Vorwort

"Im Sport war die DDR das Land der Sieger;
                      weltweit sprach man vom 'Sportwunder DDR'."

Ich teile dieses selbstbewußte Urteil des bekannten Sportjournalisten und Buchautors Volker Kluge, das er an den Anfang seines Buches "Das große Lexikon der DDR-Sportler" stellt. Es erinnert mich an einen der vielen Glanzpunkte des DDR-Sports: Die Olympischen Spiele 1988 in Seoul, bei denen ich das Olympiateam der DDR als Chef de Mission leiten durfte.

Die Athleten unserer Mannschaft errangen damals 102 Medaillen, 37 davon in Gold. Jede siebente der insgesamt bei diesen Spielen zu vergebenden Medaillen ging an ein Mitglied unseres Teams. Insgesamt platzierten sich in 145 von 158 Disziplinen Sportler aus der DDR jeweils unter den zehn Besten der Welt. Ein beeindruckender Beleg für Leistungsspitze und Leistungsdichte! Nicht wenige der damaligen Olympiateilnehmer setzten nach 1990 ihre Laufbahn fort und erbrachten - frei vom Verdacht des Dopings - über Jahre auch weiter Weltspitzenleistungen.

Die Frage nach den Ursachen für dieses "Wunder" bewegte damals die Sportpresse und die Wünsche nach Interviews wollten kein Ende nehmen. Auf einer Pressekonferenz in Seoul sagte ich sinngemäß: Bitte berichten Sie auch darüber, dass in unserer Hauptstadt Berlin 93 Prozent aller Schüler am Ende der 4. Klasse das Schwimmen erlernt haben.

Damals wie heute gilt: Wenn man den Sport und Leistungssport in der DDR verstehen will, dann muß man vor allem ihren Systemcharakter verstehen. Im Leistungssport bestand dieses System aus einem Netzwerk von Elementen, Faktoren und Prozessen, die langfristig auf das Erreichen von sportlichen Höchstleistungen gerichtet waren und in deren Mittelpunkt Sportler und Trainer, Bildung und Erziehung, Training und Wettkampf und deren weitgehend optimale gesellschaftliche und wissenschaftliche Unterstützung standen.

In vielen Sportarten und Disziplinen waren die Sportler und Trainer der DDR besser und erfolgreicher als andere. Ihre hervorragenden Leistungen lassen sich nicht trennen von den Konzepten und dem System das ihren Erfolgen zu Grunde lag. Auch diese Konzepte und dieses System waren offensichtlich besser, effektiver und erfolgreicher.

In meiner Homepage wird der Versuch unternommen, die Entwicklung dieses Systems und die Ursachen und Wirkfaktoren für den über viele Jahre andauernden Aufstieg des DDR-Leistungssports in die Weltspitze darzustellen. Als Zeitzeuge, der drei Jahrzehnte an der Gestaltung des Leistungssports in der DDR aktiv mitgewirkt hat, habe ich mich, der Gefahr einer gewissen Verklärung bewusst, bemüht, meine Erfahrungen, Erkenntnisse und Erinnerungen weitgehend durch schriftliche Quellen zu stützen. So wurden alle für die Entwicklung des Hoch- und Nachwuchsleistungssports wesentlichen Beschlüsse des Präsidiums des Deutschen Turn- und Sportbundes der DDR (DTSB) ausgewertet. Ihre Umsetzung in der Praxis wurde nach Möglichkeit an Hand von Fakten, Trainings- und Leistungsdaten, Analyse- und Forschungsberichten belegt. Eine weitere wichtige Quelle bildeten auch die schriftlich vorliegenden Referate auf den in Zwei- bzw. Vierjahresabständen durchgeführten "Leistungssportkonferenzen". Auf diesen zentralen Tagungen, an denen ein Großteil der Trainer, Sportwissenschaftler, Sportärzte und Leiter teilnahm, erfolgte eine .auf Auswertungsmaterialien der Sportverbände, Sportclubs und Wissenschaftseinrichtungen aufbauende Einschätzung des Erreichten sowie die Orientierung auf die hauptsächlichen Aufgaben eines neuen Olympiaabschnitts.

Gestützt auf derartige Quellen stellte ich im Frühjahr 2001 meine Webseite mit einem Kapitel über den Hochleistungssport in das Internet. Bis Ende 2003 folgten zwei weitere Kapitel über den Nachwuchssport und über Grundlagen, Funktionen und Ziele des Leistungssports in der DDR.

Meine Darlegungen stehen im Gegensatz zu dem von Geschichtsklitterung geprägten Zerrbild, das seit 1990 von einer Reihe von Sporthistorikern und Journalisten gezeichnet wird, die selbst nie im Sport der DDR gelebt, geschweige denn ihn in seinen Systemzusammenhängen erfasst und verstanden haben. Umso mehr hat mich die Aufgeschlossenheit vieler sportinteressierter Menschen, insbesondere vieler Schüler, Studenten und junger Sportwissenschaftler an meiner Webseite und ihr Interesse an authentischen Zeitzeugenaussagen, an Quellenmaterial und schlüssigen Konzepten beeindruckt.

Inzwischen besuchten Tausende die Homepage. Per E-Mail erreichten mich über 150 Zuschriften und Anfragen, nicht nur aus Deutschland und dem deutschsprachigen Raum, sondern auch aus anderen Ländern. Zuweilen entstand daraus ein reger Meinungsaustausch, der neue Kontakte eröffnete, bei dem ich Fragen beantwortete und der mir auch Freude und Befriedigung bereitete. So wuchs in den letzten Monaten die Idee, aus den geführten Dialogen ein Kapitel zusammenzustellen, in dem Fragen zum Sport und Leistungssport in der DDR, die von allgemeinen Interesse sein könnten, beantwortet werden. Die Themenbreite reicht von der gesellschaftlichen bzw. außenpolitischen Bedeutung des Sports, der Motivation der Athleten, der Stellung der Trainer, der Talentsichtung und -auswahl, über Kampfsport, Triathlon, Doping bis hin zum mentalen Training. Das neue Kapitel, das ich "Fragen und Antworten zum Sport in der DDR" benannt habe, enthält neben den aus E-Mails ausgewählten Fragen und Antworten auch noch ein Interview mit Sportredakteuren der Tageszeitung Neues Deutschland vom 21.12.2000 sowie einen Artikel zu den "Dopingprozessen" gegen Trainer, Sportärzte und Sportfunktionäre der DDR.

Ich hoffe, dass mit diesem Abschnitt meine Homepage weiter an Aussagewert gewinnt und die Diskussion um das vielschichtige, bei weitem noch nicht voll erschlossene Erbe dieses erfolgreichen Sportsystems weiter befördert wird.

Horst Röder
März 2008


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