Ministeriums, sich neu ergebende Anforderungen im Bereich der KJS und der ESA zu unterstützen und entsprechende Veränderungen durchzusetzen. Probleme entstanden dann, wenn es sich darüber hinaus um Eingriffe in das bestehende allgemeine Unterrichtssystem handelte. Aber auch hier fanden wir oftmals ein offenes Ohr für wissenschaftliche Expertisen, Erprobungen in der Praxis und für eventuelle Einzellösungen vor Ort. Zwischen uns bestand weder ein „lang andauernder Streit“ noch ein „Dauerkonflikt“ um „Expansionspläne des DTSB im Nachwuchsleistungssport“, bei denen es nach den Denkmustern gewisser Leute nur Niederlagen des einen und Erfolge des anderen gab. (Vgl.: Teichler, H.-J., Reinartz, K.: Das Leistungssportsystem der DDR in den 80er Jahren und im Prozeß der Wende. Verlag Karl Hofmann Schorndorf.1999, S. 124 und 148).

Das Zusammenwirken der Leitungen des Sports und des Ministeriums für Volksbildung wurde vor allem durch die gemeinsame Verantwortung für den Sport und die allseitige Entwicklung der Kinder und Jugendlichen in unserem Lande bestimmt. Die dabei von beiden gesellschaftlichen Bereichen zu lösenden Aufgaben mußten dabei abgestimmt und zu gemeinsam erarbeiteten Lösungen und Kompromissen geführt werden. Das geschah stets - und auch in den Beratungen in Vorbereitung des Leistungssportbeschlusses für den Zeitraum bis zum Jahre 2000 - in einer sehr sachlichen und kameradschaftlichen Atmosphäre und mit dem erforderlichen Verständnis für die Belange und Interessen des anderen.

Im Übrigen sprechen die Ergebnisse dieser Zusammenarbeit für sich.

Gemeinsam wurden


über 1600 Sportlehrer arbeiteten in den Trainingszentren mit und etwa 10000 Übungsleiter des DTSB unterstützten den Übungs- und Wettkampfbetrieb in den Schulsport-gemeinschaften. (Vgl.: Anlage zum Brief vom Minister Margot Honecker an Egon Krenz vom 27.3.1987. SAPMO BArch, DY30/IV2/2039/250, Bl. 2).

Das alles widerspiegelt die Ergebnisse unserer langjährigen, für beide Seiten fruchtbaren Gemeinschaftsarbeit, um die uns damals viele andere Länder beneideten.

Wenn man heute die Veröffentlichungen vermeintlich seriöser Zeitgeschichtler der BRD über den Nachwuchs- und Hochleistungssport der DDR liest, so löst das oft nur Verwunderung, Unverständnis und Entrüstung aus. Sieht man von den wiedergegebenen Dokumenten, Zitaten und Namen einmal ab, glaubt man, daß es sich um einen anderen Sport als jenen, den man selbst erlebt und mit gestaltet hat, handeln müsse. Die politisch tendenziöse Wertung, die Unkenntnis der realen Zusammenhänge, die Fehler im Detail sind nicht zu übersehen. Manchmal sprechen schon die Überschriften Bände. Arroganz gegenüber der engagierten Arbeit vieler Menschen und Häme gegenüber den heute Unterlegenen führten bei einigen Autoren offensichtlich die Feder. Man vermißt sachliche Betrachtung, vorurteilsfreie Bewertung oder gar Anerkennung.

Auch fällt auf, daß der Vergleich mit der damaligen bzw. mit der heutigen Situation in der BRD oder mit dem international Erreichtem, so scheint es mir, tunlichst vermieden wird.

Und offenbar geschieht das nicht unbeabsichtigt. Es ist schon sehr bemerkenswert, wenn man erst heute, nahezu 50 Jahre nach der Einrichtung der ersten Kinder- und Jugendsportschulen in der DDR, mehr und mehr dazu bereit ist, die Vorzüge dieser Spezialschulen des Nachwuchssports anzuerkennen. Obwohl seit Jahren in anderen Ländern erfolgreich erprobt, erfolgt ihr (modifizierter) Aufbau in den alten Bundesländern immer noch zögerlich und oft auch gegen Widerstand. Und auch zum Thema Schulsport sollte man nicht mit Steinen werfen, wenn man selbst im Glashaus sitzt. Statt der seit langen geforderten praktischen Maßnahmen gegen den Stunden- und Qualitätsabbau hört man bislang nur Wünsche, Absichtserklärungen und Sonntagsreden.

Ausnahmen bestätigen die Regel. So schrieb Winfried Joch in seiner Monographie "Das sportliche Talent":

"Seit es nun auch das DDR-Sport-System nicht mehr gibt, das mit seinen Kinder- und Jugendsportschulen ein Höchstmaß an Effektivität in der Ausbildung und Förderung von Sporttalenten erreicht hat, ist die Talentfrage offener denn je. Trotz einer fast unübersehbaren Fülle von Einzelmaßnahmen ist vom bundesdeutschen Sport ein eigenes und schlüssig-einheitliches Konzept kaum entwickelt worden."

(Vgl.: Joch, W.: Das sportliche Talent. Meyer & Meyer Verlag Aachen 1992, S. 11)